Schmieden Metallkünstler formt Blüten aus Blech und Trennungsschmerz
Es sind schon richtige Blüten, also florale Formen, die Gabriel Takacs aus Blech formt. Die Natur hat er vor der Haustür. Seine Werkstatt in Aichtal-Grötzingen, idyllisch am Feldrand gelegen, ist teils Schmiede, teils Schlosserei. Vermutlich würde der phantasievolle Kopf selbst in der Stadt natürliche Formen in Blech treiben oder aus massivem Metall produzieren.
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Gabriel Takacs – ein typisch schwäbischer Name ist das nicht. Aber Gabriel Takacs ist Schwabe durch und durch. Stolz auf die 48 Jahre Arbeitsleben, die der 62-jährige jetzt schon zusammen hat. Ein Ende ist nicht abzusehen, auch wenn er es jetzt etwas ruhiger angehen lässt.
Geboren in Ungarn, sechs ältere Brüder, ausgewandert und in Sielmingen aufgewachsen, und dort zum Schwaben geworden. Gelernt in Plieningen, Meisterprüfung als Kunstschmied und Schlosser in Stuttgart. Seit 25 Jahren ist Takacs selbstständig und seit der Zeit arbeitet er mit der im Ländle üblichen Tatkraft. „Auch wenn die Schlegelei mittlerweile in die Arme geht“, wie er bemerkt.
Ab und zu kommt er noch nach Ungarn und besucht seinen ältesten Bruder dort. Am meisten freut er sich auf die „Musik mit der Ziehorgel“: „Da bin ich immer neidisch“, sagt er, weil er sich selbst für unmusikalisch hält. Dabei schwingt er bei Schmiedearbeiten den Hammer so rhythmisch, dass man nicht viele Perkussionisten findet, die so taktsicher trommeln. Nur sein Gehör hat im Laufe der Jahre natürlich gelitten.
Dabei ist eigentlich seine Frau „schuld“, dass er den Schritt in die Selbstständigkeit getan hat. Sie hat ihm zugeredet. 1982 hatte er in Grötzingen in einem ehemaligen Schlachthaus hinter der Kirche begonnen, in Eigenregie Bleche und massives Metall zu bearbeiten, zu schmieden, zu biegen, zu schweißen. Bis sich die Chance bot, in die Schmiede umzuziehen. Der alte Hufschmied hatte Takacs zu Lebzeiten versprochen, dass der in die Schmiede umziehen könne, wenn er einmal das Zeitliche gesegnet habe. Das ist jetzt auch schon 17 Jahre her.
Urlaub? Ja klar macht er den. Immerhin acht Tage am Stück – und das zwei Mal im Jahr. Dann zieht es ihn wieder in die Werkstatt. Das sei wohl eine schwäbische Eigenart, nicht zu lange von der Arbeit wegzubleiben, frage ich ihn. Takacs schmunzelt: „Nach ein paar Tagen ohne Arbeit werde ich unruhig. Dann fange ich an, zu schnitzen oder einen Stein zu bearbeiten.“
Einem Lokalreporter hat er einmal erzählt, er habe immer einen kleinen Schmiedehammer dabei. Für unterwegs, man könne ja nie wissen. Gabriel Takacs amüsiert sich noch heute über seinen Schwabenstreich: „Der hat das wirklich geschrieben.“ Also muss ich vorsichtig sein, welche Geschichten ich ihm glaube.
Wenige Maschinen bilden den Gerätepark von Takacs. Selbst die sind betagt wie der Meister: eine alte Säge, eine Bohrmaschine und ein „Lufthammer“, eine einfache Form eines automatischen Schmiedehammers. Zum Schneiden von Blechen dient ein Plasmabrenner, der ansonsten zum Schweißen eingesetzt wird. „Eine Lasermaschine macht das schon komfortabler“, meint er. „Aber ich habe ja keine Serienproduktion.“ Und für die ein, zwei Teile lohne die Fahrt zum nächsten Lohnbetrieb nicht. Auch in Grötzingen ist die Kunst zwar frei, unterliegt aber auch wirtschaftlichen Überlegungen. „Mein Herz gehört der Kunst, solange ich davon leben kann“, bekennt er freimütig.
