Produktpiraterie Plagiarius 2007: Der erste Preis geht nach China

Redakteur: Jürgen Schreier

Frankfurt/Main (js) – Besser gut geklaut als schlecht erfunden. Diesem Leitsatz frönen nach wie vor viele Unternehmen rund um den Globus. Und so hatten auch die Juroren des Plagiarius 2007 wieder einmal die „Qual der Wahl“.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries: „Um gegen Nachahmer wirksamer vorgehen zu können und sie abzuschrecken, brauchen wir angemessene Starvorschriften, denn wir haben es hier zunehmend mit einer Form organisierter Kriminalität zu tun.“ Bild: Schreier
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries: „Um gegen Nachahmer wirksamer vorgehen zu können und sie abzuschrecken, brauchen wir angemessene Starvorschriften, denn wir haben es hier zunehmend mit einer Form organisierter Kriminalität zu tun.“ Bild: Schreier
( Archiv: Vogel Business Media )

Von Prof. Rido Busse 1977 aus der Taufe gehoben, brandmarkt dieser Negativpreis alljährlich Fälscher und Plagiatoren von Konsum- und Industrieprodukten – selbst wenn der mittlerweile seit 30 Jahre währende Feldzug des Ulmer Design-Papstes manchmal anmutet wie der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlenflügel. Denn parallel zur wirtschaftlichen Öffnung hat sich die Volksrepublik China als „Fälscherwerkstatt“ der Welt positioniert. Selbst der Beitritt zur WTO hat daran bis dato kaum etwas geändert.

Folglich verwundert es kaum, dass bei der diesjährigen Plagiarius-Verleihung, die (wie gewohnt) am Rande der Frankfurter Konsumgütermesse Ambiente stattfand, ein chinesischer Produzent auf dem Siegertreppchen landete: die He Shan Jia Hui Vacuum Flask & Vessel Co., Ltd.. Das Unternehmen mit Sitz in Guangzhou hatte die bekannte Isolierkanne der alfi GmbH, Wertheim, unter dem Markennamen albi auf den Markt und damit an den Verbraucher gebracht.

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Doch auch auf den anderen Plätzen, die beim Plagiarius vergeben werden, waren in diesem Jahr Produktpiraten aus dem Reich der Mitte gut vertreten. So ging der Sonderpreis für Fälschung an den Maschinenbauer Zhejiang Baotai Machine Factory Co. Ltd.. „Prämiert“ wurde dessen detailgetreuer Nachbau der Tankstellen-Zapfventile „ZVA Slimline“ und „ZVA 200 GR“ von Elaflex Tankstellentechnik inm Hamburg, wobei Original-Markenname und -Logo gleich mitkopiert wurden. Gipfel der Dreistigkeit: Für die Fälschung hat Zhejiang Baotai in China sogar Markenschutz beantragt.

Nicht nur in Fernost wird kopiert

Produktpiraten sitzen aber keineswegs nur in Fernost oder Osteuropa. Manch deutsche Unternehmen, kopiert ganz ungeniert die Produkte des Wettbewerbs. Schon mehrfach als „Wiederholungstäter“ hervorgetreten und auch in diesem Jahr in dieser „Preiskategorie“ wieder mit dabei: die Firma Glaser GmbH & Co. KG aus Groß-Umstadt mit einer „Nachempfindung“ eines beleuchteten Türgriffs der Schneider + Fichtel GmbH, Rottenburg.

Dabei ist Produkt- und Markenpiraterie, wie Prof. Busse, betonte, schon lange kein Kavaliersdelikt mehr, sondern stelle die gravierendste Formen von Wirtschaftskriminalität im 21. Jahrhundert dar. Produktpiraten untergraben den legalen Handel und senken die Innovationsbereitschaft und -kraft zahlreicher Hersteller.

Hersteller, die durch ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten immer neue Innovationen hervorbringen und somit Fortschritt, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze sichern. Aber nicht jede Produktentwicklung ist erfolgreich – auch so genannte Flops müssen mitfinanziert werden. Im Gegensatz dazu können sich die Nachahmer auf das Abkupfern erfolgreicher Produkte, für die bereits Nachfrage besteht, fokussieren. Neben den Investitionen in Forschung und Entwicklung - dem größten Kostenpunkt bei der Entwicklung neuer Produkte – sparen die Produktpiraten auch noch die Kosten fürs Marketing.

