Porträt Zum Zerstäuben, Ausspritzen und Verteilen

Autor / Redakteur: Alexander Völkert / Simone Käfer

Von Deodorant über Sahne bis Schmieröl – die Sprühdose ist nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Die Verpackung mit eingebauter Dosierungshilfe stammt aus Norwegen und machte Station in den USA, rettete nebenbei sogar Leben. 2016 wird sie stolze 90 Jahre alt.

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Dieser Pumpzerstäuber wurde 1928 in Deuschland hergestellt.
Dieser Pumpzerstäuber wurde 1928 in Deuschland hergestellt.
(Bullenwächter/CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)/via Wikimedia Commons / BY-SA 3.0)

„Der Norweger Erik Andreas Rotheim erfand 1926 die Spraydose, weil er nach einer Lösung suchte,… A: seine Ski einzuwachsen, B: sein Holzhaus zu imprägnieren oder C: seine Rasiercreme aufzutragen?” Diese Frage musste am 29. Juni in einer Vorabendsendung der ARD von zwei Prominenten beantwortet werden. Am Ende haben die beiden Verzweifelten geraten und auf A getippt. Und damit wurden aus 500 € 1000 €, denn tatsächlich suchte Rotheim vor 90 Jahren eine bessere Möglichkeit, um Wachs auf seine Ski aufzutragen.

Am 09. Februar erfunden, meldet er am 8. Oktober 1926 in Oslo ein Patent für seine Idee an. In der Anmeldung ist von einem „Verfahren zum Zerstäuben, Ausspritzen oder Verteilen von Flüssigkeiten oder halbflüssigen Massen“ die Rede. Damit beginnt die Geschichte der Spray- oder Sprühdose. Aerosol wird es in der Fachsprache genannt – eine Zusammensetzung des griechischen „aer“ für Luft und des lateinischen „solutio“ für Lösung.

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So funktioniert die erste Dose

Das Ergebnis der Arbeit des Norwegers: eine Dose aus Metall. In der Dose befand sich der Wirkstoff zum Wachsen der Ski und ein Treibgas in flüssiger Form. Das Geheimnis: Das Treibgas ist ständig bestrebt, in seinen gasförmigen Aggregatzustand zurückzukehren, und hält dabei das Innere der Dose unter hohem Druck. Am oberen Ende des Gefäßes befindet sich ein Ventil mit Steigrohr. Wird es geöffnet, entweicht das Gemisch ins Freie und wandelt sich in Gas um. Dabei schleudert es den Wirkstoff zu einem verteilten Sprühnebel oder Schaum auseinander.

So wie wir unser Toilettenspray oder den Rasierschaum heute kennen, war es vor 90 Jahren allerdings nicht. Rotheims Dose ist 1926 noch viel schwerer. Und deren Inhalt entleert sich nach Öffnung des Ventils auf ein Mal. Eine Dosierung ist noch nicht möglich. Seine Technik ist eher eine Spritze, die entleert wird. Demnach hat auch die Spraydose in 90 Jahren eine Entwicklung genommen. Und die ersten zehn Jahre finden ausschließlich in Norwegen statt. Der Ingenieur Rotheim arbeitet eng mit dem Farbenfabrikanten Richard Bjercke zusammen, wodurch die Technik für Farb- und Lackspraydosen weiterentwickelt und sogar in kleinen Mengen produziert wurde. Der Feinmechaniker Frode Mortensen verbessert die Drucktechnik und optimiert Ende der 1930er Jahre die Ventile. Doch es handelt sich zunächst um eine Flit-Spritze.

Von Insektenbombe bis Bierdose – der Siegeszug in Haushalte

Aber nicht nur in Norwegen wird experimentiert. Zur Geschichte der Spraydose gehören außerdem ein Chemiker und ein Insektenforscher aus den USA. Der Chemiker Lyle D. Goodhue ist bereits seit 1935 auf der Suche nach einem geeigneten Treib- und Lösungsmittel zur Insektenbekämpfung. Halogenverbindungen mit einem niedrigen Siedepunkt stehen dabei im Fokus seiner Forschungen. Zusammen mit dem Insektenforscher William N. Sullivan testet Goodhue abenteuerliche Verfahren der Chemikalienvernebelung. Die Tests der verschiedenen Treibmittel führen immer wieder in Sackgassen, bis Goodhue sich an die Arbeiten von Rotheim erinnert: Er mischt ein Treibmittel mit dem Insektenbekämpfungsmittel und füllt es nach dem Prinzip des Norwegers in eine ventilbestückte Druckgasflasche.

