Automobil-Design Designschmiede für vollendete Formen

Redakteur: Luca Meister

Vom Rapid Prototyping bis zur Kleinserie: Cecomp stellt für Autohersteller Prototypen und Modelle her, um deren neue Designs zu optimieren. Außerdem produziert das italienische Unternehmen Elektroautos, Konzeptautos und Karosseriekomponenten.

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(Bild: Icona)

Schön übereinandergestapelt liegen Karosseriebleche herum, eines perfekt ins nächste gelegt, alle identisch. Ein älterer Herr hämmert sanft und gezielt auf einem gewölbten Blech herum, das sich leicht um einen Amboss krümmt. Jeder Schlag des Profis sitzt, seine volle Konzentration sieht man ihm an. Verschiedene Hämmer mit unterschiedlichen Schlagflächen und Gewichten hängen an der Werkzeugwand hinter ihm. Beim sogenannten Aufziehen wird das Blech auf einem Amboss mit einem Kugelhammer getrieben. Dieser Prozess erfordert handwerkliche Geschicklichkeit, Genauigkeit und Geduld. Nur ein langjähriges Know-how erlaubt die Ausführung dieser Tätigkeit, begleitet von einem essenziellen Gefühl für Ästhetik. Damit die Wölbung beispielsweise gleichmäßig wird, muss konzentrisch und mit Voraussicht getrieben werden.

Am Arbeitsplatz nebenan bricht ein anderer Mitarbeiter von Hand sorgfältig die Kanten einer Blechverkleidung. Den Stolz sieht man auch ihm an. Immerhin wird hier für die spektakulärsten Autos gearbeitet. Es sind Kunstwerke, die hier in La Loggia, etwas außerhalb von Turin, am Hauptsitz der Cecomp SpA vollbracht werden. Wie die Konstruktionszeichnungen der älteren Ferraris, die mittlerweile als Kunstobjekt betrachtet werden und deswegen vollständig digitalisiert worden sind.

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Optik-Tuning während der Entwicklungsphase

Sowohl die großen als auch die kleinen (aber feinen) Autobauer kommen trotz ihrer leistungsfähigen 3D-Tools hierhin nach Norditalien, um die Karosserien ihrer Prototypen optimieren zu lassen, deren Kurven attraktiver zu gestalten, die eine oder andere Design-Nuance zu integrieren, ihre kommenden Autos stilistisch auf ein höheres Niveau zu heben und schließlich ästhetisch zu vollenden. Bei Karosserien stellen gewölbte Bleche eine große Herausforderung dar; dies betrifft sowohl das Entwerfen und Fertigen. Jedes Fahrzeug hat Bleche mit mehr oder weniger starken Wölbungen und Rundungen – je teurer das Modell, desto wilder sind möglicherweise die Freiformflächen.

Cecomp beschäftigt 250 Mitarbeiter und hat sich auf den Prototypenbau und die Produktion von Kleinserien spezialisiert. Prototypenaufträge werden seit 35 Jahren für Hersteller wie Maserati oder Aston Martin und mittlerweile (gemäß eigenen Angaben) alle OEMs realisiert. Ein weiterer Unternehmensbereich widmet sich der Auftragsfertigung von Spezialkomponenten oder ganzen und komplett montierten Blechbaugruppen. Aktuell wird im Rahmen der dritten Unternehmenssparte eine kleine Serie von Elektrotaxis für Paris hergestellt, deren Design von Pininfarina stammt. Insgesamt produziert Cecomp rund 1000 Elektrofahrzeuge im Jahr. Schließlich baut die Firma auch Rennwagen, Show Cars und Konzeptautos.

Weitreichende Prozesskompetenz

Zu den Kernkompetenzen der Norditaliener gehören dementsprechend (neben der Blechbearbeitung) auch der Formenbau, die Verarbeitung von glasfaserverstärkten Kunststoffen und das Engineering und die Fertigung von Montagevorrichtungen. Für die Designentwicklungsphase – vom Prototypenbau bis zur Auslegung von Produktionslinien oder der hauseigenen Produktion von Kleinserien – bietet das Unternehmen für seine Kunden allerhand Leistungen, die je nach Anforderung mehr oder weniger umfassend sein können. Vom Designauftrag bis zu von Hand gefertigten Prototypen, die Produktion von Vorserien-Prototypen für Testphasen sowie die Anfertigung von Gussformen. Die weitreichende Erfahrung macht die Leistungen des Unternehmens in vielen Bereichen kompetitiv, was Qualität, Lieferung und Kosten betrifft.