Der volkswirtschaftliche Schaden ist gigantisch

Schätzungen der Europäische Kommission zufolge entfallen 7 bis 10% des Welthandels auf Fälschungen, Plagiate und Raubkopien. Global entsteht dadurch ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von 200 bis 300 Mrd. Euro pro Jahr. Hunderttausende legaler Arbeitsplätze werden dadurch vernichtet.

Nachdrücklich mahnte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries in ihre Rede zur Plagiarius-Verleihung einen Dreiklang von Politik, Wirtschaft und Verbrauchern an. So habe die Politik vor allem dafür zu sorgen, Piraterie zu verhindern, begangene Fälschungen aufzuklären und die Schuldigen zu bestrafen. Wie die Ministerin berichtete, wurde dazu vor wenigen Tagen im Kabinett ein Gesetzentwurf beschlossen, um gegen Rechtsverletzungen zivilrechtlich noch wirksamer vergehen zu können.

Neuer Gesetzentwurf soll Aufklärung erleichtern

„Der Gesetzentwurf sieht vor“, so Zypries, „dass ein Kläger künftig auch von Dritten, die nicht selber Rechtsverletzer sind, Auskünfte verlangen kann. Dadurch kann man an die Hintermänner von Fälschern und Raubkopierern besser herankommen. Die Auskunftsansprüche gegen Dritte – etwa gegen Internet-Provider und Spediteure – bestehen nicht nur dann, wenn bereits ein gerichtliches Verfahren eingeleitet wird.“

Auf EU-Ebene will sich Deutschland, das gegenwärtig die Ratspräsidentschaft innehat, ebenfalls für eine Verbesserung der strafrechtlichen Sanktionen bei Markenpiraterie stark machen. Dazu Zypries: „In Deutschland sind wir schon gut aufgestellt, so sieht etwa das Markengesetz einen Strafrahmen von bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe vor, In anderen Ländern der EU ist das aber nicht so. Um gegen Nachahmer wirksamer vorgehen zu können und sie abzuschrecken, brauchen wir aber angemessene Starvorschriften, denn wir haben es hier zunehmend mit einer Form organisierter Kriminalität zu tun.“

Wirtschaft muss Verbraucher sensibilisieren

Doch auch die Wirtschaft selbst ist nach Ansicht der Bundesjustizministerin gefordert, den Kampf gegen Plagiate noch offensiver zu führen als bisher. Ein gutes Beispiel dafür sei die von den deutschen und chinesischen Textil- und Mode-Spitzenverbänden geschlossene Vereinbarung, die zum Ziel hat den Schutz geistigen Eigentums der nationalen und internationalen Lobbyarbeit zu fördern, Rechtsverstöße zu beobachten und sich gegenseitig bei der Aufklärung derartiger Fälle zu unterstützen.

Zu guter Letzt müsse auch der Verbraucher – durch die Wirtschaft – für das Problem der Produktpiraterie stärker sensibilisiert werden, forderte die Ministerin In Frankfurt. Schließlich ließen sich mit gefälschten Produkten nur deshalb Geschäfte machen,“ weil sie sich verkaufen lassen“. Aufklärungskampagnen sollten sich deshalb auch an potenzielle Kunden richten und deutlich machen, dass keineswegs nur „Geiz geil ist“, wie die Werbung suggeriere, sondern dass ein hochwertiges Originalprodukt nun einmal seinen Preis habe.

