Porträt

60 Jahre individuelle Technik für den Kunden

| Autor: Stéphane Itasse

Mitarbeiter mit Know-how und Erfahrung sind die große Konstante bei Ottemeier.
Mitarbeiter mit Know-how und Erfahrung sind die große Konstante bei Ottemeier. (Bild: Ottemeier)

Es war 1958, als Rudolf Ottemeier im Alter von 23 Jahren das Gründerfieber packte. Mit einer Stanze, die er selbst aus gebrauchten Teilen gebaut hatte, startete er die Produktion von Kragenstäbchen.

Erst wenige Jahre zuvor war dafür der Kunststoff „Mylar“ auf den Markt gekommen, damit wurden die Kragenstäbchen für Herrenhemden waschbar und bügelfest. Diese Vorteile im Vergleich zu den bis dahin gebräuchlichen Kragenstäbchen aus Blech, die man vor dem Waschen immer aus dem Hemd entfernen musste, kamen bei den damals noch zahlreichen Textilherstellern in seiner Heimat Ostwestfalen gut an. Der Start in die Selbstständigkeit glückte, auch mithilfe seiner späteren Ehefrau Maria-Elisabeth, die zunächst an der Stanze produzierte. Allerdings erkannte Ottemeier in seinem Weitblick noch etwas anderes: Die Textilindustrie wanderte immer mehr in Länder mit geringeren Lohnkosten ab. Schon kurze Zeit nach der Unternehmensgründung besann er sich deshalb auf seinen erlernten Beruf des Werkzeugmachers und startete eine zweite Sparte. Zu den ersten Kunden, die Ottemeier mit Werkzeugen belieferte, gehörten Tenge in Rietberg, Nosag Drahtfedern in Neuenkirchen, Hörmann in Steinhagen, Werne und Bielefeld, Miele in Gütersloh, Westfälische Metall Industrie in Lippstadt und Benteler in Paderborn. Immerhin verblieb die Kragenstäbchenproduktion bis Ende 2014 im Unternehmen – und bis heute im Logo. „Jeden seiner Kunden hat mein Vater zunächst selbst akquiriert“, erinnert sich Marion Ottemeier-Esken, Tochter von Rudolf Ottemeier und heute Geschäftsführerin. Dazu ist er mit seiner BMW Isetta durch ganz Deutschland gefahren. Doch auch aus dem Ausland kamen bald Kunden für die Kragenstäbchen dazu.

Umzug wegen schnellen Wachstums

Das Unternehmen wuchs schnell, der Firmensitz an der Paderborner Straße 502 in Verl wurde zu klein. Deshalb bezog Ottemeier 1972 zusätzlich einen Neubau im Gewerbegebiet des Stadtteils Kaunitz am Kapellenweg 45 – bis heute die Adresse des Werkzeug- und Sondermaschinenbauers. „Damals war das alles hier noch grüne Wiese, wir waren die ersten in diesem Gewerbegebiet“, erinnert sich Ottemeier-Esken.

Der Anfang war vergleichsweise klein: Zunächst standen am neuen Standort nur 1080 m² zur Verfügung. Doch baute das Unternehmen etwa alle fünf Jahre Halle um Halle an, erwarb 2001 das Nachbargelände aus einer Insolvenz heraus, renovierte dessen Gebäude und kommt heute auf insgesamt mehr als 11.000 m² Produktions- und Büroflächen. Bis 2008 war noch das Drahterodieren am ursprünglichen Sitz beheimatet, erst dann folgten Maschinen und Mitarbeiter an den Kapellenweg.

Sondermaschinen ergänzen Werkzeuge

Waren schon die Werkzeuge für jeden Kunden individuell, kamen individuelle Sondermaschinen als weiterer Meilenstein des Unternehmens ab dem Jahr 1976 dazu. „Damals gab es einen großen Bedarf an Automatisierung, aber nur wenige Hersteller“, berichtet die Geschäftsführerin. Entsprechend viel mussten die Unternehmensmitarbeiter ausprobieren. Zu den ersten Maschinen des Herstellers gehörten eine Anlage, auf der automatisch Kreditkarten produziert werden konnten, und eine Presse zum Aufbringen neuartiger Bremsbeläge, nachdem Asbest verboten worden war.

Und das Thema Automatisierung ist nach wie vor hochaktuell: „Industrie 4.0 ist unser täglich Brot, es ist das, was die Kunden wollen“, sagt Ottemeier-Esken. Das Unternehmen liefert dabei mal Komponenten für eine Maschine, mal sind es komplette Systeme. „Oft werden wird auch als Generalunternehmer beauftragt, beispielsweise von Rittal oder Hörmann – da gehört schon Vertrauen dazu“, berichtet die Geschäftsführerin. Und sie bilanziert weiter: „Wir haben tolle Kunden, es macht richtig Spaß, mit ihnen zusammenzuarbeiten.“

Im Jahr 1980 begann dann nicht nur Ottemeier-Esken ihre Ausbildung im väterlichen Unternehmen, auch die erste große Fräsmaschine wurde gekauft, eine Anlage von Droop+Rein. Die Mitarbeiter waren damals skeptisch: Was will der Chef mit so einer großen Maschine? Doch nach einem Retrofit läuft sie noch immer.

Das Thema Automatisierung und Industrie 4.0 ist freilich nicht nur für die Kunden von Ottemeier interessant, auch im eigenen Haus wird es vorangetrieben – mit Augenmaß. „Die Roboterautomation im Drahterodierbereich ist seit einem Jahr einsatzbereit. Beim Fräsen lohnt sich das allerdings nicht, weil wir eher einzelne Großteile als viele Kleinteile bearbeiten. Deshalb planen wir die Erneuerung des Maschinenparks mit Bearbeitungszentren mit Palettenwechsler, um hauptzeitparallel rüsten zu können“, sagt Ottemeier-Esken. Trotz all der Neuerungen gibt es aber eine große Konstante bei Ottemeier Werkzeug- und Maschinentechnik: die Mitarbeiter. 20 von ihnen sind seit mehr als 26 Jahren im Unternehmen, die Fluktuation ist äußerst niedrig. „Das Gehalt muss stimmen, aber der Rest muss auch stimmen“, verrät Ottemeier-Esken das Erfolgsgeheimnis und bekräftigt: „Man muss jede Arbeit respektieren, egal ob es die des Ingenieurs oder des Hilfsarbeiters ist.“

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