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VDW „Wir entwickeln neue Themen im Dialog mit den Kunden“

| Redakteur: Jürgen Schreier

Der MM begleitet den Werkzeugmaschinenbau seit 120 Jahren. Welche Themen bewegten die Branche damals, welche heute und was trägt sie zur Bewältigung der Zukunftsprobleme bei? Wir sprachen darüber mit Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW).

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VDW-Geschäftsführer Dr. Wilfried Schäfer: „Unsere Unternehmen entwickeln ihre Produkte selbst in konjunkturschwachen Zeiten kontinuierlich weiter, um dann im Aufschwung offensiv auf ihre Kunden zugehen zu können.“
VDW-Geschäftsführer Dr. Wilfried Schäfer: „Unsere Unternehmen entwickeln ihre Produkte selbst in konjunkturschwachen Zeiten kontinuierlich weiter, um dann im Aufschwung offensiv auf ihre Kunden zugehen zu können.“
(Bild: Schreier )

Der MM ist 120 Jahre alt, der VDW 123 Jahre. Was hat die deutschen Werkzeugmaschinenhersteller seinerzeit bewogen, sich im Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken zu organisieren?

Schäfer: Der Hintergrund lag zum einen im Bereich des Außenhandels, insbesondere im Hinblick auf die USA und Großbritannien. Damals gab es noch eine andere Verteilung der Produktion auf der Welt. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien waren damals noch Länder mit einem starken Produktionssektor. Folglich ging es um das Thema Zölle, zum Schutz des eigenen Marktes. Ein weiteres Thema, das damals schon eine große Bedeutung hatte, war das Thema Normung/Standardisierung. Und letzten Endes strebte man mit der Gründung des VDW eine gemeinsame Außendarstellung der Branche an, die dann letzten Endes zum Thema Messen führte.

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Wie viele Mitglieder hatte der VDW damals, wie viele sind es heute?

Schäfer: Bei der Gründung am 7. Dezember 1891 hatte der Verband elf Gründungsmitglieder. Im Zuge der Umfirmierung des Vereins der Werkzeugmaschinenfabrikanten entstand 1898 der heutige Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken, dem 26 Mitgliedsunternehmen angehörten. Heute vertreten wir ja auch den Fachverband für Werkzeugmaschinen im VDMA, wo wir knapp 300 Mitgliedsunternehmen betreuen. Von diesen sind wiederum gut 120 Mitglieder auch im VDW. Damit sind gut 90 % der Werkzeugmaschinenproduktion in Deutschland abgedeckt.

Welche Themen bewegen Branche und VDW heute?

Schäfer: Das Spektrum ist heute natürlich wesentlich breiter. Interessanterweise ist das Thema Normung unverändert wichtig – einmal getrieben durch das klassische Streben nach Standards, aber auch durch Themen, die immer wieder aus der Gesetzgebung entstehen. Dazu gehört beispielsweise das Thema Sicherheit im Zusammenhang mit der Maschinenrichtlinie. Auch die Themen Außendarstellung und Außenhandel sind unverändert wichtig. Natürlich geht es jetzt nicht mehr um Schutzzölle. Hier hat sich die Meinung komplett gedreht. Wir sind heute für freien Handel und setzen uns deshalb für Freihandelsabkommen ein, wir unterstützen unsere Unternehmen in den wachsenden Exportmärkten. Wichtige Themen sind heute Innovation und Technologieentwicklung über die Zusammenführung in Forschungsprojekten und technischen Gremien.

Obwohl die Werkzeugmaschine vermutlich gar nicht in Deutschland erfunden wurde, gehört die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie zu den Topanbietern. Wie ist es dazu gekommen?

