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Interview Digitalisierung „Viele Menschen benutzen Buzzwords eher als Schutzschild für fehlende Kompetenz“

| Autor: Georgina Bott

Die Digitalisierung ist im Mittelstand angekommen – oder? Wir haben bei Christian Bredlow nachgefragt, wie der eigentliche Stand ist, womit Unternehmen zu kämpfen haben und warum so viele im „Buzzword-Chaos“ versinken.

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„Viele Menschen benutzen Buzzwords jetzt eher als Schutzschilde für fehlende Kompetenz,“ verrät Christian Bredlow im Interview.
„Viele Menschen benutzen Buzzwords jetzt eher als Schutzschilde für fehlende Kompetenz,“ verrät Christian Bredlow im Interview.
(Bild: gemeinfrei / CC0)

Das Thema Digitalisierung ist immer noch ein wichtiges Thema für den Mittelstand. Aber wie können Unternehmen fit für die digitale Transformation gemacht werden? Damit beschäftigt sich Christian Bredlow nicht nur in seinen zahlreichen Auftritten und Keynotes. Auch mit seinem Unternehmen Digital Mindset hilft er Mittelständlern dabei, digitale Zusammenhänge zu verstehen, digitale Potenziale zu identifizieren und mit Veränderungen bestehende Erlösmodelle durch digitale Adaption in nachhaltigen Geschäftserfolg umzuwandeln. Wir wollten von ihm wissen, wie weit der Mittelstand in Sachen Digitalisierung bereits ist, wo sich Unternehmen schwer tun und was es eigentlich mit den ganzen Buzzwords auf sich hat.

Fast jeder spricht davon: die Digitalisierung. Wie ist deiner Erfahrung nach der aktuelle Stand hinsichtlich der digitalen Transformation im Mittelstand?

Christian Bredlow: Entgegen des „Verschläft Deutschland den Wandel“-Tenors habe ich bis jetzt nur positive Eindrücke bekommen, wenn man sich das Thema Fertigung und Produktion anschaut. Auch im Marketing sind viele Mittelständler heute schon deutlich digitaler. Wenn ich aber auf die Arbeitsweisen der Firmen schaue, mir Themen wie Zusammenarbeit, Unternehmenskultur und Automatisierung anschaue, dann stecken wir noch ziemlich in den Kinderschuhen. Hier bremsen fehlende Agilität, Angst und Beharrlichkeit sicherlich die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber kleinen, agilen Einheiten.

In einem deiner Vorträge sagst du: „Digitalisierung ist keine Technologie – es ist vielmehr eine veränderte Geisteshaltung“. Wie schwer ist es, diese Geisteshaltung im gesamten Unternehmen unterzubringen?

Ich würde hier gerne „schwer“ durch „intensiv“ ersetzen. Viele Unternehmen vergessen leider, dass sich für viele Menschen gerade heute die Art zu Arbeiten und auch die Art zu Leben massiv verändert. Die Intensität kommt daher, dass man sich Zeit nehmen muss, Menschen auch von den persönlichen Mehrwerten der Digitalisierung zu begeistern, sie mit der Geschwindigkeit der Märkte zu konfrontieren und davon überzeugen, dass das, was Sie privat tun, auch im geschäftlichen Kontext gut funktioniert. Beispiel Vernetzung: niemand schreibt mit seinen Freunden E-Mails, oder?

Gerade die Mitarbeiter in Unternehmen stellen sich in Sachen Digitalisierung oft quer. Woran liegt das deiner Meinung nach und wie können alle von der Digitalisierung begeistert werden?

Niemand gibt gerne zu, etwas nicht zu verstehen. Das ist bei Führungskräften wie auch bei Mitarbeitern die gleiche Haltung. Mit Veranstaltungen, Workshops und anderen Inspirationsformaten kriegen wir es meistens ganz gut hin, ein digitales Mindset für alle Mitarbeiter zu erzeugen und niemanden auf dem Weg zu verlieren. Da treffen sich die Rolle des Lotsen durch den digitalen Wandel mit der Rolle des digitalen Sozialarbeiters in einer Person. Das dann gezogene Pflänzchen gilt es zu schützen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Hier liegt die Herausforderung. Denn meistens folgt auf die geweckte Begeisterung das böse #Tagesgeschäft und Schluss ist mit der Raketenforschung.

New Work, Agilität, Automation und Co. – zur Digitalisierung gehören auch jede Menge Buzzwords. Viele, die diese Begriffe nutzen, wissen aber gar nicht, was eigentlich dahinter steckt. Wie siehst du das aktuelle „Buzzword-Chaos“?

Ich glaube, es hat sich gar nicht so viel geändert. Buzzwords sind im geschäftlichen Kontext ja eigentlich schon immer da. Dadurch dass wir jetzt auch über Sprachgrenzen immer vernetzter Leben und Arbeiten nehmen verstärkt Anglizismen zu, für die wir uns gar keine deutschen Äquivalente überlegen. Das finde ich auch nicht so schlimm. Viel wichtiger ist: viele Menschen benutzen Buzzwords jetzt eher als Schutzschilde für fehlende Kompetenz. Fragt doch einfach mal einen Gegenüber, der ein Buzzword oder eine Abkürzung verwendet, nach der Bedeutung. Diese bewusste Konfrontation ist reinigend und manchmal auch entlarvend! Mehr dazu ja auf Eurer Veranstaltung.

Und was ist dein Tipp für alle, die gerade in diesem „Buzzword-Chaos“ versinken?

Informationen lassen sich immer einfacher beschaffen. Für den schüchternen Menschen ist es von daher nicht schwer, einfach nachzuschlagen und sich eine Bedeutung eines Buzzwords selber anzueignen. Ich empfehle einfach die Verständnisfrage. „Was bedeutet das“ geht mir mittlerweile schnell über die Lippen. Ach ja: das Chaos bekämpfe ich, indem ich ein für mich relevantes Fachlexikon in meinem Handy herumtrage. Wenn ich die Keywords dann nach der Transition in meine DNA convertet habe, dann nehme ich sie vom Stack.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Bredlow ist Gründer und Geschäftsführer der Digital Mindset GmbH.
Christian Bredlow ist Gründer und Geschäftsführer der Digital Mindset GmbH.
(Bild: Christian Bredlow)

Über den Interviewpartner

Christian Bredlow ist Gründer und Geschäftsführer der Digital Mindset GmbH, die Unternehmer und Führungskräfte für den digitalen Wandel begeistern möchte. Der studierte Wirtschaftsinformatiker ist ein Motivator, Enabler und Experte in einer Person. Er ist Vater von Zwillingen, bloggender Musikliebhaber und leidenschaftlicher Referent – seine Hip Hop-Vergangenheit kann er auch in seinen Vorträgen nicht immer zurückhalten.

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