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Brexit

Nach dem Brexit-Votum

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Lange Verhandlungsphase macht auch Planungen entsprechend unsicher

Sowohl in Deutschland als auch jenseits des Ärmelkanals sind viele Fragen offen, was eine genauere Einschätzung der zukünftigen Entwicklung schwierig bis unmöglich macht. Die Konsequenzen des Referen­dums für deutsche Unternehmen sind unklar, vor allem wegen der Unsicherheit, wie mögliche Abkommen zwischen Großbritannien und der EU aussehen könnten. In der eingangs genannten Umfrage der IHK gaben 71 % der Unternehmen an, dass die politische und rechtliche Unsicherheit das größte Risiko berge, das durch den britischen EU-Austritt entstehe. Vor allem das Ausscheiden aus dem gemeinsamen europäischen Binnenmarkt birgt besonders viele Unklarheiten. Ob Großbritannien ähnlich wie Norwegen Teil der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) werden und somit vollen Zugang zum Europäischen Binnenmarkt haben wird, ist noch ungewiss. Dementsprechend ist auch unklar, inwiefern Großbritannien Zölle erheben wird. Damit verbunden wäre dann auch, dass Unternehmen sich möglicherweise auf einen deutlich erhöhten Bürokratieaufwand einstellen müssten.

Als Folge dieser Unsicherheit hat der DIHK für 2016 die Prognose für das Wachstum der Exporte nach Großbritannien von 5 auf –1 % angepasst, für 2017 sogar auf –5%. Bis 2017 werden die Austrittsverhandlungen allem Anschein nach vermutlich nicht abgeschlossen sein. Eine längerfristige Planung ist unter diesen Umständen deutlich erschwert. Die Prognose des DIHK zeigt, dass die Planungsunsicherheit einen deutlichen Effekt auf Kunden und Verbraucher hat, die sich im zurückgehenden Kaufverhalten widerspiegeln. Ein weiterer schwer abzusehender Faktor ist die Preisentwicklung des britischen Pfunds. Kurz nach dem Referendum stürzte das Pfund deutlich ab, inzwischen steigt der Wert wieder. Auch hier lassen sich jedoch die langfristigen Folgen des Referendums nicht absehen.

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„Politisch ist das Votum der Briten für den EU-Austritt ein Schock. Es führt zu allgemeiner Verunsicherung der europäischen Wirtschaft und Vertrauensverlust bei den internationalen Geschäftspartnern. Es wird jetzt maßgeblich darauf ankommen, wie der weitere Fahrplan aussieht und wie schnell es der Politik gelingt, Märkte und Investoren zu beruhigen. Davon hängt teilweise auch ab, ob die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ihr Produktionswachstum von einem Prozent im laufenden Jahr realisieren kann“, sagt Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW.

WZM-Branche wird ihre Führungsposition halten und sogar ausbauen

Im Vertrauen auf stabile Rahmenbedingungen hätten etliche Unternehmen auf der Insel investiert. Unter welchen Bedingungen ihr Geschäftsmodell künftig funktioniere, sei bisher jedoch völlig unklar. Schäfer ist sich dennoch sicher, dass die deutsche Werkzeugmaschinenbranche allen Widrigkeiten zum Trotz ihre weltweit führende Position auch in Zukunft halten und ausbauen kann.

Ein weiterer Faktor, der bisher noch kaum absehbar ist, sind die Rechte der Angestellten in Großbritannien aus dem EU-Ausland. Laut IHK-Umfrage planen 26 % der Unternehmen mit Zweigstellen oder Filialen in Großbritannien mit einer geringeren Zahl an Beschäftigten. Es ist allerdings fraglich, ob Großbritannien auch ohne die ausländischen Fachkräfte zurechtkommen kann.

Dieses Problem ist auch den britischen Industrie- und Wirtschaftsverbänden bewusst. In einem gemeinsamen öffentlichen Brief an die Regierung forderten die Confederation of British Industry (CBI), die British Chambers of Commerce (BCC), die National Federation of Self Employed and Small Businesses (FSB), das Institute of Directors (IOD) und The Manufacturers‘ Organisation (EEF) eine baldige Beendigung der Unsicherheit bezüglich der Arbeitskräfte aus anderen Nationen der EU. Eine klare und unmissverständliche Beteuerung der Langzeitaufenthaltsrechte von EU-­Bürgern sei unerlässlich, so die Verbände.

Auch in einem Brief der französischen Medef, des BDI und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände riefen diese die Regierung auf, neue Formen der Zusammenarbeit mit Großbritannien zu entwickeln. Grillo appellierte an die neue Regierungschefin Theresa May, Brücken nach Europa zu bauen. „Es ist im Interesse der Wirtschaft in Kontinentaleuropa wie im Vereinigten Königreich, Verlässlichkeit wiederherzustellen.“ Es gehe darum, entstehenden Schaden für die Unternehmen, ihre Beschäftigten und ihre Einkommen zu begrenzen. Die Beziehungen zwischen Großbritannien und der restlichen EU dürften nicht durch Kontrollverlust geschwächt werden. Unternehmen und Verbände in Deutschland erwarten mit großer Spannung, welche Folgen die Austrittsbestrebungen Großbritanniens haben werden. Nachahmer abzuschrecken, indem man aus dem Fall Großbritannien einen Präzedenzfall macht und härter verhandelt als nötig, kann nicht im Interesse der europäischen Wirtschaft liegen. MM

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