Schäfer: Ausschlaggebend dafür sind drei oder vier Aspekte. Da ist einmal die mittelständische Struktur der Unternehmen. Dadurch konnten und können diese sehr flexibel und innovativ auf neue Anforderungen reagieren, ob diese nun technologischer Natur waren oder ob es darum ging, früh in Exportmärkte zu gehen. Zweiter Aspekt ist die sich schnell entwickelnde Exportstärke der deutschen Anbieter, die ausgeprägter war als bei vielen Wettbewerbsnationen in Europa oder auch in den USA. Unsere Firmen waren schneller in Asien vertreten als andere. Ein wichtiges Thema ist der Bereich Forschung und damit das Umfeld unserer Branche. Der VDW hat seit Beginn die Entwicklung der produktionstechnischen Forschung in Deutschland begleitet. Bis heute pflegen wir einen regelmäßigen Dialog mit den Instituten der Produktionstechnik in Deutschland. Auf diese können sich unsere Firmen abstützen, was Entwicklungen angeht, was bilaterale Projekte betrifft. Das ist einzigartig in der Welt. Und was man auch nicht vergessen darf, ist die Wertschöpfungskette in Deutschland. Nicht ohne Grund hat der Werkzeugmaschinenbau in Frankreich und Großbritannien einen Niedergang erlebt. Dort sind auf der einen Seite die Zulieferketten gerissen und auf der anderen Seite wichtige Branchen weggebrochen. Unsere Firmen hingegen entwickeln neue Themen im Dialog mit ihren Kunden.

Mitte der 1980er-Jahre ist die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie auf einen anhaltenden Wachstumspfad eingeschwenkt, der eigentlich nur durch die Finanzkrise unterbrochen wurde. Was hat den Umschwung bewirkt?

Schäfer: Im Grunde genommen drei Dinge. Einmal Innovation. Unsere Unternehmen entwickeln ihre Produkte selbst in konjunkturschwachen Zeiten kontinuierlich weiter, um dann im Aufschwung, anders als der Wettbewerb, wieder offensiv auf ihre Kunden zugehen zu können. Das ist ein wichtiger Punkt, der auch nach der Finanzkrise ganz eklatant zu einer Verschiebung von Marktanteilen geführt hat. Punkt zwei ist der kontinuierliche Ausbau des Exports, der im Werkzeugmaschinenbau mittlerweile zwischen 60 und 70 % liegt. Damit hat die Branche proportional am Wachstum der wichtigsten Wachstumsmärkte teilgenommen. Dazu gehört auch der Aufbau von Montage- und Produktionsstätten, der wie in Brasilien und in den USA schon relativ früh erfolgte. Hersteller aus anderen Nationen haben das nicht getan. Und drittens – auch dies ist durch den Dialog mit den Universitäten getrieben – eine kontinuierliche Optimierung ihrer internen Struktur, um Effizienzpotenziale zu heben.

Sieben Megatrends werden in den nächsten 20 Jahren die Menschheit beschäftigen. Einer davon ist die Globalisierung. Wird China auch im Jahr 2034 noch der wichtigste Auslandsmarkt für die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie sein?

Schäfer: Das mit der Zukunft und den 20 Jahren ist natürlich immer so eine Sache. Schließlich können sich immer irgendwelche Dinge ganz plötzlich ereignen und die Geschäftsbasis dramatisch verändern. Wenn wir von solchen Sondereinflüssen einmal absehen, dann würde ich schon sagen: China ist ein so großer Markt, der in seiner Gesamtheit noch einen so hohen Bedarf hat, dass China auch in 20 Jahren noch ein wichtiger Abnehmer sein wird. Nichtsdestotrotz wird es aber auch andere Märkte geben, die entweder weiter wachsen oder für unsere Unternehmen weiter eine hohe Bedeutung haben werden.

Welche sind das?

Schäfer: Nun, wir haben nach wie vor eine starke Position in den USA, wo die deutschen Werkzeugmaschinenunternehmen sehr gut aufgestellt sind. Unsere Firmen orientieren sich intensiv in dem restlichen asiatischen Bereich – Asean, Indien – und natürlich auch in Richtung Süd- und Mittelamerika, wo in den letzten Jahren, wenngleich mit Schwankungen, Wachstum erzielt werden konnte. Wie Sie sehen, ist der deutsche Werkzeugmaschinenbau durchaus breit aufgestellt. Und mit unseren Informationen und Aktivitäten unterstützen wir das auch.

Bei Werkzeugmaschine denkt man zunächst einmal an Metall, doch sind auch die Verbundwerkstoffe stark im Kommen. Welche Lösungen für die Bearbeitung dieser Leichtbauwerkstoffe bietet die Werkzeugmaschinenindustrie an?