Der Versuch ist erfolgreich, die legendäre „bug bomb“ („Insektenbombe“) ist geboren und findet bereits vor 74 Jahren ihren Nutzwert. Sie rettet ab 1942 vielen US-amerikanischen Soldaten im Pazifik-Krieg das Leben als diese nicht nur gegen die Japaner sondern auch gegen die Malaria-übertragende Anopheles-Mücke kämpfen. Nach Kriegsende findet das Druckgas-Wunder in den USA zunehmend Anwendung für Produkte des täglichen Bedarfs.

Tatsächlich sind modifizierte Bierdosen mit Plastikventilen der Anfang der haushaltsgerechten Massenprodukte. Sie sind handlicher als Flaschen, die Behälter leichter und die Ventile können günstig produziert werden. In Deutschland erobert die Spraydose spätestens Mitte der fünfziger Jahre mit der Zeit des Wirtschaftswunders die privaten Haushalte – vor allem das „flüssige Haarnetz“, das Haarspray, gilt ab 1955 als ein Meilenstein in der Geschichte der Spraydose. War Rotheims ursprüngliche Erfindung noch eine Spritze, konnte die Flüssigkeit ab den 50er Jahren zerstäubt und somit genau dosiert werden. Diese Technik verdanken wir wiederum einem Amerikaner.

Das 1-Zoll-Ventil bringt die Dosierung

Robert Abplanalp erfindet 1953 ein Ventil, das später 1-Zoll-Ventil genannt wird. Mit ihm kann man Flüssigkeiten mit einem zugesetzten Treibmittel in gewünschten kleinen Mengen und ganz fein aus der Dose versprühen. Dieses Ventil kann einfach und günstig in großen Stückzahlen produziert werden. Darüber hinaus besteht die Sprühdose ab den 1950er Jahren aus Aluminium oder Weißblech, das macht sie wesentlich leichter.

Gleichzeitig kommen plötzlich viele verschiedene Wirkstoffe aus der Dose. Und mit Verwendung des Ventils von Abplanalp steigen nicht nur die Umsätze, sondern auch die Ideen für Applikationen werden schnell recht ausgefallen. So schreibt der Spiegel in seiner Ausgabe 41/1964: „Die Absatzzahlen der bundesdeutschen Aerosol-Branche veranschaulichen einen beispiellosen Boom: Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich der Absatz von Sprühdosen in Westdeutschland nahezu verhundertfacht (1953: 1,5 Millionen Packungen; 1963: 120 Millionen Packungen). Haarspray, Kosmetika, Farben und Lacke sowie Insektizide sind nach wie vor die meistverkauften Spray-Artikel. Doch auch kuriose Präparate werden zunehmend verbreitet, so beispielsweise Trocken-Spray für Wellensittiche.“

Kurioses aus der Sprühfabrik

Darüber hinaus ist sogar von Treibgaswarnsirenen für Segelboote nach amerikanischem und schwedischem Vorbild die Rede. Die Frankfurter Hoechst-Werke seien bestrebt, eine Aerosol-Heulflasche als Sicherung gegen Autodiebe auf den Markt zu bringen. Davon verspricht sich die Konzernführung vor 52 Jahren auch, eine weitere Zielgruppe beglücken zu können: Die Schlachtenbummler in den deutschen Kicker-Arenen würden für das neue Lärminstrument dankbar sein.

Das Ozonloch – die dunkle Seite der Sprühdose

Erstmals Mitte der 1970er Jahre wird bekannt und 1986 als sicher nachgewiesen, dass die bis dahin verwendeten Kühl- und Treibmittel FCKW die Ozonschicht in der Erdatmosphäre schädigen. Die Entdeckung des Ozonlochs 1985 sorgt für ein völlig neues Umweltbewusstsein. 1987 verpflichten sich viele Staaten zur drastischen Reduktion der Herstellung von FCKW. Am 29. Juni 1990 beschließt die internationale Konferenz zum Schutz der Ozonschicht in London, die Herstellung und Anwendung von CFK und FCKW ab dem Jahr 2000 zu verbieten oder zumindest stark einzuschränken.

Lange vor dem offiziellen FCKW-Verbot in Deutschland von 1991 hat die Aerosolindustrie bereits 1987 freiwillig auf diese Inhaltsstoffe verzichtet und setzt seitdem andere Treibmittel ein. Heute werden hauptsächlich Propan und Butan oder ein Gemisch aus beiden als Treibmittel verwendet, aber auch Dimethylether (DME).

Die Spraydose ist 90 Jahre nach ihrer Geburtsstunde nach wie vor unser alltäglicher Begleiter und absolute Massenware. Alleine in Deutschland wurden im Jahr 2015 1,330 Mrd. Dosen aus Aluminium und Weißblech abgefüllt.

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