Blechbearbeitung

Wann sich Automatisierung lohnt

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Voraussetzungen für eine automatisierte Blechbearbeitung

Dennoch müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: Das Unternehmen muss Kapazitäten für mindestens zwei Schichten haben – ein Automationssystem mit nur einer Schicht lohnt sich laut Kussmaul meistens nicht. Und das Unternehmen muss wachsen wollen, denn eine automatisierte Anlage hat viel Kapazität. Schließlich müssen auch die entsprechenden Räumlichkeiten vorhanden sein – oder gebaut werden.

Vor der Automatisierung sind zudem noch andere Hausaufgaben zu machen. „Grundvoraussetzung für eine automatisierte Fertigung bis hin zur mannarmen oder mannlosen Produktion ist die Beherrschung der einzelnen Prozessschritte“, merkt Dörig an. Dazu gehöre eine nahtlose und ebenfalls automatisierte Prozessüberwachung. Nach seinen Worten eignen sich wiederkehrende Aufträge als einfacherer Einstieg in die mannarme oder mannlose Produktion. Allerdings würden neue Software und Maschinen bereits den Weg hin zum automatisierten One-Piece-Flow ebnen. Ein besonderes Augenmerk widmet LVD auch dem Layout der Produktion. „Ein schlecht organisierter Shopfloor kann die Effizienz stark beeinträchtigen“, sagt Fowles. Bei der Automatisierung selbst müsse man anhand der Anforderungen in der Produktion über die Konfiguration des Systems entscheiden.

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„Wichtig ist, dass eine neue, automatisierte Blechfertigung nicht nur aus einer Anzahl neuer Maschinen und entsprechender Software besteht. Vielmehr wird damit ein komplett neuer Produktionsprozess eingeführt“, sagt Dörig weiter. Somit komme dem Change Management, dem Training und der Betreuung des Kunden während der Projektphase einschließlich Produktionsbegleitung eine entscheidende Bedeutung zu.

„In einer automatisierten Fertigung muss man etwas anders denken“, erläutert Willuhn anhand eines Regalhalters als Beispiel: Die Geometrie ist nur sehr schwer automatisiert zu entnehmen, weshalb vorbereitende Schnitte nötig sind. Amada hat die Lasermaschine Ventis mit einem pendelnden Laserstrahl unter anderem unter diesem Aspekt entwickelt: Der pendelnde Strahl erlaubt eine breitere Fuge, was wiederum die Entnahme erleichtert. „Das sind Routinen, die man sich angewöhnen muss“, sagt er.

Wichtig ist zudem, auch auf andere Faktoren als die Maschinen zu achten. So ist beim Laserschneiden die Materialqualität von enormer Bedeutung. „Unterschiedliche Materialkonsistenzen, beispielsweise eine harte, rostrote Oxidschicht auf dem Werkstoff, lassen sich auf dem Laser nicht prozesssicher schneiden“, erläutert Willuhn.

Schlechte Materialqualität kann Automation ausbremsen

Die Qualität der Bleche sieht auch Fowles als wichtigen Faktor, wenn man ein System unbemannt laufen lassen wolle. Der Abbau von Eigenspannungen und thermischer Verzug beeinflussen auch, wie effizient ein automatisiertes System funktioniert. „Wenn das Material eine beaufsichtigte Fertigung erfordert, werden diese Jobs in einer unbemannten Schicht nicht gut funktionieren“, erläutert Fowles.

„Die Hochlaufphase ist nicht zu unterschätzen, man kann nicht gleich von null auf hundert gehen“, ergänzt Kussmaul. Wichtig ist es außerdem, den geplanten Weg beizubehalten und nicht beim ersten Misston von Mitarbeitern abzubrechen. Nicht zuletzt muss man die nachfolgenden Prozesse auch bei dem erhöhten Ausstoß durch die Automation bewältigen können, sonst entsteht ein Flaschenhals. Dieser Feststellung schließt sich auch Fowles an. „Wenn man beispielsweise ein automatisiertes Faserlaser-Schneidsystem einführt, benötigt man auch einen Plan für den Workflow und die Kapazität für nachfolgende Prozesse wie Biegen oder Schweißen“, erläutert er.

In einem sind sich die Experten einig: Trotz aller Automatisierung ist der Mensch immer noch unverzichtbar. „Ein Mensch ist immer flexibler und vielseitiger als ein Roboter, deshalb brauchen wir ihn, um bei Störungen schnell einzugreifen“, sagt Kussmaul. Dörig sieht drei wesentliche Aufgaben, die dem menschlichen Mitarbeiter erhalten bleiben: Er koordiniert, überwacht und lenkt die Produktion, er wartet die Maschinen und stellt eine optimale Verfügbarkeit sicher und er liefert Expertenwissen, welches den Maschinen in vielen Bereichen immer noch voraus ist.

„Wenn wir mit unseren Kunden über automatisierte Systeme sprechen, sagen wir immer, dass schwierige Teile oder Materialien in einer bemannten Schicht gefertigt werden sollten“, berichtet Willuhn. Und er erläutert weiter: „Je dicker das Material ist, desto eher sollte man den Prozess nicht alleine laufen lassen.“ Dabei verfolgt Amada eine bestimmte Philosophie: „Wir versuchen, mehr und mehr automatisch ablaufen zu lassen, damit der Bediener ausreichend Zeit hat, sich mit den Problemen zu befassen, die die Automatik eventuell nicht lösen kann“, sagt Willuhn.

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Mitarbeiter in der Blechbearbeitung bekommen neue Aufgaben

Der Mensch bleibt also in der Fertigung, aber er muss sich ändern und weiterentwickeln: Neue Aufgaben warten auf ihn. „Der Bediener muss weiterhin Know-how und Verständnis haben. Einfache Aufgaben kann und soll aber die Software vollautomatisch übernehmen“, erläutert Willuhn. Auch klar strukturierte Aufgaben sind ihre Stärke, wie sich beispielsweise bei einem automatischen Werkzeugwechsler für Abkantpressen zeigt: „Die Software kann die Werkzeuge für wesentlich mehr Teile vorausplanen, der Mensch verliert irgendwann den Überblick“, sagt er.

„Je mehr Automation, desto weniger Einsatz des Körpers“, ergänzt Dörig. „Ein einfacher Helfer wird es schwierig haben“, sagt auch Kussmaul, die Tätigkeiten würden hochwertiger. Die Mitarbeiter müssten künftig mehr Software bedienen können, mehr als Troubleshooter arbeiten und einen Überblick über die Produktion haben.

Noch weiter gehende Veränderungen erwartet Roser. Er geht davon aus, dass künftig CAD-Programmierer tätig sein werden, daneben spezialisierte Bediener, die auch die Werkzeuge prüfen und die Wartungen vornehmen, und schließlich Arbeitskräfte für das Abstapeln, Kommissionieren, Verpacken und vergleichbare Tätigkeiten. „Fachkräfte, die alles können, wird es nicht mehr geben“, prognostiziert er.

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