Stanztechnik Mehr Flexibilität für Lohnfertiger dank individueller Stanze

Ein Gastbeitrag von Eva Neubert

Die HMH Hungerbühler GmbH im schweizerischen Arnegg war auf der Suche nach einer Stanze, mit der der gefragte Lohnfertiger auch Bleche im XXL- oder Superformat schnell, einfach und wirtschaftlich bearbeiten kann. Da Gründer Markus Hungerbühler am Markt nicht fündig wurde, gab er kurzerhand dem Blechbearbeitungsspezialisten einen Entwicklungsauftrag für die passende Maschine – die Multipunch 4020 bietet Verarbeitern (über-)großer Bleche nun ungekannte Möglichkeiten.

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In nur einer Aufspannung und mit einem automatischen Werkzeugwechsel produziert Hungerbühler mit der Multipunch 4020 neuentwickelte Leichtbau-Sicherheitskomponenten für Campingmobile. Von oben werden die 200 Formen gestanzt, die Anlage stellt anschließend die hohen Umformungen von unten her auf.
In nur einer Aufspannung und mit einem automatischen Werkzeugwechsel produziert Hungerbühler mit der Multipunch 4020 neuentwickelte Leichtbau-Sicherheitskomponenten für Campingmobile. Von oben werden die 200 Formen gestanzt, die Anlage stellt anschließend die hohen Umformungen von unten her auf.
(Bild: Boschert)

Die HMH Hungerbühler GmbH in Arnegg im Schweizer Kanton St. Gallen hat sich in den 25 Jahren seit ihrer Gründung einen hervorragenden Ruf als Lohnfertiger erarbeitet. Die Produkte von Unternehmensgründer und Geschäftsführer Markus Hungerbühler und seinem 25-köpfigen Team sind gleichermaßen bei Handwerkern und bei Maschinenbauern in der deutschsprachigen Schweiz und auch darüber hinaus gefragt. Die Kunden schätzen neben der bezahlbaren, qualitativ hochwertigen und schnellen Arbeit vor allem die gute Beratung in Sachen Machbarkeit und Bearbeitungsprozess. Hauptsächlich verarbeitet Hungerbühler Stahl, aber auch Aluminium, etwas Messing und Kupfer. Rund 2.000 t Material setzt das Unternehmen so pro Jahr um. „Wir fertigen meist Kleinserien“, sagt Hungerbühler. „Wenn wir zwei Tage lang das gleiche Teil abkanten, ist das für uns schon eine Großserie.“

Auf der Suche nach der richtigen Stanze

Spezialität der St. Galler sind große Teile bis sechs Meter. Dafür fehlte HMH Hungerbühler aber noch die passende Stanze. Bisher war eine kleinere Anlage im Einsatz, mit allen daraus resultierenden Nachteilen, wie etwa viel Umsetz-Arbeit am Tisch und der damit einhergehenden Gefahr von Versatz. Eine bessere Lösung musste her. „Wir hatten eine sechs-Meter-Schere, einen sechs-Meter-Laser und sechs-Meter-Abkantpressen“, zählt Markus Hungerbühler auf. „Was wir noch brauchten, war eine entsprechende Stanze, die das gewisse Etwas mehr kann als alle anderen.“ Deshalb schaute er sich 2015 am Markt um und fand – nichts. Selbst sein langjähriger Technologiepartner Boschert in Lörrach hatte damals keine entsprechende Maschine im Portfolio. „Es dauerte weitere zwei Jahre, bis bei mir der Groschen fiel, und ich mich nochmal wegen einer großen Stanze mit Boschert zusammensetzte“, erinnert sich Hungerbühler.

Des Rätsels Lösung

Dabei kamen die Partner zu einer für beide Seiten interessanten Lösung: Ein Entwicklungsauftrag für eine Stanze für Superformat-Bleche. „Das war ein echtes Win-Win-Geschäft. Durch die Vorleistung von HMH Hungerbühler hatten wir den Spielraum, um eine solche Maschine vom leeren Blatt weg auf die Beine zu stellen“, erklärt Michael Roser, Verkaufsleiter bei Boschert. „Dafür war Markus Hungerbühler maßgeblich an der Entwicklung beteiligt und konnte seine Ideen und Wünsche einbringen.“ Der grinst und erzählt: „Das Pflichtenheft mit den Features, die wir gerne gehabt hätten, war drei Seiten lang.“ Und 95 % davon hatte Boschert tatsächlich in der Multipunch 4020 umgesetzt, als diese anderthalb Jahre später auf der Blechexpo 2019 in Stuttgart Premiere feierte.

Herzstück der Multi Punch ist ihr robuster O-Rahmen. Dieser stabilisiert die Maschine wie die geschlossenen Spanten ein U-Boot. So können Anwender die 28 Tonnen Stanzkraft der MP 4020 schnell und wiederholgenau nutzen. Die Maschine kann bis zu 6 mm dicke Bleche stanzen, nibbeln, formen oder markieren. Dabei reduziert der 12-fach Werkzeugwechsler die Nebenzeiten deutlich. Die Multipunch 4020 ist mit zwei Stanzköpfen ausgerüstet. Der obere Stanzkopf mit 55 mm Stanzhub ist mit einer HDE-Hydraulik ausgestattet, die einen schnellen Hub und eine genaue Stanzung gewährleistet. Der Stanzkopf ist stufenlos um 360° drehbar und verfügt über eine T-Nut als Werkzeugaufnahme, die alle Trumpf-Standardwerkzeuge bis Größe drei fassen kann. Zudem verfügt die Maschine über eine aktive Matrize mit automatischer Richtfunktion zum Stanzen von unten. Der untere Stanzkopf mit 25 mm Stanzhub ist wie der obere ausgestattet. Die maximale Hubfolge der MP 4020 beträgt 800 Hübe pro Minute.

