Lieferengpass Wiederaufbereitung von Großlagern bietet Alternative zum Neukauf

Autor / Redakteur: Heike Sengstschmid und Marion Königer / Reinhold Schäfer

Die extrem langen Lieferzeiten bei Großlagern von bis zu zwei Jahren und mehr können in einigen Industriebereichen zu erheblichen Problemen führen, besonders wenn ein Ausfall der hochpräzisen Bauteile droht. Die Lösung des Problems heißt Aufarbeitung. Das ist in aller Regel eine Aufgabe für Spezialisten.

Firmen zum Thema

Bild 1: Nach Demontage und Reinigung des Lagers wird der Schaden begutachtet und eine ausführliche Analyse durchgeführt.
Bild 1: Nach Demontage und Reinigung des Lagers wird der Schaden begutachtet und eine ausführliche Analyse durchgeführt.
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen ist zu einem der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren in unserer Industriegesellschaft geworden. Ein anderes großes Thema unserer Zeit heißt Nachhaltigkeit.

Beides hat sich SKF auf die Fahne geschrieben und sieht in der Aufarbeitung von Großlagern nicht nur die Erfüllung von wirtschaftlichen Zielen, sondern vor allem eine ressourcen- und kostenschonende Variante, Bauteile schnellstmöglich wieder verfügbar zu machen.

Bildergalerie

Entsprechend ihrer Präsenz auf allen Industriemärkten dieser Erde gründete SKF Serviceeinrichtungen, die so genannten Industrial Service Centres (ISCs), und zwar im brasilianischen Cajamar, in Moskau, am Standort im österreichischen Steyr und im nordamerikanischen Hanover.

Dabei handelt es sich um ein internationales Netzwerk an Spezialisten, die sich ausschließlich mit der Aufarbeitung und/oder Umarbeitung von Stranggusslagern, Stützrollen, Großlagern, Gehäusen und Speziallagern entsprechend den jeweiligen Kundenvorstellungen befassen. Noch in diesem Jahr werden drei weitere ISCs in Asien und Südafrika eröffnet.

Lieferzeiten für Großlager derzeit extrem lang

Auf Grund der bereits erwähnten extrem langen Lieferzeiten von Neulagern ist die Aufarbeitung von Großlagern in vielen Fällen eine schlichte Notwendigkeit, will man lange Ausfallzeiten von Maschinen und Anlagen nicht in Kauf nehmen. Obwohl der Zeit- und Kostenaufwand für die Aufarbeitung vom Grad der Schädigung des Lagers abhängt, ist die Lieferzeit rekonditionierter Lager deutlich kürzer als die Zeit bis zur Lieferung eines Neulagers.

Darüber hinaus liegen die Kosten für die Reparaturen in den meisten Fällen erheblich unter den Preisen, die für ein Neulager aufzuwenden sind. Der Kunde profitiert also in zweifacher Hinsicht, zumal die Qualität der überarbeiteten Lager mit der von neuen Lagern für viele Anwendungsfälle durchaus vergleichbar ist.

Kosten und Risiken bei der Aufarbeitung von Großlagern im Griff

Der Service und die Reparaturen beschränken sich nicht nur auf Lager und Lagereinheiten, sondern umfassen auch das direkte Lagerumfeld, bestehend aus Gehäuse und Wellen. Nach Erhalt des beschädigten Lagers erfolgt zunächst einmal die Demontage des Lagers sowie die Grundreinigung der Teile. Anschließend wird der Lagerschaden begutachtet und eine ausführliche Analyse durchgeführt (Bild 1). Dies ist die Basis für ein Reparaturangebot, das auf die speziellen Wünsche des Kunden abgestimmt wird.

Es hat sich als sinnvoll erwiesen, den Umfang der Überarbeitung in vier unterschiedlichen Stufen durchzuführen, den so genannten Serviceebenen. Im ersten Stadium, der Serviceebene 1, erfolgt die eingehende Untersuchung der Schädigung des Lagers. Die möglichen Ursachen für die Schädigung werden analysiert und eventuelle Verbesserungen detailliert beschrieben.

Auf der Serviceebene 2 erfolgt die Rücksendung des begutachteten Lagers. Sofern es nicht zu einer Reparatur des beschädigten Lagers kommt, werden dem Kunden lediglich die Versand- und Handlingkosten in Rechnung gestellt.

Die Leistungen auf der Serviceebene 3 umfassen die Überarbeitung der festgestellten Mängel (Bild 2) durch gründliches Polierens und Konservieren des Lagerinnenrings, des Außenrings und der Wälzkörper. Gegebenenfalls werden die Käfige sandgestrahlt. Danach erfolgt die eingehende Qualitätskontrolle gemäß den SKF-Richtlinien (Bild 3) sowie das Zusammenfügen des Lagers und der Versand.

