Personalmanagement Mein Neffe hätte früher bei Trumpf keine Chance gehabt

Redakteur: Peter Steinmüller

Dr. Gerhard Rübling erläutert der Redaktion von MM Maschinenmarkt, welchen Wettbewerbsvorprung er sich vom neuen Arbeitszeitmodell bei Trumpf erhofft. Der Arbeitsdirektor spricht über teilzeitarbeitende Softwarentwicklerinnen, die Bedürfnisse von Lebenskünstlern und seine unerfüllte Liebe zur Industriesoziologie.

Firmen zum Thema

Trumpf-Arbeitsdirektor Dr. Gerhard Rübling: "Es ist ungewöhnlich, dass eine Firma ihren Beschäftigten anbietet, sechs Monate oder gar zwei Jahre aus dem Beruf auszusteigen." (Bild: Trumpf)
Trumpf-Arbeitsdirektor Dr. Gerhard Rübling: "Es ist ungewöhnlich, dass eine Firma ihren Beschäftigten anbietet, sechs Monate oder gar zwei Jahre aus dem Beruf auszusteigen." (Bild: Trumpf)

Herr Dr. Rübling, die Bildzeitung meldet seit gestern auf ihrem Internetportal, bei Trumpf könne jeder solange arbeiten wie er will. Wieviele Arbeitssuchende haben schon angerufen?

Rübling: Die Klickraten auf unseren Bewerberseiten im Internet gehen rasant in die Höhe. Und angerufen haben viele Unternehmerkollegen und Verbandsvertreter, die von unserem neuen Arbeitszeitmodell begeistert sind. Bei den Mitarbeitern verspüre ich vor allem ein Durchatmen nach dem Motto: „Hey, was passiert da überhaupt? Was heißt das denn für mich persönlich?“ Deshalb werden wir die Mitarbeiter nicht nur mit schriftlichem Material über das neue Modell informieren; wir werden Anfang Juni auch Konferenzen veranstalten, bei denen die Mitarbeiter ihre Fragen stellen können. Es ist ja ungewöhnlich, dass eine Firma ihren Beschäftigten anbietet, sechs Monate oder gar zwei Jahre aus dem Beruf auszusteigen.

Welche waren die häufigsten Gründe in der Vergangenheit, wegen denen Mitarbeiter für längere Zeit freigestellt werden wollten?

Rübling: Bei jungen Menschen ist der wichtigste Grund die Weiterbildung. Vor allem Bachelor-Absolventen müssen wir etwas anbieten. In der Krise haben wir acht von ihnen vorgeschlagen, gleich ihren Master anzuschließen. Wenn sie im Rahmen unseres Sabbatical-Programms in der Zeit an der Hochschule zu einem - natürlich geringeren - Gehalt bei uns weiterbeschäftigt sind, bleiben sie der Firma erhalten. Dieses Modell wird sich unter den Studierenden herumsprechen, und das erhöht die Attraktivität von Trumpf als Arbeitgeber enorm. Ich rechne damit, dass in einem Jahr die ersten davon Gebrauch machen.

Bildergalerie

Was gab den Anstoß für das neue Arbeitszeitmodell?

Rübling: Am Anfang stand die Diskussion in der Geschäftsleitung, wie Trumpf ein attraktiver Arbeitgeber bleiben kann. Außerdem ergaben unsere Mitarbeiterbefragungen einen Trend zu dem, was neudeutsch als Work-Life-Balance bezeichnet wird.

Welche Rolle spielten Betriebsrat und IG Metall?

Rübling: Von den Betriebsräten kam immer wieder der Wunsch, die tatsächlichen Arbeitszeiten zu reduzieren. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der Boomphase vor der Krise betrug rund 40 Stunden. Dieses Volumen passt aber nicht mehr in jeden Lebensplan: Viele Menschen möchten heutzutage eben weniger arbeiten. Ich habe gegenüber den Arbeitnehmervertretern argumentiert, dass wir den Mitarbeitern andererseits dann aber auch erlauben müssten, freiwillig mehr zu arbeiten, damit die Firma weiter funktionieren kann.

Bei der Vorstellung von Produktinnovationen lautet eine Standardfrage: „Welchen Wettbewerbsvorsprung erzielen Sie damit?“ Wie viele Jahre Vorsprung im Personalmanagement gibt Ihnen Ihr neues Modell?

Rübling: Ich schätze den Vorsprung auf drei Jahre. Viele Personalleiter werden das Modell erst einmal durchdenken. Es wird auch eine Weile dauern, bis es auf den Vorstandsetagen aufgenommen wird, von wo aus die Personalchefs aktiviert werden, die wiederum die Einführung erst einmal als Aufgabe definieren müssen.

Ist es eines Ihrer Ziele, mit dem Arbeitszeitmodell mehr Frauen für Trumpf zu gewinnen?

Rübling: Ja, bei uns ist der Frauenanteil bei Stellen mit natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Qualifikation zwar schon höher als in manchen anderen Unternehmen. Das Problem besteht aber vor allem darin, dass es viel zu wenig Studienabsolventinnen gibt. Um die möchten wir kämpfen.

