Ach was!? Das Fehlen von Millionen Arbeits- und Fachkräften bedroht nach Ansicht der Bundesregierung in wachsendem Ausmaß den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Die Bundesregierung hat erkannt, dass das Fehlen von Millionen von Fachkräften den Standort Deutschland mehr als bedroht. Vor allem die Ausbildung wird bei jungen Leuten eher verächtlich betrachtet. Welche Gründe das hat und was die Politik dagegen tun will, hat die dpa erfahren.
(Bild: industrieblick - stock.adobe.com)
Wenn wir uns jetzt nicht kümmern, wird das Problem Arbeits- und Fachkräftemangel zur zentralen Wachstumsbremse in Deutschland, kommentierte jüngst der Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) bei einem Fachkräftekongress der Regierung am Montag in Berlin. Deutlich wurde, wie die Regierung hier Fortschritte machen will und welche Hürden jungen Menschen auf dem Weg in den Job heute im Weg stehen. Demnach bestehe wachsender Bedarf, alle, die im Land arbeiten wollen, auch in die Arbeit respektive in die Ausbildung zu bringen, äußerte sich Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zum Problem.
Kampf gegen Fachkräftemangel hinkt hinter der Zeit her
Es werde perspektivisch die entscheidende Frage sein, ob Deutschland wachse und der Wohlstand im Lande sich mehren könne beziehungsweise erhalten werde. Hunderttausende von Stellen und Ausbildungsplätzen seien ja bereits noch unbesetzt. „Man muss blind sein, wenn man nicht sieht, dass es in Zukunft eher mehr werden“, erkennt der Grünen-Politiker.
Stabile Energieversorgung, Beschleunigung von Planungen und die Sicherung der Arbeits- und Fachkräftebasis nannte wiederum Heil als die wichtigsten Schritte, damit die deutsche Wirtschaft trotz schwächelnder Weltwirtschaft stark bleiben kann. „Eigentlich sind wir trotz allen Geredes ein starkes Land, aber wir brauchen ein Update“, glaubt Heil. Bei der Frage der Fachkräftesicherung arbeite man allerdings gegen die Zeit, seien sich beide Politiker einig.
Zigtausend junge Menschen verlassen die Schule ohne Bildungsabschluss
Habeck mahnte unter Verweis auf den jüngsten Jahreswirtschaftsbericht: „Das Potenzial im Wachstum geht herunter.“ In den 80er-Jahren habe das sogenannte Potenzialwachstum, also die Wachstumschancen bei optimalen Bedingungen, bei 2 Prozent gelegen. Habeck fragt sich: „Jetzt gehen wir auf 0,5 Prozent, aber warum?“ Es fehlten Deutschland offensichtlich die „Hände und die Köpfe“. Sieben Millionen Fachkräfte müssten wegen des Älterwerdens der Gesellschaft bis 2035 ersetzt werden, so Heil mit Blick auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Rund 1,6 Millionen der 20- bis 29-Jährigen hätten aber keine berufliche Erstausbildung. Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger ergänzte: „Bei uns verlassen noch zu viele Menschen die Schule ohne Bildungsabschluss. Die Zahl liegt bei 45.000 plus.“ Erneut warb die FDP-Politikerin für eine Berufsausbildung.
Ausbildung hat in Deutschland nicht nur einen negativen Touch ...
Doch im Gespräch der Minister mit Azubis wurde klar, was jungen Menschen den Weg in die Betriebe erschwert: In der eigenen Schule habe es kaum Berufsorientierung gegeben, klagen die jungen Leute fast unisono. Trotz allen politischen Werbens, hat das Thema Ausbildung offensichtlich einen negativen Touch. Frei nach dem Motto: „Wir machen nur eine Ausbildung, aber kein Studium“, wie sich eine gerade ausgelernte Industriekauffrau äußerte. Praktische Hindernisse verschärften das Problem. So müssten die jungen Leute Fahrten zur oft weit entfernten Berufsschule selbst organisieren und bezahlen. Und die Berufsschulen beschrieben die Azubis als oft schlecht aufgestellt.
Berufsschulequipment auf dem Stand der 80er-Jahre
„Wir arbeiten bei der Ausbildung immer noch teilweise mit altbackenen Overhead-Projektoren, weil entweder die moderne Technik nicht vorhanden ist oder die Lehrkräfte fehlen, die sie bedienen können", berichtete ein junger Lagerlogistiker. Stark-Watzinger räumte ein, dass die Berufsschulen lange stiefmütterlich behandelt wurden. Unter anderem ein „Startchancen-Programm“ der Regierung mit Förderung allgemeinbildender und beruflicher Schulen soll dabei aber nun helfen, das Manko zu beseitigen. Und Heil sprach sich für einen starken Ausbau der Berufsorientierung in den Schulen aus – am besten so, dass die Jungen Leute der mittleren Klassen diese durchgehend bekommen. Es gehe darum, das Spektrum der Berufe bekannter zu machen.
Um eine vermehrte Einwanderung kommt Deutschland nicht herum
Mit Aufrufen und Ankündigungen würden sich die Minister um einen positiven Ausblick bemühen. So sei die Erwerbsbeteiligung von Frauen im Vergleich zu früher deutlich gestiegen. Doch etwa im Vergleich zu Skandinavien ist hierzulande noch viel Luft nach oben, glaubt der Arbeitsminister. Ähnlich sei das mit der Beschäftigung Älterer. Denn der Personenkreis verstärkt sich. Heil mahnte: „Es ist wichtig, dass Großkonzerne Menschen ab 60 nicht zum alten Eisen rechnen.“ Auch die von vielen Beschäftigten als bedrohlich empfundene Ausbreitung von künstlicher Intelligenz (KI) in den Betrieben soll die Probleme mindern. Das soll sich durch Produktivitätsfortschritte und somit stellenweise sinkenden Arbeitskräftebedarf bemerkbar machen. Aber die Politiker sind auch der Meinung, dass es immer noch nicht reichen wird, auch wenn KI ihr Potenzial voll entfaltet – deswegen brauche es mehr Einwanderung von Fachkräften.
Stand: 08.12.2025
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Der Minister verwies auf die zweite Stufe des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes, die an diesem Freitag in Kraft tritt und Erleichterungen für die Beschäftigung von Fachkräften mit Berufserfahrung aus dem Nicht-EU-Ausland bringt.