Lagertechnik Warenausgangsleistung mit automatisiertem Hochregallager fast verdoppelt

Autor / Redakteur: Winfried Assmann / Reinhold Schäfer

Ein neues Hochregallager sowie die Neukonzeption und komplette Automatisierung der Warenströme zwischen Produktion und Bereitstellung beim Getränkeabfüller Brandenburger Urstromquelle sorgen für einen hohen Durchsatz und die durchgängige Verfügbarkeit auch in Spitzenzeiten. Den kompletten Erweiterungsbau errichtete der Intralogistik-Spezialist SSI Schäfer-Noell, Giebelstadt.

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Die Fördertechnik führt die bestückten Paletten direkt von der Produktion zur Einlagerung ins Hochregallager. Bild: SSI Schäfer
Die Fördertechnik führt die bestückten Paletten direkt von der Produktion zur Einlagerung ins Hochregallager. Bild: SSI Schäfer
( Archiv: Vogel Business Media )

Freud und Leid liegen für die Getränkeindustrie an heißen Sommertagen dicht beieinander. Steigenden Ab- und Umsätzen auf der einen Seite stehen durchgängige Produktionszeiten und die Nutzung aller erdenklichen Lagerkapazitäten gegenüber. Dabei ist die Erhöhung der Produktion in der Getränkeindustrie relativ einfach umzusetzen.

Anspruchsvolle Herausforderung ist hingegen eine an die Produktion angepasste Lagerung und schnelle Versandbereitstellung. Besonders in Spitzenzeiten, wie etwa dem Sommer 2006, sind flexible Warenpuffer und effiziente Warenflüsse gefordert, um den Produktionsausstoß zentral und ohne unnötige Kapitalbindung zu lagern und die Nachfrage ohne Verzögerung zu decken. Der Markt und dessen Wettbewerb ist von den Attributen schnell, günstig, hohe Mengen und gute Qualität geprägt.

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Vor diesem Hintergrund hat der Abfüllbetrieb den Intralogistikanbieter SSI Schäfer Noell, Giebelstadt, Mitte 2006 mit der Modernisierung und Erweiterung seines Produktionswerkes im brandenburgischen Baruth beauftragt. Ziel des Projektes war die Konzentration der Läger und Vermeidung von Saisonlägern in Spitzenzeiten sowie die Gewährleistung der Liefersicherheit und -fähigkeit durch effizientere Abläufe, verbesserte Flächennutzung und optimierte Bereitstellung.

Nach einer Ausschreibung erhielten die Automatisierungsspezialisten aus Giebelstadt den Zuschlag für die schlüsselfertige Erstellung eines zusätzlichen 14-gassigen Automatik-Palettenlagers mit knapp 45000 Palettenstellplätzen. Für den Erweiterungsbau, der bei laufendem Betrieb in die Produktions- und Lagerprozesse integriert wurde, zeichnet SSI Schäfer als Generalunternehmer verantwortlich für Planung, Genehmigungsverfahren und das komplette Bau-Engineering nebst der 8000 m2 großen Bodenplatte des Hochregallagers und Errichtung eines 20 m × 41 m großen Zwischengebäudes – bis hin zum Brandschutz mit Sprinkleranlage.

Lager-Spezialist bietet umfangreiche Leistungen an

Im Bereich der Intralogistik reichte der Leistungsumfang von Anlagenlayout, Dach und Wand sowie dem Regalstahlbau über die Lieferung und Installation der Fördertechnik nebst Regalbediengeräten bis hin zur Ausstattung mit der erforderlichen IT und Steuerungstechnik. Außer entsprechenden Referenzprojekten war der Brandenburger Urstromquelle bei der Auftragsvergabe wichtig, einen Ansprechpartner zu haben und bewährte Systeme, leistungsfähige IT und Planungskompetenz aus einer Hand zu erhalten.

Rund 150 verschiedene Getränkesorten vom Mineralwasser bis zum Radler umfasst die Produktpalette der Brandenburger Urstromquelle. Vorwiegend werden diese in 0,5- und 1,5-Liter-Einweggebinde abgefüllt. Mit der neuen Fördertechnik und dem zweiten Hochregallager sind wir nun auch für Nachfragespitzen gut gerüstet.

