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Digitalisierung: Optimismus für den Wandel nutzen

| Autor / Redakteur: Nelson Taapken und Laura Jacob / Simone Käfer

Aktuell sehen Maschinenbauer den digitalen Wandel nicht als Bedrohung, sondern erhoffen sich neue Chancen. Dafür müssen sie aber in die Personal- und Organisationsentwicklung investieren.

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Laut der aktuellen Studie „Digitale Arbeitswelt: Chance oder Jobkiller?“ der Unternehmensberatung EY sehen lediglich elf Prozent der 1000 befragten Arbeitnehmer ihren Job aufgrund der zunehmenden Automatisierung bedroht. 48 Prozent glauben sogar, dass sich ihnen in der digitalen Arbeitswelt zusätzliche Chancen bieten werden. Von der vielzitierten „German Angst“ ist in diesem Punkt also nichts zu spüren. Ausruhen sollten sich die Unternehmen auf diesem Ergebnis jedoch nicht. Denn die Studie fördert auch zahlreiche kritische Punkte zutage – nicht zuletzt bei der Auswertung für den Maschinenbau.

So fällt auf, dass die Beschäftigten der befragten Produktionsbetriebe bislang vergleichsweise wenig von der Digitalisierung spüren. Auf die Frage, wie stark der technologische Wandel ihre Arbeit bereits beeinflusst, geben lediglich 39 Prozent der Befragten „viel“ an. Damit liegt die Branche unter dem Durchschnitt von 44 Prozent und deutlich hinter der Automobilindustrie und den Finanzinstituten mit 54 bzw. 52 Prozent. Zudem geht aus der Studie hervor, dass die Angestellten in der Maschinenbaubranche kaum einschätzen können, wie dramatisch die Veränderung ihrer Jobs künftig ausfallen wird. Wichtiges Indiz hierfür: Lediglich 31 Prozent von ihnen können erklären, was sich hinter dem Begriff „Industrie 4.0“ verbirgt – und das obwohl die Branche ganz unmittelbar von dieser in den Medien häufig beschriebenen Entwicklung hin zur stark vernetzten und automatisierten Fabrik betroffen ist. Diese Unkenntnis zeigt, dass die Firmen ihren Mitarbeitern die Folgen der Digitalisierung nicht deutlich genug vor Augen führen.

Tatsächlich erklären auch weniger als die Hälfte (46 Prozent) der befragten Mitarbeiter im Maschinenbau, dass sie von ihrem Unternehmen und ihrem Vorgesetzten genügend Informationen darüber bekommen, wie sie sich am besten auf die Arbeitswelt der Zukunft vorbereiten. Bezogen auf diesen Punkt bildet der Maschinenbau im Branchenvergleich sogar das Schlusslicht. Großer Nachholbedarf besteht zudem bei entsprechenden Schulungsangeboten. So geben 44 Prozent der befragten Mitarbeiter an, dass es in ihrem Unternehmen zum Thema Digitalisierung keine Weiterbildungsangebote gibt. Zum Vergleich: Beim Spitzenreiter Automobilbranche sind es nur 32 Prozent.

Branchenübergreifend sind insbesondere kleinere Unternehmen von einem Mangel an Weiterbildungsangeboten betroffen. 60 Prozent von ihnen bieten laut der Studie ihren Mitarbeitern keine Schulungen zum Thema Digitalisierung an. Auf Sachbearbeiterebene erklären 48 Prozent der Mitarbeiter, keinen Zugang zu entsprechenden Fortbildungen haben, bei den Führungskräften sagen dies hingegen nur 27 Prozent. Auch insgesamt zeigt sich, dass die Digitalisierung in erster Linie in den Chefetagen angekommen ist. So fühlen sich quer durch alle Branchen die Abteilungsleiter mit 65 Prozent am besten informiert, während die Sachbearbeiter nur mit 48 Prozent angeben, genügend auf die Digitalisierung vorbereitet zu sein.

Damit sich die Schere zwischen Mitarbeitern und Führungskräften nicht weiter öffnet, sind breit angelegte Change- und Weiterbildungsprojekte wichtig. Diese müssen alle Hierarchieebenen erreichen und die Mitarbeiter frühzeitig informieren und trainieren. Zudem sollten neue Geschäftsmodelle gemeinsam mit der Belegschaft entwickelt werden. Denn nur, wenn die Mitarbeiter angemessen an der Gestaltung der Zukunft beteiligt werden, können sie die neuen Geschäftsprozesse akzeptieren. Zudem kann der Mitarbeiter an der Basis oftmals wertvolle Informationen darüber liefern, was die Kunden tatsächlich wünschen und welche neuen Herausforderungen durch die stärkere Vernetzung von Maschinen und Anlagen entstehen. Wichtig ist, dass in der Diskussion mit den Angestellten auch kritische Punkte nicht ausgespart werden. So bedeutet die Digitalisierung für die Mitarbeiter im Maschinenbau vor allem auch komplexere Arbeitsprozesse (51 Prozent) und mehr Stress (44 Prozent). Bei beiden Punkten nimmt der Maschinenbau im Branchenvergleich eine Spitzenposition ein.

Zudem laufen die Unternehmen laut der Studie in Gefahr, auf dem Weg in die digitale Unternehmenswelt ihre älteren Beschäftigten zu verlieren. Denn bei der Auswertung nach Altersgruppen fällt auf: Während 64 Prozent der 18- bis 29-Jährigen aufgrund der Digitalisierung zusätzliche Chancen für sich erkennen, sagen dies nur 38 Prozent der 50- bis 59-Jährigen. Dies zeigt: Während die Digitalisierung den Bedürfnissen der Generation Y entgegenkommt, zeigt sich bei der Generation 50plus eine gewisse Erwartungs- oder Hoffnungslosigkeit. Sie sieht die neue Arbeitswelt wenig positiv und droht abgehängt zu werden – auch hier sollte dringend gegengesteuert werden. Oftmals wird jedoch gerade diese Altersgruppe nur selten durch Fortbildungsmaßnahmen angesprochen. Was den Optimismus der Mitarbeiter insgesamt angeht, liegt die Maschinenbaubranche übrigens im Mittelfeld. 50 Prozent der Mitarbeiter erklären hier, dass die Digitalisierung der Arbeitsprozesse ihnen zusätzliche Chancen bietet. Als Ansporn: Im Bereich Automobil sind es 60 Prozent.

Maschinenbaufirmen, die jetzt keine nachhaltigen Personal- und Organisationsentwicklungsprozesse anstoßen, vergeben nicht nur die Chance, den Optimismus der Mitarbeiter für den Wandel zu nutzen. Sie riskieren sogar einen Stimmungsumschwung, denn die Bedenken und Vorbehalte ihrer Mitarbeiter können mit fortschreitender Digitalisierung durchaus zunehmen. Schließlich ist klar: Verpassen es die Unternehmen, ihre Mitarbeiter konsequent auf neue Jobprofile vorzubereiten, droht vielen ihrer momentan zuversichtlichen Arbeitnehmer durchaus die Arbeitslosigkeit – und den Firmen selbst ein gefährlicher Fachkräftemangel.

MM

* Nelson Taapken, Partner, und Laura Jacob, Manager bei EY

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