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Krisenbewältigung Neue Technologien sind nur der halbe Weg aus der Krise!

Autor / Redakteur: Kerstin Besemer / Peter Königsreuther

Mit Menschen und Maschinen durch den Wandel! Das sei der richtige Weg durch die Coronakrise, heißt es. Beim TUM Talk am 17. September diskutierten Experten, wie das Wirklichkeit werden kann.

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Never waste a crisis! Prof. Dr. Thomas F. Hofmann, Präsident der Technischen Universität München, appelierte im Rahmen des TUM Talk in Heilbronn: „Man muss den unternehmerischen Mut nutzen, um transformative Geschäftsmodelle auszuprobieren!“
Never waste a crisis! Prof. Dr. Thomas F. Hofmann, Präsident der Technischen Universität München, appelierte im Rahmen des TUM Talk in Heilbronn: „Man muss den unternehmerischen Mut nutzen, um transformative Geschäftsmodelle auszuprobieren!“
(Bild: TU München)

Die digitale Transformation fordert Unternehmen, Führungskräften und Mitarbeitern viel ab – doch sie bietet auch enorme Chancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Was für eine erfolgreiche Veränderung wichtig ist, diskutierten Unternehmensvertreter mit Wissenschaftlern der TU München auf dem Bildungscampus Heilbronn. Google-Manager Wieland Holfelder, Professorin Ann-Kristin Achleitner und Würth-Chef Robert Friedmann machten ebenso wie die anderen Podiumsgäste deutlich, dass mit neuer Technologie allein, der Wandel nicht gelingen wird.

Keine Bange, das Fundament ist solide! Aber...

Jetzt geht es um den nächsten großen Schritt: Familienunternehmen und Konzerne haben über Jahre und Jahrzehnte bewiesen, dass sie sich neu erfinden können. Die digitale Transformation verändert zwar nun grundlegend bisherige Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle. Die Chancen aber seien groß: „Wir haben in Deutschland das Potenzial, ganz viele unserer Industriezweige mithilfe der Digitalisierung zu veredeln“, betont Wieland Holfelder, Vice President Engineering für Google in Deutschland, im Rahmen der Premiere der Netzwerkveranstaltung TUM Talk am Bildungscampus Heilbronn.

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Doch klar ist auch, dass ein Aussitzen keine Alternative sein kann. Denn der Druck auf viele Unternehmen steigt, heißt es. Die wirtschaftliche Lage der vergangenen Jahre hatte manche Branche in trügerischer Sicherheit manövriert. „Bei vielen sind die Themen noch nicht so intensiv bearbeitet worden, weil es so gut lief“, merkt Ann-Kristin Achleitner, Professorin für Entrepreneurial Finance an der Technischen Universität München (TUM) und Aufsichtsrätin bei Konzernen wie Linde oder Munich Re, an. Mit Corona und auch angesichts der geopolitischen Lage habe man jetzt Brandbeschleuniger zu bewältigen, die mahnen, dass „Innovation“ schneller gelingen müsse als bisher.

Nur der Mutige schafft die digitale Transformation

In den vergangenen Wochen beschleunigten einige Unternehmen auch ihren Umbau, registrieren die Experten. Denn wo zuvor Präsenz im Büro Pflicht war, wurden plötzlich flexible Arbeitsorte der Stand der Dinge. Und das innerhalb kürzester Zeit. Und auch einige Unternehmen schalteten flott auf einen Webshop oder eine virtuelle Beratung um. Andere Organisationen musste zugeben, dass ihre Strukturen zu starr waren, um schnell die Vorteile der Digitalisierung für sich zu nutzen. „Man muss einfach den unternehmerischen Mut nutzen, um auch transformative Geschäftsmodelle auszuprobieren“, appellierte TUM-Präsident Thomas F. Hofmann.

Offensichtlich sei aber jetzt schon, dass mit der Investition in Videokonferenzsysteme oder digital vernetzte Maschinen allein, diese Transformation nicht gelingen könne. „Es fungiert weniger die Technologie selbst, sondern viel mehr die Transformation, die mit der Einführung dieser Technologie einhergehen muss, als Enabler“, so Thomas Olemotz, Vorstandsvorsitzender des IT-Systemhauses Bechtle AG.

