Suchen

Porträt Die Schreibmaschine wanderte vom Büro in die Nische

| Autor/ Redakteur: Barbara Stumpp / Simone Käfer

1957 wurde zwar die erste elektrische Schreibmaschine auf Hannover Messe präsentiert. Aber die Idee ist wesentlich älter: Bereits 1714 ließ sich Henry Mill die Idee patentieren.

Firmen zum Thema

Die IBM Selectric war die erste Kugelkopfschreibmaschine.
Die IBM Selectric war die erste Kugelkopfschreibmaschine.
(Bild: gemeinfrei (von Oliver Kurmis (Selbst fotografiert) [CC BY 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons))

Ursprünglich waren Schreibmaschinen als Hilfsmittel für sehbehinderte Mitmenschen gedacht. Die erste, die in größeren Stückzahlen hergestellt wurde, war 1865 die Skrivekugle von Rasmus Malling-­Hansen. Sie war eine Art Vorläufer der elektrischen Schreibmaschine, denn bei einigen der Modelle war die Wagenbewegung elektrifiziert. Berühmtester Nutzer dieser Maschine war Friedrich Nietzsche, der mit 400 Mark das Doppelte seiner Professorenpension dafür zahlte. Gut fand er daran, dass er sich gezwungen sah, seine Gedanken kurz zu fassen. Weil das Schreiben so sehr anstrengte.

1902 brachte George Blickensderfer in den USA die erste elektrische Schreibmaschine auf den Markt. Er war technisch der Konkurrenz um Jahrzehnte voraus, aber leider gab es in den einzelnen amerikanischen Bundesstaaten keine einheitliche Netzspannung, weswegen sich seine Erfindung nicht bewähren konnte. Zwölf Jahre später baute James Fields Smathers seine elektrische Schreibmaschine. 1923 kam es zu einem Vertrag mit der Northeast Electric Company. Denn das Unternehmen suchte neue Absatzmärkte für seine Elektromotoren und das konnte Smathers mit der elektrischen Schreibmaschine bieten. Immerhin erreichte die Produktion rund 2500 Stück.

1929 entschied sich Northeast zum Alleingang und stellte den ersten Electromatic Typewriter her. Mittlerweile war General Motors neugierig geworden. Das Unternehmen kaufte 1928 einen Teil von Northeast Electric und gründete die Electromatic Typewriters, Inc. für das Schreibmaschinengeschäft. Dieses wiederum erregte das Interesse von IBM, das es 1933 kaufte. Nun liefen die Schreibmaschinen unter dem Namen IBM Electromatic.

Allerdings war man zu diesen Zeiten auch in good old Europe aktiv. 1921 brachte Carl Schlüns die Mercedes Elektra heraus. Sie war zwar mechanisch, hatte aber einen seitlich angeflanschten Elektromotor. Damit war sie die erste leistungsfähige europäische Schreibmaschine mit elektrischem Typenhebelantrieb. Auf der anderen Seite des Ozeans schritten die Verbesserungen voran. 1944 brachte IBM mit der IBM Executive die erste elektrische Schreibmaschine mit Proportionalschrift auf den Markt. Sie lieferte ein exquisites, druckähnliches Schriftbild.

Hannover bereitet das Feld für den Erfolg

Ins Licht des allgemeinen Interesses rückte dieses Gerät allerdings am 7. Mai 1957, als es auf der Büromaschinen-Fachausstellung in Hannover zum ersten Mal in großem Rahmen präsentiert wurde. Damals fand man das jedoch überflüssig, obwohl bis zu diesem Zeitpunkt Maschinenschreiben eine harte körperliche Arbeit war. Speziell die Typenhebel zu bewegen, kostete so viel Kraft, dass Schreibarbeiten vor allem Männerarbeit waren. Bei der elektrischen Schreibmaschine zog ein Motor den Papierwagen zurück und schlug den Typenhebel an. So war nur noch rund ein Siebzigstel des Kraftaufwandes nötig und die Schreibarbeit wechselte zu den Frauen. Außerdem waren die „elektrischen” deutlich leiser. In der Folge wurden die Schreibmaschinen immer komfortabler.

1961 entwickelte IBM die Kugelkopfmaschine, die durch ein auswechselbares Schreibelement verschiedene Schriftarten und das Schreiben vieler Sprachen erlaubte. Mit der Kugelkopfmaschine IBM 72 brachte das Unternehmen dann die Urmutter der modernen elektrischen Schreibmaschine auf den Markt. Bei der elektromechanisch bewegten Typenkugel konnten sich keine Typenhebel mehr verhaken, der Kugelkopf ließ sich leicht austauschen, um die Schrifttype zu ändern. Auch wenn IBM das Patent besitzt, das Prinzip war 1902 von George C. Blickensderfer erfunden worden.

Von Korrektur bis ISDN

Der nächst Clou war 1973 eine IBM-Schreibmaschine mit tastengesteuerter Korrektureinrichtung. So konnte man dank 96-Zeichen-Tastatur Sonderzeichen wie Potenzen oder μ schreiben. Nach 1980 kamen dann ein keines Display und Universalspeicher mit 16.000 Zeichen Kapazität dazu. Darauf folgte die Anschlussmöglichkeit an eine externe Disketteneinheit, die unbegrenzten Speicher bot. Mit Typenrad und vier Schreibvarianten ging es weiter.

In der Folge wurden die elektrischen Schreibmaschinen immer mehr auch zu Kommunikationsschnittstellen. So bot die AEG Olympia ES 72 i zusätzlich eine serienmäßig integrierte Universalschnittstelle und war damit vollkommen teletexfähig und für zukünftige Kommunikationskonzepte einschließlich ISDN bereit. Egal wie komfortabel die Maschinen wurden, seit etwa 1980 kam der Niedergang. Sie waren zwar leistungsfähig, hatten ein exquisites Schriftbild, waren aber durchaus mehrere Tausend D-Mark teuer.

Die EDV war zwar im Aufwind, aber das Schriftbild der damaligen Matrixdrucker war eher bescheiden. Je besser und kostengünstiger die Drucker und die Textverarbeitung der EDV-Geräte wurden, umso mehr gruben sie damit der elektrischen Schreibmaschine das Wasser ab und seit etwa 2003 waren sie in den meisten Büros und Haushalten mehr oder weniger verdrängt.

Heute halten sich Schreibmaschinen in Nischen. Für 2014 rechnete Triumph-Adler (Wirtschaftswoche vom 19. Juli 2014) mit einen Verkauf von 10.000 Schreibmaschinen. Genutzt werden sie in der Regel dort, wo sich PCs nicht lohnen, wie etwa beim Ausfüllen von Formularen. Ansonsten profitieren sie von den NSA-Abhöraktionen, denn nun werden sensible Dokumente wieder zunehmend auf der abhörsicheren Schreibmaschine geschrieben.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 44588226)