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Porträt

Vom Stuhl zum Smartphone

| Autor/ Redakteur: Viola Neue / Simone Käfer

Wie sich das Industriedesign seine Daseinsberechtigung erkämpft hat. Die Geburt des industriellen Designs wird am Wiener-Kaffeehaus-Stuhl festgemacht. Heutzutage ist das I-Phone eines der wenige Beispiele.

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Stuhl Nr. 14, der Wiener-Kaffeehaus-Stuhl, von Michael Thonet gehört zu den ersten Erfolgen des Industriedesigns.
Stuhl Nr. 14, der Wiener-Kaffeehaus-Stuhl, von Michael Thonet gehört zu den ersten Erfolgen des Industriedesigns.
( Bild: ©polydsign - stock.adobe.com )

Das Industriedesign ist ein junges Handwerk, das – wie der Name schon sagt – erst mit dem Aufkommen einer Industrie entstehen konnte. Durch die Entwicklung der Massenproduktion wurde plötzlich ein Prototyp notwendig, um nach dessen Vorbild die Massenware zu produzieren. Möbel und Textilien wurden für eine neue städtische Mittelklasse hergestellt. Die Nachfrage nach billigen und verzierten Produkten stieg. Doch es gab keinen Beruf, der diesen Ansprüchen gerecht wurde. So übernahmen zunächst Künstler und Bildhauer dank ihres räumlichen Vorstellungsvermögens die neue Aufgabe.

Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs die Konsumgüterindustrie rasant an. Damit entstanden auch Wettbewerbsmärkte. Gleichzeitig waren Verbraucher bereit, mehr Geld für Luxusgüter und dekorative Innenraumeinrichtung auszugeben. Die Fähigkeit, das Aussehen und den Wert von Produkten zu verbessern, war gefragter denn je – Designer waren nötig, um die Produkte voneinander abzuheben. Die Möbelindustrie war eine der ersten, die „industrielle Gestaltung“ ernst nahmen und ihre Produkte nicht nur praktisch, sondern auch ästhetisch ansprechend herstellen wollten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte der Tischler Michael Thonet eine Designneuheit: den Wiener-Kaffeehaus-Stuhl. Von da an war sein bis heute bestehendes Unternehmen Thonet vom wirtschaftlichen Erfolg gekrönt.

Gleichzeitig kam damit noch eine weitere Berufsgruppe in den Aufgabenbereich des Industriedesigns: die Handwerker. Dieser offene, interdisziplinäre Charakter war lange Zeit ein Wesenszug des Industriedesigns. Fast 100 Jahre lang waren die „Industriedesigner“ wild zusammengewürfelte Vertreter aus unterschiedlichen Berufsgruppen, den Industriedesigner gab es nicht. Denn wer sollte sich dieser Aufgabe verschreiben? Ende des 19. Jahrhunderts herrschte große Uneinigkeit darüber.

Geburtsstunde des Industriedesigns

Aus diesen Diskussionen heraus gründeten sich in den Folgejahren viele Institutionen, die sich der Idee der Produktgestaltung widmeten. So etwa die 1896 ins Leben gerufene Central School of Arts and Crafts in London: Dies war ein regelrechter Meilenstein des Industriedesigns, denn damit beschäftigte sich erstmals in der Geschichte eine Institution mit der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen und Architektur. Die Geburtsstunde des Industriedesigns war gekommen.

Was heute gang und gäbe ist, war vor gut 100 Jahren noch absolutes Neuland. Der Beruf des Industriedesigners war so schwammig und ungreifbar wie heute der Beruf des Youtube-Stars: eine Tätigkeit, die einerseits jeder und andererseits niemand machen konnte. Doch dann ging es schnell: Elf Jahre später gründeten Künstler, Handwerker und Industrielle den Deutschen Werkbund in München. Dieser organisierte zahlreiche Ausstellungen, die sich dem Thema Produktdesign widmeten und nahm damit großen Einfluss auf die neu entstandene Branche.

Das Industriedesign wird international

International startete das Industriedesign mit dem 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus durch. Von diesem Zeitpunkt an war die industrielle Formgebung hauptsächlich von Funktionalität und Materialgerechtigkeit geprägt. Nach 1945 bestimmte der Bauhausstil die Architektur und das Industriedesign maßgebend mit. Diese Tradition nahm die Ulmer Hochschule für Gestaltung in den 1950er-Jahren wieder auf und nahm damit großen Einfluss auf den neu entstandenen Beruf des Industriedesigners.

Mitte des 20. Jahrhunderts spielte auch Dieter Rams eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des modernen Industriedesigns. Als er 1955 zum Elektrotechnikhersteller Braun in die Designabteilung kam, arbeitete er – selbst Architekt und Innenarchitekt – mit Ingenieuren, Werbefachleuten, Künstlern und Architekten zusammen. Dass sich das Industriedesign noch immer nicht vollständig durchgesetzt hatte, zeigte auch seine Berufsbezeichnung „Leiter der Formgebung“. Und dies vor gerade einmal einem halben Jahrhundert. Einer seiner ersten Entwürfe – einige Zeitgenossen dürften ihn noch kennen – war die Radio-Plattenspieler-Kombination SK4 oder wegen ihrer radikal reduzierten Optik aus einem weiß lackierten Blechkorpus mit einer Abdeckhaube aus Acrylglas und Wangen aus hellem Holz auch „Schneewittchensarg“ genannt. Über drei Jahrzehnte lang prägte Rams‘ moderner und klarer Stil das Erscheinungsbild der Braun-Produkte.

Nur noch wenige setzen auf Design

Und auch heute noch hat der einstige Industriedesignpionier Einfluss auf die Produkte großer Unternehmen. „Die Firmen, die Design wirklich ernst nehmen, können Sie an zehn Fingern abzählen. Apple gehört dazu“, sagte Rams 2010 in einem Interview mit der FAZ. Und tatsächlich wurde Jonathan Ive, der Chief Design Officer des bekannten Smartphone-Herstellers maßgeblich von den Arbeiten Dieter Rams‘ beeinflusst. Modern und klar sollen die Produkte sein – bis heute. Doch auch dessen Aufgabenbereich hat sich in den vergangenen Jahren erweitert: Seit 2012 ist er nicht nur für die Produkte selbst, sondern auch für die Gestaltung der grafischen Benutzeroberfläche verantwortlich. Dies spiegelt einen weiteren, neuen Trend in der Entwicklung des Industriedesigns wider: Während 1930 die Herausforderung noch darin bestand, das Erscheinungsbild der Produkte im Maschinenzeitalter zu verbessern, wird nun von Designern erwartet, die hochentwickelte Hard- und Software optisch aufzubereiten. Der Aufgabenbereich des Industriedesigns und das Berufsbild des Industriedesigners werden sich also auch in den nächsten Jahren weiter wandeln. Denn „gutes Design befindet sich in ständiger Weiterentwicklung – genau wie Technologie und Kunst“, so Rams.

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