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Exklusiv-Interview

„Der Karosseriebau muss flexibler werden“

| Redakteur: Stéphane Itasse

Das Thema Industrie 4.0 können die deutschen Autohersteller dank ihrer Ressourcen stark vorantreiben. Was dies für die Blechbearbeitung bedeutet, erläutert Prof. Matthias Putz, Institutsleiter für den Wissenschaftsbereich Werkzeugmaschinen, Produktionssysteme und Zerspanungstechnik am Fraunhofer- IWU in Chemnitz, im Exklusivinterview.

„Wir müssen den Mehrwert durch die Digitalisierung noch präzisieren“, sagt Prof. Matthias Putz, Institutsleiter für den Wissenschaftsbereich Werkzeugmaschinen, Produktionssysteme und Zerspanungstechnik am Fraunhofer-IWU in Chemnitz.
„Wir müssen den Mehrwert durch die Digitalisierung noch präzisieren“, sagt Prof. Matthias Putz, Institutsleiter für den Wissenschaftsbereich Werkzeugmaschinen, Produktionssysteme und Zerspanungstechnik am Fraunhofer-IWU in Chemnitz.
( Bild: Fraunhofer-IWU )

Für die Automobilhersteller spielt die Blechbearbeitung insbesondere im Karosseriebau eine Rolle. Aus diesem Grund veranstaltet das Fraunhofer -IWU am 14. und 15. November 2017 das 8. Chemnitzer Karosseriebau-Kolloquium unter dem Motto „Karosseriebau im Wandel“.

Welche Faktoren werden den Karosseriebau in den kommenden Jahren am stärksten verändern?

Es kommt nicht der Riesenumbruch auf uns zu, die Themen Werkstoffe, Fügetechnik oder Ramp-up der Produktion bleiben uns erhalten. Die größte Veränderung kommt allerdings durch die Elektromobilität. Die Frage ist: Wie kann man die vorhandenen Fertigungsanlagen nutzen, um auch die neuen Karosserien für Elektroautos darauf zu bauen? Bisher sind die hochautomatisierten Anlagen in den Presswerken und in der Karosseriefertigung auf einen Prozess ausgerichtet, bei einem Modellwechsel muss entsprechend aufwendig umgerüstet werden. Diese Wandelbarkeit der Anlagen wird uns sehr beschäftigen. Das ist zum einen ein Thema der Automatisierung – wir werden uns angewöhnen, mit jedem Roboter und jeder Spannvorrichtung zu kommunizieren –, zum anderen ist es auch ein Thema der Logistik. Hinzu kommt die Frage, wie man den Menschen wieder darin integrieren kann. Automatisierung kann nicht alles, der Mensch kann seine Stärken zum Beispiel dann einbringen, wenn es darum geht, schnelle Entscheidungen situativ zu treffen.

Welchen Mehrwert bringen die Digitalisierung und Industrie 4.0?

Die Digitalisierung ist eine Methode, aber niemand macht Digitalisierung um der Digitalisierung willen – sie muss einen Mehrwert bringen. Dabei sind manche Anwendungen aus der Consumer-Welt schon weiter: Es ist zum Beispiel möglich, in Autos zu erfassen, wann die Scheibenwischer in Betrieb sind, und zusammen mit den Positionsdaten zu errechnen, wo genau es derzeit regnet. Solche „Regensensoren“ gibt es aber noch zu wenig in der Industrie. Wir sind noch nicht so weit, dass wir das Wissen aus vernetzten Informationen ableiten können. Das heißt auch, dass wir den Mehrwert durch die Digitalisierung noch präzisieren müssen. Wir befassen uns zum Beispiel auch deshalb zusammen mit österreichischen Kollegen mit Fragen des Reifegrades von Industrie 4.0 in der praktischen Anwendung.

An welchen Punkten innerhalb der Prozesskette kann man besonders große Produktivitätsgewinne durch Digitalisierung und Industrie 4.0 erwarten?

Es geht immer noch um das Spannungsfeld von Produktivität und Kosten. In diese Thematik werden wir mit der Vernetzung weiter hineingehen. Es gibt bereits den digitalen Zwilling, was wir anstreben, ist ein digitales Ebenbild dessen, was in der Produktion genau passiert. Ich erwarte auch interessante Ergebnisse durch die Verknüpfung von Produktion und Logistik. Die Logistik war aus Sicht der Produktion oft nur ein notwendiges Übel, dabei gibt es hier noch viele Potenziale für Fortschritte. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch aufpassen, dass wir das Know-how der Menschen nicht verlieren, wenn wir es in Industrie 4.0 überführen. Insbesondere in Deutschland haben wir viele Know-how-Träger in der Produktion, ein Know-how, das wir dem Standort erhalten müssen. Da sind wir gefordert, uns auch Gedanken zu machen, welche Kernkompetenzen hier bleiben sollen.

An welcher Stelle des Weges hin zu Industrie 4.0 ist Ihrer Beobachtung nach die Industrie bereits angelangt?

Auf einer Skala von null bis zehn würde ich sagen, wir sind etwa bei drei. Wir haben bei Industrie 4.0 sehr schöne Inseln, aber wir wollen damit auch einen Wert erzeugen. Da sind wir noch nicht so weit, zum Teil fehlt auch die entsprechende Denkweise, denn es fehlt auch an Geschäftsmodellen. Andere Länder wie die USA oder Israel können gerade bei den Geschäftsmodellen Vorbild sein. Der deutsche Ingenieur weiß zwar genau, wie es funktioniert, aber das Geld verdienen bisher zumeist die anderen. Wie man einen Mehrwert beim Kunden erzeugt, das können wir auch von Unternehmen aus dem Consumer-Bereich lernen – und müssen uns auch ihres Wettbewerbsdrucks bewusst sein.

Was ist auf dem Kurs zu Industrie 4.0 in der Blechbearbeitung für die Forschung noch zu tun?

Wir forschen hier stark am Thema Komplexität. Wenn man sich die bisherigen industriellen Revolutionen eins bis drei ansieht, erkennt man, dass die Industrie immer komplexer geworden ist. Wir haben als Menschen eine Antwort darauf gefunden, indem wir uns spezialisiert haben. Es gibt Spezialisten für bestimmte Aufgaben und auch die Unternehmen haben sich nach Branchen spezialisiert. Industrie 4.0 bietet uns mehr und mehr die Möglichkeit, Komplexität zuzulassen. Mit Big Data und künstlicher Intelligenz – wo wir in nächster Zeit große Fortschritte sehen werden – haben wir die Möglichkeit, in die Komplexität hineinzufragen und die Grenzen der bisherigen Wissensgebiete zu überschreiten. Dieses Überschreiten der Grenzen bringt ja auch die meisten neuen Erkenntnisse. Durch die Digitalisierung ist es wie bei Google oder Wikipedia: Man muss nicht alles kennen, was darin steht, um eine brauchbare Antwort zu bekommen. Der Charme liegt darin, die richtigen Fragen zu stellen.

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