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Porträt Die Hexe der Agnesi

| Autor / Redakteur: Alexander Völkert / Simone Käfer

Namensgeberin der „Versiera di Agnesi“ ist Maria Gaetana Agnesi. Aber was hat Mathematik mit Hexen zu tun?

Agnesi schrieb im 18. Jahrhundert ein Lehrbuch zur Mathematik und ist Namensgeberin der „Versiera di Agnesi“.
Agnesi schrieb im 18. Jahrhundert ein Lehrbuch zur Mathematik und ist Namensgeberin der „Versiera di Agnesi“.
(Bild: Maria Gaetana Agnesi. / Maria Gaetana Agnesi. / G.dallorto / CC BY-SA 2.5 / BY-SA 2.5)

Bei „Witch of Agnesi“ denkt man sicher nicht an Analysis oder eine algebraische Kurve. Schon eher an eine Frau, womöglich aus Mailand; aber nicht an eine Frau, die sich vor fast 300 Jahren intensiv mit einer Gleichung beschäftigte.

y = 1 1 + x2

(Bild: gemeinfrei (By Morn, Wikimedia Commons) / CC0 )

Schon Newton und Leibnitz sollen sich – vor Maria Gaetana Agnesi –mit dieser Gleichung beschäftigt haben. Doch wird sie als „Versiera di Agnesi“ bekannt, ist eine algebraische Kurve 3. Ordnung und ähnelt einem Sinus Versus – einer heute nicht mehr gebräuchlichen Funktion. Agnesi schrieb ein Lehrbuch zur Analysis, das der Cambridge-Professor John Colson übersetzte, angeblich mit dem Ziel, die Lehre für Frauen zugänglich zu machen. Auf ihn geht die „Hexe” zurück. Der lateinische Infinitiv von versiera, „vertere“, bedeutet „drehen”, doch Colson ordnete „versiera“ etymologisch „l’avversiera“ zu, auf englisch „witch”. So wurd aus der harmlosen gedrehten Kurve die „Braut des Teufels“: die Hexe. Wie aber kam Maria Gaetana Agnesi, eine Frau im 18. Jahrhundert, zur Analysis und was machte sie daraus?

Das Wunderkind – ein siebensprachiges Orakel

Bereits in sehr jungen Jahren gilt Agnesi als Sprachgenie und ist in Mailand als „oracolo settelingue“ bekannt, denn sie spricht Italienisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Griechisch, Lateinisch und Hebräisch. Sie ist die älteste Tochter des Mailänder Kaufmanns Pietro Agnesi, ein, trotz seiner 20 Kinder, wohlhabender Bürger. Als dieser ist er in Zeiten der Aufklärung unbedingt bestrebt, seinen Status zu zelebrieren. Sein Ziel: einen Adelstitel kaufen. Sein Haus lässt er Palazzo nennen und lädt in selbigen bekannte Philosophen zu Diskussionen ein. Bereits im Alter von neun Jahren hält Maria Gaetana vor erstaunten Herren ein Referat zu Vorurteilen über die Erziehung der Frauen – ohne Notizen, in lateinischer Sprache. Gereicht wird zu den Zusammenkünften im Winter heiße Schokolade, im Sommer Sorbett – ein Zeichen von Wohlstand. Die älteste Tochter philosophiert, die jüngere Schwester Maria Teresa spielt eigens komponierte Stücke auf dem Cello dazu. Umringt sind sie von Philosophen.

1738 fasst Maria Gaetana in lateinischer Sprache in 191 Aufsätzen alle Themen zusammen, die sie von ihrem 10. bis zum 20. Lebensjahr vorgetragen hat und schließt wohl damit für sich einen Abschnitt ab. Im Alter von 20 Jahren hat Agnesi genug davon, immer wieder wie ein Zirkuspferd vorgeführt und bestaunt zu werden. Sie eröffnet dem Vater ihren Wunsch, ins Kloster gehen zu wollen und ihr Leben Gott zu widmen. Der Vater ist entsetzt und enttäuscht, vor allem schlicht und einfach dagegen. Sie gehorcht und geht nicht. Allerdings stellt sie drei Bedingungen, die er akzeptiert: Fortan darf sie in die Kirche, wann immer sie möchte, sie darf sich einfach kleiden und sie nimmt nur noch an ausgesuchten Diskussionen teil, nicht mehr an gesellschaftlichen Veranstaltungen.

Die Wunderfrau – 1020 Seiten zur Analysis

Wenngleich sie nicht ins Kloster geh, hat sie ab dem Jahre 1738 vor allem Zeit für sich. Die sie mit der Erziehung und dem Unterrichten ihrer jüngeren Brüder verbringt. Am Ende werden aus der Beschäftigung zehn Jahre und ein beachtliches Ergebnis, das sie 1748 – vor 270 Jahren im Alter von 30 Jahren – vorlegt: zwei Bände, 1020 Seiten und 59 Seiten mit Figuren; ein Lebenswerk. „Instituzioni analitiche ad uso della gioventu‘ italiana” (Analytische Gesetze für die italienische Jugend) besteht aus vier Teilen, die sich je einem Kapitel der Mathematik widmen: Analytische Geometrie, Differentialrechnung, Integralrechnung und Differentialgleichungen.

In den zwei Bänden steht nichts, was die Menschheit nicht schon wusste. Es ist die Methodik, die besonders ist. Agnesi unterwirft alle Inhalte der Klarheit der Sprache und bringt verständliche Beispiele. Ein Meisterwerk der Didaktik, sie will geometrische Probleme lösen und dafür die Ergebnisse der Algebra und Analysis nutzen. Die österreichische Kaiserin Maria Theresa beschenkt sie mit wertvollem Schmuck. Und kein geringerer als Papst Benedikt XIV würdigt sie mit einer Honorarprofessur für die Universität von Bologna. Einer wissenschaftlichen Bilderbuchkarriere sollte nichts mehr im Wege stehen. Doch die junge Frau hat sich längst für eine andere Karriere entschieden.

Die Wohltäterin – 47 Jahre für bedürftige Frauen

Als 1752 ihr Vater stirbt, ist sie 34 Jahre alt und entscheidet, diesmal das zu tun, was sie möchte. Und das ist weder Philosophie noch Mathematik. Auch an einer Professur ist Agnesi nicht interessiert. Sie möchte den Menschen helfen. So widmet sie sich für die nächsten 47 Jahre ihres Lebens der christlichen Wohltätigkeit und ihrem Glauben. Sie verzichtet auf ihr Erbe und lässt sich jährlich einen Betrag auszahlen, um damit bedürftigen Frauen zu helfen. Sie mietet ein Haus in Mailand und gewährt Obdachlosen eine Unterkunft, verkauft die Geschenke der Kaiserin und des Papstes und verwendet das Geld, um armen Menschen zu helfen. 1771 eröffnet der Erzbischof von Mailand das Pio Albergo Trivulzio, ein Hospiz für armen Menschen. Agnesi übernimmt die Leitung der Frauen-Abteilung und widmet sich dieser Tätigkeit 28 Jahre, bis zu ihrem Tod. Die letzten sechzehn Jahre ihres Lebens lebt sie selbst bei den armen Leuten im Heim. Als sie 1799 mit 81 Jahren stirbt, wohnen 450 Frauen in dem Armenhaus.

Berühmt wurde sie als Wissenschaftlerin – vor allem mit ihrer Kurve, der Hexe der Agnesi –, doch verwirklicht hat sie sich als christliche Wohltäterin. Bestattet wurde sie nach ihrem Wunsch in einem Armengrab außerhalb von Mailand.

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