Mit der Anlage lassen sich Tafeln von 100 x 280 mm bis zum Superformat 4.000 x 2.000 mm bearbeiten. Der Bediener kann die MP 4020 einfach beladen: Der Maschinentisch ist frei zugänglichen und wartet mit praktischen Helfern auf. Dazu zählen eine spezielle Öffnung im Tisch, die das Einlegen von Zuschnitten erleichtert, sowie anhebbare Kugelrollen, die den Anwender beim Auflegen von Superformat-Blechen unterstützen. Die Tafeln werden mit bis zu vier pneumatischen Spannzangen geklemmt und von einem servogetriebenen Präzisionszahnstangenantrieb in x-Richtung bewegt. Durch dieses Nachsetzen können Anwender auch Bleche über 4.000 mm Länge bearbeiten. Ein weiterer Servoantrieb bewegt die Stanzköpfe oben und unten synchron in y-Richtung, die mitfahrende Kleinteilsortieranlage verteilt Ausschnitte mit einer maximalen Größe von 150 x 150 mm automatisch auf fünf Ablagefächer. Positioniergeschwindigkeiten von 75 Metern pro Minute auf der x- sowie der y-Achse sind möglich, simultan sind bis zu 106 Meter pro Minute drin. Auch die Entsorgung von Blechresten ist mit der Multipunch 4020 ganz einfach: Die CNC-Stanzmaschine verfügt über eine Entsorgungsklappe, über die bis zu 400 x 2.000 mm große Teile entweder per Förderband zum Bediener oder an das linke Tischende transportiert werden. Die y-Achse verfügt über eine mitfahrende Stanzbutzenabsaugung, anfallende Stanzabfälle gelangen über ein Förderband zum Sammelbehälter. Das Restgitter kann hinter der Stanzeinheit problemlos entladen werden. Steuern lässt sich die MP4020 per CAD-Daten oder über das Steuerpult direkt an der Anlage. Hier kann der Werker schnell und einfach über die benutzerfreundliche Oberfläche Programme anpassen und Korrekturen vornehmen. „Die einfache Bedienbarkeit war sehr wichtige für uns“, sagt Hungerbühler. „Mit vielen Optionen habe ich zwar die Möglichkeit, alles bis ins Detail einzustellen, aber gleichzeitig steigt das Risiko, dass Störungen auftreten.“

Die richtige Entscheidung

Seit Anfang 2020 steht die Multipunch jetzt bei HMH Hungerbühler in Arnegg. Das Unternehmen setzt sie bei vielen unterschiedlichen Aufträgen ein, unter anderem, um Superformat-Edelstahlbleche für Poolböden mit sogenannten Schweißbuckeln zu versehen, die für Rutschsicherheit im Becken sorgen, und auch bei der Produktion von neuentwickelten Leichtbau-Sicherheitskomponenten für Campingmobile. Diese Bearbeitung läuft in einer einzigen Aufspannung, nur ein automatischer Werkzeugwechsel ist notwendig. Erst stanzt die 4020 200 Formen – vier im Quadrat angeordnete Schlitze – von oben in ein großformatiges, 1 mm dickes Alublech. Im zweiten Bearbeitungsschritt drückt ein weiteres Werkzeug von unten gegen die zuvor eingebrachten Formen und stellt so 200 hohe Umformungen auf. „Aus immer zwei dieser Bleche entsteht im weiteren Prozess ein leichtes und trotzdem sehr stabiles Bauteil“, erklärt Hungerbühler.

Durchweg positive Erfahrungen

„Ich war erst sehr erstaunt, was mit der Anlage tatsächlich alles möglich ist“, beschreibt Hungerbühler seine Erfahrungen mit der Multipunch 4020. „Wir haben jetzt tatsächlich eine Stanze nach unserer Vorstellung in der Halle stehen, die mehr kann als andere. Sechs-Meter-Bleche ohne Umsetzen zu bearbeiten, ist jetzt zum Beispiel kein Problem mehr, und mehr Flexibilität in der Fertigung haben wir jetzt auch.“ Denn wenn ein zu fertigendes Teil nicht zu komplexe Konturen aufweist, ist das Stanzen meist die wirtschaftlichere Alternative als das Laserschneiden. „Auch die enge, offene und ehrliche Zusammenarbeit mit Boschert bei der Entwicklung hat sehr viel Spaß gemacht und hat mich schwer beeindruckt. Das wäre mit einem größeren Unternehmen so sicher nicht möglich gewesen.“ Dieser positive Eindruck beruht auf Gegenseitigkeit: „Es gab in der ganzen Zeit nie auch nur ein böses Wort, selbst als es zu Verzögerungen beim Projekt kam, beispielsweise durch Lieferengpässe oder durch die Corona-Pandemie“, bestätigt Roser. „Das war toll“. Und die Entwicklung an der Multipunch steht nicht still. Inzwischen wurden weitere Anlagen bei anderen Anwendern installiert, was zu neuem Input führt. So wurden auch an der Maschine in Arnegg vor kurzem neue hydraulische Abstreifer installiert und die Prozessgeschwindigkeit erhöht. Und die nächsten Updates sind auch schon wieder in Arbeit.

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