Ihrer Aussage zufolge bleiben die Lohnkosten bei Trumpf konstant. Aber sparen Sie nicht Überstundenzuschläge ein?

Rübling: Die Zuschläge fallen schon heute nur in geringem Umfang an, weil die Überstunden für Krisenzeiten auf die Arbeitszeitkonten wandern. Im neuen Programm gilt dies für die ersten 350 Stunden. Aber wir hatten auch gar nicht die Absicht, mit der Innovation Geld zu sparen. Das hat uns niemand unterstellt, weder Betriebsrat noch IG Metall.

Wie stemmen Sie den Zusatzaufwand in der Personalabteilung?

Rübling: Zugegeben, ich brauche ein paar Mitarbeiter mehr. Aber nehmen wir einmal an, ich suche einen Softwareentwickler für einen 40-Stunden-Vertrag. Da suche ich schon sehr lange, manchmal Jahre. Wenn ich stattdessen drei Softwareentwicklerinnen auf Teilzeitbasis finden und ihnen versprechen könnte: „Ihr könnt später eure Stundenzahl erhöhen, wenn ihr wollt.“, vergrößert sich das Potenzial. Vielleicht sitzen drei solcher Spezialistinnen um Ditzingen herum und melden sich, weil sie sich sagen: „Der Trumpf bietet jetzt auch attraktive Zeitmodelle an.“

Zieht Ihre Arbeitszeitmodell auch Lebenskünstler an, die vielleicht bewusst weniger arbeiten wollen?

Rübling: Das sicher auch. Ein Neffe von mir repariert 30 Stunden in der Woche Computertomographen in den Krankenhäusern. Ansonsten gibt er Kurse im Alpenverein und baut Kletterwände für Jugendvereine, was ihm wahnsinnig Spaß macht. Menschen wie ihn gibt es immer häufiger. Sie hätten früher bei Trumpf keine Chance gehabt.

Vor einigen Jahren wurde in einem Magazinartikel der pietistische Geist bei Trumpf eindrucksvoll beschrieben. Geht dieser Ethos verloren, wenn zunehmend Individualisten den Weg in die Firma finden?

Rübling: Alle Arbeitgeber müssen sich von der Vorstellung verabschieden, dass ihre Mitarbeiter am liebsten morgens um 7 Uhr mit dem Schaffen beginnen und erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder die Arbeitsstelle verlassen.

Wenn wir davon ausgehen, dass Arbeitszeitwünsche und einschneidende Erlebnisse im Leben eines Menschen einem bestimmten Zyklus folgen, heißt dies ja auch, dass die Altersstruktur bei Trumpf so aufgebaut sein sollte, dass die Forderungen nach einer Freistellung gleichmäßig über die Zeit verteilt auftreten.

Rübling: Wir haben eine sehr ausgeglichene Altersstruktur. Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp unter 40 Jahren. Wir stellen jedes Jahr am Standort hier in Ditzingen zwischen 100 und 150 Mitarbeiter ein. Sie kommen in der Regel von Hochschulen, Technikerschulen, Meisterschulen oder direkt aus der Ausbildung, was den Altersdurchschnitt senkt. Wir haben mit diesen regelmäßigen Einstellungen nicht die typischen Verwerfungen, die andere Unternehmen oft beklagen. Wenn Sie niemanden mehr einstellen, wird die Belegschaft eben Jahr für Jahr zusammen älter.

Für Ihr neues Modell müssen Sie enorme Rückstellungen bilden. Wie organisieren Sie das?

Rübling: Das Familien- und Weiterbildungszeitkonto ist ein Langzeitkonto, auf dem bis zu 1000 Stunden für eine Auszeit von bis zu sechs Monaten angespart werden. Dabei entstehen Wertguthaben im Sinne des sogenannten Flexi II-Gesetzes. Wir müssen das Geld insolvenzgesichert anlegen. Es gehört ja zusammen mit den Zinsen den Mitarbeitern. Die Beiträge für die betriebliche Altersvorsorge sind über den Pensionssicherungsverein abgesichert.

Sie haben in der Pressekonferenz den Wunsch geäußert, für ein paar Monate an die Universität zurückzukehren. Welche Themen würden Sie besonders interessieren?

Rübling: Ich habe heute eine Einladung an die Universität von meinem längst emeritierten Professor in Konstanz erhalten, nachdem er von unserem Projekt aus den Medien erfahren hatte. Von Haus aus bin ich Industriesoziologe. Meiner Dissertation habe ich vor fast 25 Jahren den Satz von Ralf Dahrendorf vorangestellt: „Wir müssen zukünftig nicht mehr oder weniger arbeiten, sondern anders arbeiten.“ An der Universität würde ich gerne herausfinden, warum die Industriesoziologen meines Wissens nach heute nichts mehr zu diesem Thema zu sagen haben. Aber ich fürchte, meine Chefin lässt mich nicht gehen …

* Das Interview führte MM-Redakteur Peter Steinmüller

(ID:27609660)