Weiteres Hochregallager hat 45000 Palettenstellplätze

Nach Erweiterung der Produktion auf sieben Linien reichten die Kapazitäten des alten Hochregallagers mit seinen 30000 Palettenstellplätzen nicht mehr aus: Die Entscheidung für ein weiteres Hochregallager (HRL) mit 45000 Palettenstellplätzen war deshalb folgerichtig.

Das Besondere daran war: Das Projekt sollte nicht allein die Lagerkapazitäten erhöhen, sondern Grundlage für die völlige Neukonzeption und komplette Automatisierung der Warenströme von der Produktion bis zur Bereitstellung im Versandbereich bilden. Mit Hilfe eines virtuellen Simulationsmodells wurde gemeinsam mit den Spezialisten von SSI Schäfer ein Warenflusskonzept entwickelt, nach dem sich die Produktionslinien verbinden ließen, die beiden HRL in einer gemeinsamen IT verknüpft werden konnten und eine Verladezone mit zwei Hallen sowie Schwerkraftbahnen optimierte Bereitstellung ermöglichte.

Seit August 2007 ist die Anlage in Baruth im Echtbetrieb – und läuft hervorragend. Spannend wird es, wenn im nächsten heißen Sommer die Bedarfsspitzen auftreten. Mit unseren Kapazitäten und dem vollautomatischen Warenfluss fühlen wir uns dafür bestens gewappnet. Brandenburger Urstromquelle hat eine Jahresproduktion von etwa 4 Mio. hl und füllt rund 60000 Einheiten pro Stunde ab.

Neues Materialflusskonzept geht mit Hochregallager an den Start

Basis dafür ist ein ausgeklügeltes Informations- und Warenflusskonzept, das durchgängig ohne Label und Barcodes, sondern mit Paletten-ID funktioniert: Zur Einlagerung werden die Getränke direkt im Anschluss an die Produktion zunächst auf Düsseldorfer Paletten und dann je zwei Düsseldorfer Paletten auf eine Euro-Palette gestapelt. Mit der Palettenbeladung werden die virtuell angelegte ID der Paletten und die Palettenladung sowie deren Produktionskenndaten im Lagerverwaltungssystem (LVS) miteinander verheiratet.

Die weniger zeitkritische Einlagerung erfolgt mit bis zu 400 Paletten pro Stunde über konventionelle Palettenfördertechnik in einer separaten Einlagerungsebene. Die Auslagerung erfolgt im Erdgeschoss mittels einer Elektrohängebahn (EHB). Diese Elektrohängebahn wurde speziell für die Anwendung bei der Brandenburger Urstromquelle konzipiert.

Das Besondere daran ist, dass jede Gondel der Elektrohängebahn über zwei Lastaufnahmemittel verfügt. Auf diese Weise können wir die EHB als schnelles Transportmittel ausschließlich für die Auslagerung zwischen Hochregallager und Beladerampe nutzen.

Ein- und Auslagerung in das und aus dem neuen Hochregallager übernehmen 14 leistungsstarke Regalbediengeräte (RBG) von SSI Schäfer. Die 36 m hohen Regalbediengeräte sind jeweils mit zwei Teleskopgabeln ausgestattet, die im Betrieb Paletten sowohl einzeln als auch paarweise ein- und auslagern können. Die gesamte Materialflusssteuerung erfolgt auf Basis der virtuellen Paletten-ID. Die Bestellungen der Kunden werden per DFÜ avisiert und vom Produktionsplanungssystem sowie vom Lagerverwaltungssystem auf Verfügbarkeit überprüft. Anschließend wird eine Auftragsnummer vergeben.

Auslagerung erfolgt nach First-in-First-out-Prinzip

Die Fahrer der entsprechenden Lkw melden sich beim Eintreffen in Baruth und nennen ihre Auftragsnummer. Im Hochregallager stößt das LVS unterdessen die Auslagerung nach dem First-in-First-out(FiFo)-Prinzip an. Durch Einbindung der Auftragsnummer werden dabei Produkt-, Produktions- und Lagerdaten mit den Auftragsdaten verknüpft.