Unser Gespräch in der Werkstatt führen wir im Stehen. Selbst wenn es Sitzplätze gäbe, lange würde es Takacs ohnehin nicht auf dem Stuhl aushalten. Während des Erzählens nimmt er hier ein Werkstück in die Hand, erläutert in einer anderen Ecke einzelne Arbeitsschritte. Kurz lässt er eine Maschine laufen und feuert sogar die Esse an.
Ab und zu hat er Schulklassen zu Besuch oder Praktikanten. „Da geht es dann zu wie im Taubenschlag“, berichtet der Meister und kann in Gedanken den Satz weiterführen: „Gut, wenn es dann vorbei ist.“ Gelegentlich stellt sich heraus, dass eines der Kinder zu Besuch oder einer der Praktikanten „ein Händchen“ für die Arbeit hat.
Kunsthandwerkermärkte oder Ausstel-lungen beschickt er schon lange nicht mehr: „Man muss ja das ganze schwere Zeug schleppen. Vielleicht“, überlegt er, „würde das Geschäft ja ein bisschen besser laufen. Aber es reicht auch so. Ich bin zufrieden.“ Das hindert ihn nicht daran, künstlerisch unruhig zu sein, immer auf der Suche nach Ideen. Offen sei er gegenüber Formen und Bildern, sagt er. Dennoch: Viele florale Motive bestimmen seine Arbeit. So gibt es Ginkgo-Blätter in vielen Varianten, aus Edelstahl ebenso wie aus angerostetem Baustahl, oder auch „zweifarbige“ Kompo-sitionen aus zwei Blecharten.
Seine Vorliebe gilt dem Schmiedefeuer und dem Verdichten von Material zur endgültigen Form, figürlich ebenso wie abstrakt. Und dann gibt es Werkstücke, die aus beiden Techniken, Blechbearbeitung und Schmieden, kombiniert sind. Es zählt das Ergebnis, die Form, die Kunst.
„Kunst“ durchaus auch als Gebrauchs-gegenstand: ein geschmiedetes Grabkreuz beispielsweise. Teile einer Treppe liegen gerade in der Werkstatt. Da ist Takacs schon dafür zu haben. Er investiert auch in ganz profane Dinge wie eine Treppe sein ganzes handwerkliches Können plus einen Schuss Kreativität.
Früher war er zum großen Teil mit Schlosserarbeiten beschäftigt. Jetzt verteilt sich die Arbeit zwischen Schmied und Schlosser etwa halbe-halbe. Ein bisschen überraschend ist das Ergebnis schon, als er zwischen barockem Grabkreuz und geschmiedetem Bronzekreuz „entscheiden“ soll: „Mir persönlich gefällt das Moderne besser als hier ein Bogen, dort ein Schneckchen.“ Körperlich sei das Schmieden anstrengender, „aber es macht mehr Spaß. Das muss einem im Blut liegen“, ist sein Votum eindeutig.
Blechqualitäten spielen bei Takacs eine ganz untergeordnete Rolle. Verarbeitetwerden handelsübliche Bleche in Tafeln von 2 m x 1 m. Selten überschreitet die Blechstärke 2 mm. Bekannte Qualitäten sind ihm am liebsten: „Was ich kenne, nehme ich.“ Kupfer oder Messing verarbeitet er lieber massiv. Filigrane Rosen muss man eben aus Edelstahl nehmen. Nicht immer wird ein Kunst-Werkstück gleich ausgeliefert. „Manchmal lasse ich ein Stück ein paar Tage länger stehen als unbedingt notwendig“, beschreibt er den „Trennungsschmerz“ von einem Stück. Da müssen hier und da wirtschaftliche Überlegungen in den Hintergrund treten.
Spätabends verabschieden wir uns. Ich will noch ein paar Bilder draußen machen. Dann kriegt mich Takacs doch dran. Ich übersehe in der Dunkelheit sein schelmisches Lächeln, als er mir erzählt, unter dem First des Werkstattgebäudes habe ein Adler seinen Horst. Wie bitte? Ich will den Greifvogel nicht aufscheuchen und erspare mir das Blitzen. Doch in der Variante aus Blech zählt der Adler dann doch nicht zu den aussterbenden Arten.
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