Angesichts explodierender Energiekosten und mangelnder Kooperationsfähigkeit der Automobilkonzerne gerate die Zulieferbranche zunehmend aus der Spur. Acht Verbände reden hier Tacheles.
Und das aktuelle Entlastungspaket werde es nicht schaffen, die betroffenen Unternehmen wieder auf eine sichere Route zu bugsieren. Man erlebe bei den meist mittelständischen Mitgliedsunternehmen eine maximale Unsicherheit. Ohne staatlichen Deckel, ein breiteres Stromangebot und unternehmensorientierte Maßnahmen würden die Energiekosten in Deutschland zum maßgeblichen Standortnachteil. Gleichzeitig brauchen die Mittelständler sofortige Unterstützung durch ihre Kunden, heißt ein Lösungsvorschlag.
Deutliche Worte kommen deshalb von den Industrieverbänden Blechumformung (IBU), Massivumformung (IMU) und Härtetechnik (IHT), den Fachverbänden Pulvermetallurgie (FPM) und Metallwaren- und verwandte Industrien (FMI) sowie dem Verband der Deutschen Federnindustrie (VDFI) und dem Deutschen Schraubenverband (DSV). Auch der Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) schließt sich dem an. Hier die einzelnen Statements zur „Lage der Nation“.
Stromkostenwahnsinn! Es ist jetzt fünf vor zwölf!
Ausgangspunkt sind wahnwitzige Energiekosten! Strompreissteigerungen um das 15-Fache des Vorjahres und 1.000-prozentige Gaspreisanstiege katapultieren Zulieferer in ausweglose Lagen. „Es ist fünf vor zwölf“, warnt IBU-Geschäftsführer Bernhard Jacobs. Wenn der Staat die Energiepreise jetzt nicht deckele, ruiniere er in kürzester Zeit die Unternehmen und zerstöre viele Tausende Arbeitsplätze. Tobias Hain, der IMU-Geschäftsführer, ergänzt: „Wir fordern zur Preisberuhigung eine breit aufgestellte Stromproduktion. Und den Fall der überkommenen Strompreisbildung, des sogenannten Merit-Order-Prinzips.“ Der Staat müsse alle denkbaren Maßnahmen und Regelungen ergreifen und dabei deren langfristige Auswirkungen bedenken.
Kooperative Geschäftsmodelle helfen allen
Mittelständische Unternehmen brauchten jetzt Tempo und dazu die Kooperationsbereitschaft ihrer Kunden. Geschäftsmodelle, die das alleinige Beschaffungsrisiko beim Zulieferer sehen, haben sich nämlich nach Ansicht vieler überlebt. „Erfolgreiche Automobilisten denken die Zukunft ihrer Zulieferer bereits mit“, weiß FMI-Geschäftsführer Werner Liebmann. Natürlich verhandle jedes Zulieferunternehmen selbst mit seinen Kunden. „Die Branche werde aber nicht länger der Puffer sein können, der unternehmerische Risiken von Kunden fernhält“, unterstreicht DSV-Geschäftsführer Hans Führlbeck. Konkret bedeute das: Zahlungsziele, Savings-Rituale und die Verbindlichkeit von Bestelldaten müssten an die aktuellen Marktverhältnisse angepasst werden.
Transparenz und Konsequenz sind für Dirk Hölscheid, Geschäftsführer der Verbände FPM und IHT, ein Schlüssel zur Problemlösung. Er sieht keine Zeit mehr zum Taktieren und Auf-Zeit-Spielen. Zulieferer, die ihre Kosten offen und nachvollziehbar darlegen, haben das Recht, von Kunden Fairness, Akzeptanz und schnelles Handeln einzufordern, so seine klare Meinung.
Viele Automobilzulieferen reicht es schon jetzt
Noch erklärten liquide Automobilhersteller die Themen Energie- und Logistikkosten zum alleinigen Lieferantenproblem. Sie spielen also auf Zeit, und bemühen den Begriff „Painsharing“. Mit dieser Strategie könnten sie allerdings gegen die Wand laufen, denn erste Zulieferer denken über ihren Ausstieg aus der automobilen Lieferkette nach. Bernhard Jacobs vom IBU macht klar: „Sie suchen nach neuen Geschäftsfeldern und kooperativen Kunden, weil sie keine Lust mehr auf die alten Verhandlungsrituale haben.“ Werden ihre Kunden – Automobilhersteller und Systemlieferanten – die daraus folgende Gefahr rechtzeitig erkennen, oder den Bogen überspannen?“, fragt sich dabei Tobias Hain. Letzteres würde die Automobilproduktion empfindlich ausbremsen. Es bleib zu hoffen, dass die Autobauer rechtzeitig die Kurve kriegen, und die Politiker ihre Entscheidungen beschleunigen.
Stahl- und Metallverarbeiter stehen vor dem Aus
„Wir haben den Abgrund vor Augen“, mahnt der WSM-Hauptgeschäftsführer, Christian Vietmeyer, zur aktuellen Situation der Stahl und Metall verarbeitenden Industrie. Aktuelle Konjunkturzahlen zeigen, wie weit die Industriekrise bereits fortgeschritten ist: Die Produktion verliert immer mehr an Fahrt! Im Juli ging sie um weitere zwei Prozent zurück. „Das Auftragsvolumen schrumpft gewaltig, um 14,1 Prozent im Juli, um 11,4 Prozent im zweiten Quartal. „Auch bei wichtigen Kundenindustrien sieht es nicht rosig aus“, muss Holger Ade, Leiter Industrie- und Energiepolitik beim WSM, feststellen. Das alles trübt die Stimmung gewaltig. Vietmeyer: „Die Geschäftserwartungen für die nächsten sechs Monate sinken auf das Level, das wir beim Pandemieausbruch erlebt haben.“
Stand: 08.12.2025
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Metallverarbeiter stellen die Produktion ein
Der scharfe Gegenwind blase dabei von allen Seiten! Erste Vormateriallieferanten der Stahl- und Metallverarbeiter stellen ihre Produktion ein, andere lassen ihre Preise in schwindelerregende Höhen steigen – die Angebotskrise vertieft sich folglich. Auslaufende Stromverträge und fehlende neue Angebote der Energieversorger für 2023 zögen Unternehmen den Boden unter den Füßen weg. Dazu kommt der Gasmangel, bei dem niemand weiß, wie die Verteilung im schlimmsten Fall aussehen wird. Und über all dem baut sich ein unglaublicher Energiekostendruck auf, der Unternehmen täglich näher an die Abbruchkante treibt. „Die ersten Insolvenzen sind schon da – siehe Dr. Schneider! Der Staat muss jetzt sofort reagieren, sonst stürzen Unternehmen samt ihren Mitarbeitern unweigerlich in den Abgrund“, befürchtet Vietmeyer. Diesen einzigartigen Absturz des Industriestandorts Deutschland können und müssen die verantwortlichen Politiker verhindern.