Teilweise lohnt sich das Austauschen mehrerer Komponenten des Großlagers

Den höchsten Leistungsumfang umfasst die Serviceebene 4. Dazu gehören alle auf der Ebene 3 beschriebenen Arbeiten plus das eventuelle Auswechseln einzelner oder auch mehrerer Lagerkomponenten. Alternativ zur Erneuerung des Rings erfolgt gegebenenfalls der Nachschliff der Laufbahnen sowie die Überarbeitung des Lagerkäfigs.

In dem Lagerzustandsbericht, basierend auf ISO/WD 15243, werden alle Schäden für jedes Bauteil getrennt beschrieben und die mutmaßlichen Ursachen erläutert. Aufgeführt werden zudem die Ergebnisse der exakten Lagervermessung und es erfolgt die Dokumentation der Instandsetzungsstufen mit entsprechenden Vorschlägen über die erforderlichen Reparaturmaßnahmen sowie etwaige Besonderheiten. Dem Bericht wird eine Photodokumentation beigefügt, damit sich der Kunde ein genaues Bild über die zu erwartenden Arbeiten machen kann.

Über 200 mm Lager-Durchmesser lohnt sich der Aufwand

Die Kosten für die Aufarbeitung hängen sehr stark von dem jeweiligen Einzelfall ab. In der Praxis hat es sich jedoch erwiesen, dass bei Lageraußendurchmessern über 200 mm die Reparatur eines beschädigten Lagers in Betracht gezogen werden kann.

Natürlich ist die Rekonditionierung umso günstiger, je größer, teurer und komplexer ein beschädigtes Lager ist. Besonders lohnend ist es bei Windkraftanlagen, in der Stahl-, Papier-, und Zementindustrie oder dem Bergbau).

Aber nicht immer entscheidet der Kostenvorteil, vielmehr ist oftmals die Aufarbeitung die einzige Möglichkeit, den extrem langen Lieferzeiten im Bereich der Großlager zu begegnen. Hinzu gesellt sich ein handfestes Argument, das immer stärker in das Bewusstsein der öffentlichen Meinung tritt und in der Industrie bereits als kategorischer Imperativ die Entscheidungen und Handlungen beeinflusst, nämlichden knapper werdenden Ressourcen entgegenzuwirken. Nachhaltigkeit ist alles andere als eine Modeerscheinung, sondern verändert erheblich die Geschäfts- und Produktionsprozesse unserer Zeit.

Unter diesem Aspekt kommt der Aufarbeitung von Großlagern eine herausragende Bedeutung zu. Jedes Stahl,- Kunststoff- oder Messingteil, das man erhalten kann, trägt dem Thema Nachhaltigkeit Rechnung. So kann die Energieeinsparung bis zu 90% betragen, wenn man sich für die Aufarbeitung eines Lagers entscheidet, anstatt ein neues Lager einzusetzen.

Fehlerursachenanalyse deckt Verbesserungspotenziale auf

In den SKF Industrial Service Centres wird die Aufarbeitung eines Lagers, die an einem Lager auch mehrfach durchgeführt werden kann, nicht nur als Reparatur verstanden, sondern auch als Optimierung. Um Verbesserungspotenziale beim Kunden aufzuzeigen, bedient sich das ISC der strukturierten Vorgehensweise und Dokumentation der Fehlerursache.

Für die Analyse, die Darstellung der Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung und die automatische Diagnose wurden eine Reihe von Verfahren entwickelt. Die Fehlerursachenanalyse behandelt unter anderem Fragen zur Anlagenfunktion, zu Funktionsausfällen, Schadenswirkungen, Wiederherstellungsmaßnahmen, Änderungssteuerungen, Schadensursachen sowie vorbeugenden Maßnahmen und Instandhaltungsstrategien.

Dienstleister übernimmt komplette Großlager-Logistik

Die Aufarbeitung von Großlagern beschränkt sich nicht auf die SKF-eigenen Produkte. Die ISCs bieten ihre Dienstleistungen für alle Lagerarten und Fabrikate an. Um einen hohen Qualitätsstandard zu gewährleisten, wurden alle Verfahrensschritte bei der Rekonditionierung genau festgelegt und gemäß ISO 9001:2000 zertifiziert.

Eine Aufarbeitung eines beschädigten Lagers wird erst vorgenommen, wenn der Kunde sich dazu entscheidet. Dann erfolgt die rasche und flexible Abwicklung wie bereits beschrieben. Als Service übernimmt SKF die komplette Logistik. MM

Dr. Heike Sengstschmid ist Mitarbeiterin im Industrial Services Centre bei der SKF Österreich AG in 4400 Steyr; Marion Königer ist Mitarbeiterin in der technischen Beratung, Abteilung Schwermaschinenbau, bei der SKF GmbH in 97419 Schweinfurt.

(ID:228435)