Brexit-Folgen Die Ruhe vor dem Insolvenz-Sturm

Redakteur: Robert Horn

Die britische Wirtschaft zeigt sich nach dem EU-Referendum derzeit noch recht stabil und täuscht so über die langfristigen Konsequenzen des EU-Austritts hinweg, die das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hemmen. Doch die Profitabilität der Unternehmen gerät zunehmend unter Druck, warnt der Kreditversicherer Euler Hermes.

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Spätestens ab dem Jahr 2017 erwartet Euler Hermes stärkere Auswirkungen der Brexit-Entscheidung.
Spätestens ab dem Jahr 2017 erwartet Euler Hermes stärkere Auswirkungen der Brexit-Entscheidung.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

„Der Wendepunkt lässt sich sogar genau bestimmen: Seit dem zweiten Quartal haben Insolvenzen in Großbritannien angezogen“, sagte Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Zuvor waren die Fallzahlen vier Jahre in Folge rückläufig. Zwar hat sich das Risiko einer Rezession durch die schnelle Benennung der neuen Premierministerin sowie durch die effiziente Nutzung der Geldpolitik verzögert, vom Eis ist die Kuh aber noch lange nicht. Die Zukunftsaussichten und die Attraktivität für künftige Investitionen aus dem Ausland haben bereits durch die Brexit-Unsicherheit und die möglichen Austrittsszenarien gelitten. Derzeit ist das wohl die Ruhe vor dem Insolvenz-Sturm.“

Politische Anhaltspunkte oder Leitlinien für die Wirtschaft könnten helfen. So lange diese weiterhin unklar sind und die Unternehmen keine Planungssicherheit haben, wird der Sturm kaum aufzuhalten sein.

„Investitionen basieren auf Vertrauen – und die derzeitige Unsicherheit ist quasi der böse Gegenspieler des Vertrauens“, sagte Van het Hof. „Die Wirtschaft insgesamt wird aber vermutlich auch weiterhin relativ robust bleiben – jedenfalls bis zum effektiven EU-Austritt.“ Dieser könnte 2019 stattfinden, wenn man von Austrittsverhandlungen ab März 2017 ausgeht.

„Obwohl die Wirtschaft recht widerstandsfähig ist, steigt das Risiko schon jetzt, sowohl im Inland als auch für Exporteure aus dem Ausland“, sagte Van het Hof. „Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Sie müssen dabei künftige Risiken berücksichtigen und genau verstehen, inwiefern der Brexit genau ihr Geschäftsmodell negativ beeinflussen könnte. Wenn investitionsintensive Branchen bei wichtigen Entscheidungen jetzt auf der Stelle treten, könnte das in der Zukunft weniger Produktionsmengen und Jobs bedeuten.“

Dies betrifft vor allem Branchen wie die Luftfahrt, das Baugewerbe, die Metallindustrie und Automatisierung. Kapitalintensive Industrien wie beispielsweise der Automobilsektor sowie die Chemie- und Papierbranche merken jetzt schon die steigenden Kosten.

Transaktionen werden zurückgefahren

„Zudem führt die Unsicherheit zu einem Investitionsstau bei Fusionen und Übernahmen“, sagte Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe. „Um ganze 30 % sind in den vergangenen zwölf Monaten die Transaktionen gestiegen, die derzeit auf Eis liegen. Viele Unternehmen warten auf den formellen Beginn der Austrittsverhandlungen, bevor sie anfangen, ihre Planungen für Arbeitsplätze und Investitionen anzupassen.“

Die Talfahrt des Britischen Pfund (GBP) bringt dortige Unternehmen in eine teilweise schwierige Lage: Ein hoher Anteil an Komponenten für viele Produkte, die in Großbritannien gefertigt werden, müssen importiert werden – das führt zu einem steigenden Druck auf Kosten und Preise und schmälert jegliche Vorteile für Exporteure. Zudem ist die Abwertung noch nicht das Ende der Fahnenstange. Weltmarktführer Euler Hermes erwartet einen weiteren Kollaps des Pfunds, das sogar 2018 mit dem Euro gleichziehen dürfte.

Der Druck auf die Cashflows und Gewinne der Unternehmen wirkt sich vermutlich noch weiter negativ auf das Zahlungsverhalten britischer Unternehmen aus. Wertet das Pfund ab und verlangsamt sich die Wirtschaft sukzessive, versuchen die Firmen, ihr Working Capital zu erhalten. Sie handeln mit Lieferanten längere Zahlungsziele und bessere Zahlungsbedingungen aus.

In einigen Branchen ist dies bereits sichtbar: Die Zahlungsverzögerungen sind im 2. Quartal 2016 beispielsweise in der Papierindustrie um 42 % gestiegen, im Dienstleistungssektor um 38 %, im Baugewerbe um 37 % und in der Textilbranche um 34 %. Branchenübergreifend verzeichnete Großbritannien einen Anstieg der Zahlungsverzögerungen um 4 %. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel: Im Einzelhandel, in der Transportbranche und im Lebensmittelsektor waren verspätete Zahlen rückläufig.

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