Suchen

Hannover Messe 2019

Heile, heile Krätzchen...

| Redakteur: Peter Königsreuther

Kleine Kratzer im Autolack sind fast unvermeidbar und ärgerlich – speziell bei Autos aus dem Premiumsektor. Ein spezieller Lack, der vom INM - Lebnitz-Institut für Neue Materialien entwickelt wurde. heilt sich durch Wärme nun selber. Das steckt dahinter:

Firmen zum Thema

Schluss mit Auspolieren: Autofahrer können sich freuen, denn jetzt gibt es einen selbstheilenden Lack auf Maisstärkebasis vom INM. Halle 5 auf Stand C54 in Hannover.
Schluss mit Auspolieren: Autofahrer können sich freuen, denn jetzt gibt es einen selbstheilenden Lack auf Maisstärkebasis vom INM. Halle 5 auf Stand C54 in Hannover.
( Bild: Uwe Bellhäuser )

Für die netzartige Struktur der Lacke verwendeten die Wissenschaftler ringförmige Abkömmlinge der Maisstärke, sogenannte Cyclodextrine. Diese würden sich wie Perlen auf langkettige Kunststoffmoleküle auffädeln. In den so entstehenden sogenannten Polyrotaxanen sind die Cyclodextrine auf dem Kunststofffaden auf bestimmten Streckenabschnitten frei beweglich und werden durch sperrige Stoppermoleküle am Abfädeln gehindert. Über eine chemische Reaktion werden die Perlenketten untereinander vernetzt. „Das entstehende Netzwerk ist beweglich und elastisch wie ein Strumpf“, erklärt Carsten Becker-Willinger, Leiter des Programmbereichs Nanomere am INM. Bei Wärmeeinwirkung wandern die Cyclodextrin-Perlen entlang der Kunststofffäden in den Bereich des oberflächlichen Kratzers zurück und gleichen so die durch den Kratzer gebildete Lücke wieder aus.

Kratzer-Verschwindibus nach ISO-Norm

Für einen funktionsfähigen Lack mit höherer mechanischer Stabilität und Witterungsbeständigkeit veränderten die Wissenschaftler, wie es weiter heißt, die Zusammensetzung der Polyrotaxane indem sie weitere Inhaltsstoffe, wie Heteropolysiloxane und anorganische Nanopartikel hinzugefügt haben. So konnten die Spezialisten gleichzeitig auch noch die bisherige Reparaturzeit, die mehrere Stunden dauerte, auf nur wenige Minuten verringern. „Im Rahmen zahlreicher Applikationsversuche mit unterschiedlichen Mischungsverhältnissen in Kombination mit künstlichen Bewitterungstests untersuchten wir vorlackierte Oberflächen, auf die wir den neuen Lack als Decklack aufbrachten“, ergänzt Becker-Willinger. Nun sei es möglich, Mikrokratzer in nur einer Minute bei 100 °C einfach verschwinden zu lassen. Bei ihren Testreihen berücksichtigten die Wissenschaftler die üblichen ISO-Richtlinien der Lackindustrie. „Nur wenn wir diese Normrichtlinien erfüllen, ist eine industrielle Anwendung denkbar“, merkt Becker-Willinger zum aktuellen Stand der Forschung an.

Heilsamer Lack sucht nun Anwender

Zurzeit arbeiten die Wissenschaftler daran, die Produktion des Lackes aus dem Labormaßstab in den Technikumsmaßstab übertragen. So will man die Grundlage für eine Produktion im größerem Maßstab schaffen. Der nächste Schritt heißt „Umsetzung der Entwicklung in Anwendungen“ und dafür ist das INM, wie es heißt, absolut offen für Kooperationen mit interessierten Unternehmen.

Der Lack wurde im Rahmen des Forschungsprojektes „Selbstheilende Fahrzeuglacke auf Basis von Cyclodextrin-Polyrotaxanen“ (FKz. 03VP01052) in der Fördermaßnahme VIP+ seit 2016 mit insgesamt 1,1 Mio. Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Fördermaßnahme „VIP+ - Validierung des technologischen und gesellschaftlichen Innovationspotenzials“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Lücke zwischen ersten Ergebnissen aus der Grundlagenforschung und einer möglichen Anwendung zu schließen.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45814683)

Das könnte Sie auch interessieren SCHLIESSEN ÖFFNEN

Bild: Kroh; Bild: INM; Archiv: Vogel Business Media; gemeinfrei; Leibniz-Institut für Neue Materialien; ; Uwe Bellhäuser; EFB; Schuler; Roemheld; VCG; Stanova; Strack Norma; Siegmund; Merkle; Bystronic; D.Quitter/konstruktionspraxis; Spanset; ©Marc/peshkova - stock.adobe.com / Cadera Design; Getzner; Joke; Tebis; Ecoclean; Metallform Wächter; Tribo-Form Engineering; ©grafikplusfoto - stock.adobe.com; IPH; H. Fischer; Beckhoff; © Salt & Lemon Srl; Albromet; © Simone Käfer; Burghardt + Schmidt; Mewa; Kasto; ZVEI; Vogel Communications Group; ©ekkasit919 - stock.adobe.com; Stefanie Michel; Finus/VCG; Fraunhofer-IWU; ILT / V. Lannert; Stephanie Macht / TH Köln