Kunden- und Anwenderwünsche mit digitaler Transformation erfüllen

Diese Erkenntnis, heißt es weiter, erfordert in vielen Unternehmen ein radikales Umdenken – aber auch eine gänzlich neue Perspektive. „Tesla ist uns deshalb viel voraus, weil es das Produkt vom Kunden heraus gedacht hat“, bringt etwa Stefan Boll, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Ingenieursdienstleisters CSI Entwicklungstechnik, in Erinnerung. Dieser Fokus sei keineswegs nur für den Erfolg in der Autoindustrie ein zentraler Aspekt. Denn die Kundenbindung wird zentral, wie Rolf Schumann, Geschäftsführer von der Schwarz-Gruppe, beipflichtet. Und das gilt über alle Kanäle hinweg. Er verantwortet im Bereich Digitalisierung als Geschäftsführer die Themen „Strategie, Geschäftsmodell & Eco-Systeme“. Schumann steckt folglich mittendrin in den Herausforderungen des Handels, um sich gegen Amazon und Co. zu behaupten. Branchenübergreifend sei aber nicht mehr die Unterscheidung zwischen offline oder online der Fokus. Denn die Bedürfnisse des Kunden oder Nutzers rückten in der heutigen Zeit ganz nach vorne, heißt es weiter. Aber die digitale Transformation ermöglicht es mit Software und Sensoren, diese Bedürfnisse zu erfüllen.

New Leadership heißt Vertrauen schaffen und Verantwortung übertragen

Bevor man ein neues Geschäftsmodell angeht, muss sich aber häufig erst die Unternehmenskultur verändern, sagen die Experten in Heilbronn. Das stellt insbesondere Führungskräfte vor neue Herausforderungen. Denn erstens seien die Aufgaben in vielen Funktionsbereichen in den vergangenen Jahren so komplex geworden, dass ein Vorgesetzter unmöglich mit allen Entwicklungen in seinem Team Schritt halten könne. Und zweitens müssten in agilen Entwicklungsprozessen Entscheidungen häufig schneller getroffen werden und nicht von komplexen Hierarchien ausgebremst werden. Drittens forderten viele Arbeitnehmer heute auch mehr Selbstverantwortung ein.

Wer also wertvolle Talente an sich binden will, muss außer ein gutes Gehalt zu zahlen, auch emotionale Erfüllung bei der täglichen Arbeit bieten, heißt es. Vertrauen und Verantwortung sind seit Jahren die wichtigsten Werte für Führungskräfte, zitiert Claudia Peus, Professorin für Forschungs- und Wissensmanagement an der TUM, aus einer Studie zur Untersuchung für die Wertekommission. In diesem Jahr stieg zudem die Bedeutung des Wertes Respekt deutlich an! Denn in Coronazeiten rückten manche Teams virtuell enger zusammen und entwickelten mehr Verständnis über die alltäglichen Herausforderungen einzelner Kolleginnen und Kollegen, so die Meinung der Wissenschaftlerin.

Der deutsche Führungsstil kann zum Bremsklotz werden

Für eine tiefgreifende Transformation sei außerdem eine Führung mit klarem Kurs in puncto Wertekompass entscheidend. In der Praxis sei das jedoch noch nicht in allen Unternehmen angekommen. „Der deutsche Führungsstil ist häufig noch kontroll- und anwesenheitslastig“, weiß etwa Thessa von Hülsen, verantwortlich für die Personalstrategie der Deutschen Börse. Von Hülsen weiter: „Wir versuchen deshalb, mehr Entscheidungen in die Teams zu delegieren.“

In etablierten Unternehmen könne dieser Wandel aber auf Widerstand stoßen. Doch neue Führungsmethoden und ein Austausch auf Augenhöhe sorgten schnell dafür, dass Mitarbeiter sich stärker wahrgenommen fühlen und damit motivierter sind. „Am Anfang gab es durchaus hochgezogene Augenbrauen“, erinnert sich von Hülsen, „aber dann war es ein riesiger Erfolg.“

Bleiben Sie nicht nur gesund, sondern auch neugierig!

Auch eine intensive Zusammenarbeit mit Start-ups könne dabei helfen, sich an moderne Instrumente heranzutasten. Denn die meist kleinen Tech-Teams sind oft von flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen geprägt, präzisieren die Experten. Mittelständler und Konzerne kämen über Kooperationen oder gar Übernahmen nicht nur an innovative Produkte: „Damit werden auch Managementstrukturen übernommen“, beobachtet Thomas R. Villinger, Geschäftsführer des Risikokapitalgebers Zukunftsfonds Heilbronn.

Insbesondere eine neue Freude am Ausprobieren könnte Unternehmen zukunftsgerichteten Rückenwind geben. Das Fundament aus exzellenter Entwicklung und einem tiefen Verständnis für den Markt bringen viele ja bereits mit, heißt es weiter. Jetzt gehe es darum, mit Mut, die Transformation innerhalb der eigenen Organisation und entlang der Wertschöpfungskette zu gestalten. Und dabei nicht in alten Strukturen zu verharren. „Wir brauchen Neugierde“, fordert Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe, in diesem Zusammenhang.

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