Das Lagerverwaltungssystem sucht im Bestand der Hochregallager die Palette mit der angeforderten Ware und erteilt die Auslagerungsaufträge an die Regalbediengeräte. Pro Lkw werden bis zu 33 Europaletten mit je zwei Düsseldorfer Paletten zusammengestellt, ausgelagert und an die rund 350 m lange Elektrohängebahn übergeben.

Die Übergabe der Europaletten an die stationäre Fördertechnik erfolgt an speziellen Übergabepunkten in einem Zwischengebäude. Dort werden die Düsseldorfer Paletten von den Europaletten automatisch getrennt. Während die Europaletten im Anschluss eine Qualitätsprüfung durchlaufen und dann wieder der Produktion zugeführt werden, übergibt die Trennstation die Düsseldorfer Paletten erneut an die Elektrohängebahn.

Elektrohängebahn verteilt Paletten in Richtung Verladetore

Im weiteren Rundlauf verteilt die Elektrohängebahn die Düsseldorfer Paletten dann auf insgesamt 46 Schwerkraftrollenbahnen, die neun Verladetoren zugeordnet sind. Die Übergabe der Paletten auf die Schwerkraftrollenbahnen erfolgt sequenziell nach Entladezyklen und Shop-Layout der Empfänger.

Parallel dazu werden die Lkw-Fahrer benachrichtigt. Über einen Pager bekommen sie die Tornummer für die Verladung ihres Auftrags zugewiesen. In einer nächsten Ausbaustufe ist dafür eine Übermittlung per SMS geplant. An jedem der neun Tore enden vier Versandbahnen mit einem Fassungsvermögen von jeweils bis zu 17 Europaletten beziehungsweise 34 Düsseldorfer Paletten.

Je zwei Versandbahnen puffern das Ladevolumen eines Auftrags beziehungsweise Lkws. Die beiden anderen Bahnen eines Tores können parallel bereits für weitere Auftragsbereitstellungen genutzt werden. Insgesamt bietet die Auslagerfördertechnik der Anlage einen zusätzlichen Puffer für etwa 120 Euro-Paletten; im Warenausgangsbereich können überdies weitere 1600 Düsseldorfer Paletten gepuffert werden.

Lkw-Durchsatz konnte verdoppelt werden

Die Lkw docken rückwärts an, denn das gesamte Verladesystem ist auf schnelle Heckbeladung ausgerichtet. Die Abnahme erfolgt mit Deichselhubwagen – 66 Düsseldorfer Paletten in 35 Minuten. Damit konnte der Durchsatz mit dem neuen Hochregallager und der neuen Fördertechnik auf jetzt mehr als 30 Lkw pro Stunde fast verdoppelt werden.

In einem speziellen Hallenbereich, der etwas mehr Platz für die Abnahme der Paletten bietet, können die Auslagerung und Lkw-Beladung in Spitzenzeiten sogar innerhalb von 17 Minuten abgeschlossen werden. Das ist ein in der Branche unerreicht hoher Durchsatz.

Nach Beendigung des Verladevorgangs wird dem übergeordneten Lagerverwaltungssystem eine Leermeldung der Schwerkraftrollenbahnen angezeigt. Das Lagerverwaltungssystem verbucht daraufhin die Paletten, führt die Auslagerungs-, Versand- und Auftragsdaten mit den Kundeninformationen zusammen und stößt den Druck der Ladepapiere und Lieferscheine an.

Parallel dazu werden die Getränke als „Warenausgang“ erfasst und die gesamten Daten in ein Archivierungsprogramm übernommen. Aus diese Weise konnte mit dem System der Palettenidentifikation zugleich ein zuverlässiges System für die Chargenrückverfolgung nach EU-Richtlinie 178/2002 installiert werden.

Winfried Assmann ist Logistikleiter der Brandenburger Urstromquelle in Baruth; weitere Informationen: SSI Schäfer Noell, 97232 Giebelstadt.

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