Die Stanzwerkzeug-Sets von Cecomp werden in Eigenregie hergestellt – während allen Designphasen. Dafür braucht es erfahrene Spezialisten, die eng mit den CAD-CAM-Ingenieuren zusammenarbeiten und die Eigenheiten der Spezialmaschinen bestens kennen. Dieses Wissen beruht auf langjähriger Praxiserfahrung im Automotivebereich. Die Experten beraten deswegen die Autohersteller gerne über die Realisierbarkeit ihrer neuen Designs. Bei diesen Optimierungen werden Simulationstools angewandt, die das finale 3D-Modell sowohl bezüglich Ästhetik als auch Herstellungsprozess optimieren.

Acht Style Modeling Studios für Kunden

Bei Cecomp werden alle Design-Projekte streng vertraulich behandelt. Ein Großteil der Produktion unterliegt strikter Geheimhaltung und ist selbst für internes Personal je nach Position überhaupt nicht oder nur beschränkt zugänglich. Die acht Modeling Studios sind individuell ausgerüstet und konzipiert für die Perfektionierung von Außenhautformen. Jede Box enthält eine Werkstatt, ein Büro, einen kontrollierten Zugang und diverse Arbeitsstationen. Diese ganzen Bereiche sind nur jeweils dem entsprechend verantwortlichen Projektteam sowie dem Kunden zugänglich. Parallel können insgesamt acht Designaufträge realisiert werden.

Wenn Geometrien zu komplex oder zu teuer (zum Beispiel aufgrund der Anzahl Komponenten) werden, um spanend bearbeitet zu werden, kommen Umformprozesse zum Einsatz. Das Thermoformen oder das Vakuumformen (Gussverfahren) sind vergleichsweise kostengünstige und effiziente Verfahren, die qualitativ ebenbürtig sind mit gefrästen Komponenten. Dabei können die Spezialisten von Cecomp auf eine große Auswahl an Materialfarben zurückgreifen, um möglichst alle Designwünsche zu erfüllen. Dabei stehen auch vier Lackierbereiche zur Verfügung.

Prototypen in Originalgrösse

Dank spezifischem Know-how im Gussbereich befindet sich Cecomp in der Lage, verschiedenste Kunststoffkomponenten für Prototypen zu entwickeln und umgehend zu produzieren. Anwendung finden glasfaserverstärkte Kunststoffe und Karbon- sowie Kevlar-Materialien und so weiter. Für Spezialmaterialien oder spezielle Herstellungsverfahren springen lokale Partner kurzerhand ein. Die Prototypen der Karosserien werden in Originalgröße produziert und modifiziert.

Sogar, was die Polsterung im Innenraum der Fahrzeuge betrifft, besitzt Cecomp eine interne Abteilung. Leder-, Stoff-, Schaum- und Holzmaterialien werden mittels verschiedener Verbindungstechniken miteinander verbunden respektive kombiniert. Die Oberflächenbehandlung gehört dabei auch dazu – vom Einzelteil bis zum kompletten Fahrzeug. Aufgrund des fundierten Wissens befinden sich die Experten in der Lage, dem Kunden proaktiv spezifische oder komplette Finish-Lösungen anzubieten.

Eine Messstation, in die natürlich ein ganzes Auto hineinpasst, liest die von Hand modifizierte Geometrie neu ein und bestimmt die neuen 3D-Daten, die der Kunde dann in seine Systeme implementiert.

Erstes Auto mit Titankarosserie

Als größeres Nebenprojekt hat Cecomp über 10.000 Stunden Handarbeit in das Karosseriedesign des «Vulcano», des weltweit ersten Titanautos, investiert, dessen Karosserie aus Titan und Karbonfasern besteht. Das Unikat mit V8-Motor und 670 PS wurde von der Firma Icona hergestellt, die ebenfalls zur Cecomp-Gruppe gehört. Die Schwierigkeit von Titan liegt vor allem darin, dass es nicht einwandfrei formbar ist beziehungsweise sich gerne zurückbiegt. Was genau die Vorteile im Vergleich zu einer Karosserie Aluminium oder CFK sind, sei dahingestellt. Jedenfalls wurde das Auto prominent präsentiert und sorgte für reges Aufsehen in der Branche. Der über 2 Mio. Euro angesetzte Preis scheint Interessenten nicht davon abzuhalten. Immerhin lässt die durchsichtige Verschalung des Schaltknüppels ein jedes Technikerherz höherschlagen – der Fahrer kann das Getriebe während des Schaltens sehen.

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