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Interview mit VDMA-Hauptgeschäftsführer Dr. Hannes Hesse Eine Katastrophe wie in Japan nützt niemandem

| Redakteur: Peter Steinmüller

VDMA-Hauptgeschäftsführer Dr. Hannes Hesse begründet im Interview mit MM Maschinenmarkt, warum die Desaster in Japan die Lieferketten in der Bundesrepublik gefährden und warum er nicht mit langfristigen Marktverschiebungen im Maschinenbau rechnet.

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Im Interview: Dr. Hannes Hesse vom VDMA. (Bild: Steinmüller)
Im Interview: Dr. Hannes Hesse vom VDMA. (Bild: Steinmüller)

Herr Dr. Hesse, inwiefern ist der japanische Maschinenbau von den Katastrophen betroffen?

Hesse: Bekannt ist, dass es landesweite Produktionsausfälle in zahlreichen Branchen gibt, vor allem in der Autoindustrie, sowie indirekte Auswirkungen, etwa durch die mangelnde Stromversorgung.

Wie sind japanische Maschinenbauer global positioniert?

Hesse: Das Land ist im internationalen Ranking auf Platz 1 im Fachzweig Productronic und im Fachzweig Motoren und Systeme. Im Vergleich dazu: Deutschland ist weltweit führend in 17 von 32 international vergleichbaren Fachzweigen.

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Die deutschen Maschinenimporte aus Japan sind doppelt so hoch wie die Lieferungen nach Japan. Der Inselstaat belegte im vergangenen Jahr den fünften Platz unter den Ländern, aus denen Deutschland importiert. Das Volumen betrug 3,2 Mrd. Euro.

Dabei handelt es sich neben Komponenten wie Antriebstechnik und Lufttechnik auch um komplette Maschinen, wie zum Beispiel Werkzeugmaschinen. Japan ist das einzige Land weltweit, mit dem Deutschland im Maschinenbau ein Handelsdefizit hat.

Das Land hat für uns eine eher untergeordnete Bedeutung wegen der traditionellen Marktabschottung. Der Anteil an den deutschen Maschinenexporten betrug 1,3% im Jahr 2010. Damit liegt das Land auf Rang 21 unserer Topmärkte.

In diesem Zusammenhang sind auch die geringen
 Direktinvestitionen des deutschen Maschinenbaus in Japan zu sehen. Die Umfrage „VDMA-Auslandsniederlassungen 2011“ hat 104 Tochterunternehmen von Mitgliedsfirmen in Japan identifiziert.

Deutsche Tochtergesellschaften vor Ort sind wegen der Abschottung vor allem auf den japanischen und asiatischen Markt ausgerichtet. Mittel- bis langfristig könnte Japan als Standort weiter gegenüber China und anderen asiatischen Ländern verlieren.

Sind Lieferketten in Deutschland gefährdet?

Hesse: Mittelfristig rechnen wir mit Ausfällen, insbesondere von elektronischen Komponenten, die zu Produktionsbehinderungen im Maschinenbau führen könnten. Das Ausmaß hängt von der tatsächlichen Zerstörung der Fertigungskapazitäten, der Versorgung mit Strom, dem Zustand der genutzten Infrastruktur und Transportwege sowie der Flexibilität der japanischen Unternehmen im internationalen Fertigungsverbund ab.

Gleichzeitig sind die Unternehmen dabei, zu analysieren, was man gegebenenfalls wie durch andere Quellen ersetzen kann. Außerdem treffen die Engpässe grundsätzlich alle Kunden der Japaner weltweit, sind also zunächst einmal wettbewerbsneutral und stellen deshalb keine einseitige Belastung für den deutschen Maschinenbau dar.

Können deutsche Unternehmen von den Produktionsausfällen und dem Wiederaufbau profitieren?

Hesse: Eine solche Katastrophe nützt niemandem. Aber „profitieren“ könnten Unternehmen, die im südlichen Teil Japans produzieren, weiterhin lieferfähig sind und die zusätzlich den Vorteil eines eventuell schwachen Yens nutzen können.

Außerdem sind die japanischen Unternehmen in vielen Ländern mit Produktionsketten präsent. Da sind Verschiebungen denkbar. Deutsche Unternehmen werden vielleicht in Einzelfällen einspringen können. Aber langfristig glauben wir nicht an größere Verschiebungen der Lieferanteile im Maschinenbau.

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