Schäfer: Leichtbau und neue Werkstoffe sind schon seit einiger Zeit ein Thema, getrieben durch Produktentwicklungen in der Luftfahrt mit starken Anteilen in der Struktur und neuerdings auch im Bereich der Pkw-Struktur. Natürlich sehen die Technologien, die man in diesen Bereichen benötigt, oft anders aus. Heute fräst man aus einem vollen Metall. Das wird man bei den neuen Leichtbaumaterialien nicht tun müssen, da das Bauteil schon relativ stark der Endkontur entspricht. Es wird aber auch dort weiterhin Operationen geben wie Besäumen oder Bohren, wofür die Hersteller entsprechende Technologieentwicklungen durchgeführt haben. Auch Umformen ist bei Verbundwerkstoffen ein wichtiges Thema. Unsere Firmen sind da, wie ich denke, bereits gut unterwegs.

Ein weiterer Megatrend ist die Nachhaltigkeit. Was tut die Werkzeugmaschinenbranche, um die Produktion ressourcenschonender und energieeffizienter zu machen?

Schäfer: Auf jeden Fall kann man sagen, dass unsere Firmen schon seit vielen Jahren entsprechende Technologien in ihren Produkten umsetzen – zum Beispiel Rückspeisemodule. Damit heben sie sich ganz klar von vielen Wettbewerbern, insbesondere asiatischen, ab. Technologisch sind unsere Unternehmen in dieser Hinsicht also gut aufgestellt und könnten noch vieles mehr realisieren, wenn der Kunde es bezahlen würde. Seit etwa vier Jahren gibt es aber zwei wesentliche Aspekte, die das vielleicht beschleunigen werden. Das ist einmal das Thema Gesetzgebung mit der EUP-Richtlinie der EU-Kommission, wo jetzt Werkzeugmaschinen klar im Fokus stehen und eine betroffene Branche sind. Bei diesem Thema sind wir mit unseren Firmen seit drei Jahren aktiv dabei, Lösungen zu entwickeln. Sowohl in der Normung als auch in der Lösungsfindung haben sich die Anbieter gut darauf eingestellt. Der zweite Aspekt sind die Nachhaltigkeitsziele, die große Kundensegmente wie die Automobilindustrie selbst definiert haben und die in der Angebotsphase auf die Firmen zukommen. Auch da sind wir mit unseren Mitgliedern und der Automobilindustrie in der Diskussion. Schließlich kommunizieren wir bereits seit 2009 mit der Blue-Competence-Initiative öffentlich die Kompetenz unserer Firmen in Sachen Nachhaltigkeit.

Stichwort „Industrie 4.0“. Die Werkzeugmaschine der Zukunft soll vielfältig mit anderen Systemen vernetzt sein. Für intelligente Maschinen braucht man aber auch intelligente Komponenten. Wie weit ist man da heute schon?

Schäfer: Nun, ich denke, intelligente Maschinen haben wir bereits. Folglich muss Industrie 4.0 in erster Linie die gesamte Vernetzung, die vom Shopfloor nach oben geht, sauber strukturiert zur Verfügung stellen. Folglich sehe ich die Problematik weniger bei unseren Herstellern, die viele Dinge schon könnten, wenn sie saubere Schnittstellenstandards hätten. Das beginnt in der Maschine bei den Bussystemen, setzt sich fort über die CAD/CAM-Anbindung bis hin zu MES. Intelligente Fertigung im Sinne von Industrie 4.0 ist eine Frage vor allen Dingen der Schnittstellenstandards. Und wenn es da nicht zu einem offenen, harmonisierten Ansatz kommt, können unsere Hersteller wenig tun. Wenn Marktführer in diesem Bereich weiterhin ihre proprietären Lösungen positionieren, wird das ein Problem.

In den klassischen Industrieländern altert die Gesellschaft. Könnte die Vision vieler Science-Fiction-Autoren, dass in einer menschenleeren Fabrik sich selbst steuernde Maschinen und Roboter die Güter des täglichen Bedarfs produzieren, nicht doch noch Wirklichkeit werden?

Schäfer: Natürlich wird es weitere Optimierungen in der Automatisierung geben, das ist keine Frage. Allerdings bin ich überzeugt, dass es letzten Endes in der Produktion immer Menschen geben wird. Produktion bedeutet ja nicht automatisch Massenproduktion. Oft handelt es sich um Einzelteilfertigungen oder um die Herstellung hochanspruchsvoller und kostenintensiver Bauteile, etwa im Triebwerksbau. Dies alles wird nicht automatisierbar sein. Um diese Prozesse zu überwachen und zu führen, wird es sicherlich immer bessere Technik geben. Trotzdem wird der Mensch stets eine zentrale Rolle spielen, und dies auf allen Ebenen.

* Das Interview führte MM-Redakteur Jürgen Schreier .

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