Die Preisträger des Plagiarius-Wettbewerbs 2007:

Die Jury traf sich am 20. Januar 2007 und vergab drei Preise, acht Auszeichnungen und drei Sonderpreise aus insgesamt 58 Einsendungen:

1. Preis: Isolierkanne „Sophie“

Original: alfi GmbH, Wertheim

Plagiat: He Shan Jia Hui Vacuum Flask & Vessel Co., Ltd., Guangzhou/VR China

2. Preis: Notizbuch „Moleskine“

Original: Hersteller: Moleskine S.r.l., Mailand, Italien, Vertrieb (D, AT, CH): Authentics GmbH, Gütersloh

Plagiat: ars nova GmbH Großhandel für Künstlermaterialien, Witten

3. Preis: Kehrmaschine „TopSweep 55“

Original: Ing. Haaga Kunststofftechnik GmbH, Kirchheim/Teck

Plagiat: Wuyi Zhouyi Mechanical & Electrical Co., Ltd., Zhejiang/VR China

Acht gleichrangige „Auszeichnungen“ wurden vergeben an:

Sofa Insel „Orbit“

Original: Dedon GmbH, Lüneburg

Plagiat: Antik Heiligenstedten, Heiligenstedten

Windrose-Schmuckkoffer „Titan“ und „New Age“

Originale: Georg A. Steinmann Lederwarenfabrik GmbH + Co. KG, Nürnberg

Plagiate: Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG, Neckarsulm

Vasen „Ferraux“

Originale: IHR Ideal Home Range, Essen/Oldenburg

Plagiate: Edelman B.V., Reeuwijk, Niederlande

Resektoskop-Set für die Urologie (Arbeitselement und Schäfte)

Originale: Karl Storz GmbH & Co. KG, Tuttlingen

Plagiate: Hersteller: - Wenkert Medizintechnik Klaus Wenkert, Seitingen

Vertrieb (u.a): - Ackermann Instrumente GmbH, Rietheim

- Asap Endoscopic products GmbH, Freiburg

- Gimmi GmbH, Tuttlingen

- Mahe-Barthelmes Medizintechnik GmbH, Emmingen

- MGB Endoskopische Geräte GmbH, Berlin

- Schölly Fiberoptic GmbH, Denzlingen

- Stema Medizintechnik GmbH, Stockach

Salz- und Pfefferstreuer “Step’n Pep”

Originale: Koziol>> ideas for friends GmbH, Erbach

Plagiate: DUE ESSE s.r.l., Martina Franca/Italien

Multifunktionswerkzeug “Leatherman Wave

Original: Leatherman Tool Group, Inc., Oregon/USA

Plagiat: REDA Deutschland GmbH, Iserlohn / REDA a.s., Brn-Slatina/Tschechien

Brillen der OWP-Kollektion, Modelle Nr. 1620, Nr. 1621 und Nr. 2298

Originale: OWP Brillen GmbH, Passau

Plagiate: Walter Binde GmbH & Co. KG, Minden

Folgende drei „Sonderpreise“ wurden verliehen:

Sonderpreis für eine Fälschung

Tankstellen-Zapfventile „ZVA Slimline“ und „ZVA 200 GR“

Originale: Elaflex Tankstellentechnik GmbH & Co., Hamburg

Fälschungen: Zhejiang Baotai Machine Factory Co., Ltd., Zhejiang/VR China

Sonderpreis für Wiederholungstäter

Beleuchteter Türgriff, Serie x.door

Originale: Schneider + Fichtel GmbH, Rottenburg

Plagiat: Glaser GmbH & Co. KG, Groß-Umstadt

NEU: Hyänenpreis

Einkaufskorb „Carrybag“

Original: Reisenthel Accessoires, Puchheim

Plagiate: 1) Xin Hang Wujin Tools Dongyang Zhejiang Co., Ltd., Zhejiang/VR China, 2) Arbor Handels GmbH, Leonding/Österreich, 3) Edwards Trade Company B.V., Mljdrecht/Niederlande, Berni Irio & Co. S.n.c., Luzzara/Italien, 5) Bed Bath & Beyond Inc., New York/USA, 6) Kodi – Diskontläden GmbH, Oberhausen, 7) TOP Marketing, Taipei/Taiwan, 8) Shanghai Light Industrial Products Import & Export Corp., Ltd., Shanghai/VR China, 9) Xiamen Helen Industry & Trade Co., Ltd., Xiamen/VR China, Yilmaz Güntekin, Gelsenkirchen.

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