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„Digitalisierung führt nicht per se zu smarten Produktionsprozessen“

| Autor/ Redakteur: Jochen Dittmar / Frauke Finus

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Sigrid Wenzel bildet im berufsbegleitenden Masterstudiengang Industrielles Produktionsmanagement der Unikim/Universität Kassel Fachleute aus, die Prozesse systematisch verbessern, bevor sie IT-unterstützt implementiert werden. Sie sagt: „Es gibt nicht Industrie 4.0 schlechthin, sondern nur für jedes Unternehmen eine individuelle Lösung.“ Im folgenden Statement erfahren Sie mehr.

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Univ.-Prof. Dr.-Ing. Sigrid Wenzel leitet das Fachgebiet Produktionsorganisation und Fabrikplanung an der Universität Kassel und ist zudem seit Oktober 2018 Dekanin des Fachbereichs Maschinenbau. Sie ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der ASIM (Arbeitsgemeinschaft Simulation) und Sprecherin der ASIM-Fachgruppe „Simulation in Produktion und Logistik“.
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Sigrid Wenzel leitet das Fachgebiet Produktionsorganisation und Fabrikplanung an der Universität Kassel und ist zudem seit Oktober 2018 Dekanin des Fachbereichs Maschinenbau. Sie ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der ASIM (Arbeitsgemeinschaft Simulation) und Sprecherin der ASIM-Fachgruppe „Simulation in Produktion und Logistik“.
( Bild: Uni Kassel )

„Es gibt nicht Industrie 4.0 schlechthin, sondern nur für jedes Unternehmen eine individuelle Lösung. Und schon gar nicht führe Digitalisierung von selbst zu smarten Produktionsprozessen ohne mediale Brüche. Den Begriff der Digitalisierung verwende ich nicht gern, lieber spreche ich von digitaler Transformation, da diese den Veränderungsprozess besser beschreibt. Es gehe nicht um den Einsatz der IT um ihrer selbst willen, sondern um die strukturierte Verbesserung der einzelnen Prozesse in einem umfassenden Gesamtsystem. Erst wenn die bisherigen Prozesse analysiert und hinsichtlich ihrer Verbesserungspotenziale fortentwickelt sind, werden diese neuen Prozesse im Gesamtsystem implementiert und mit IT unterstützt. Dafür benötigt ein Unternehmen oder eine Verwaltung geeignete Fachleute mit Kenntnissen in Betriebswirtschaft, Informatik und Technik, die mit allen reden, die Herausforderungen global betrachten, und die jene Aufgaben, die sie daraus ableiten, disziplinübergreifend lösen können.“

Genau diese Fachleute bildet Sigrid Wenzel als wissenschaftliche Leiterin des berufsbegleitenden Masterstudiengangs Industrielles Produktionsmanagement (IPM) an der Unikims gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie akademisch geschulten Praktikerinnen und Praktikern aus. Die Unikimis ist die Management School der Universität Kassel und zuständig für das berufsbegleitende Studium. Mit über 1.200 Studierenden in neun berufsbegleitenden MBA- und Masterstudiengängen ist sie eine der führenden Institutionen in Deutschland für die universitäre Weiterbildung von Nachwuchs- und Führungskräften.

Absolventen profitieren im Beruf von der erlernten Methodik

Henning Wortmann zum Beispiel begann den Masterstudiengang IPM 2013, drei Jahre nach Beginn der Karriere im dualen Verbund von betrieblicher Ausbildung und Maschinenbau-Studium beim Landtechnikhersteller Claas. Im Beruf profitierte Wortmann vor allem von den Methoden, die er im Studium an der Unikimis erlernte, „von der Herangehensweise und der strategischen Planung. Wenn wir die Zusammenhänge auseinandergenommen haben, etwa im Materialfluss, dann war das super im Alltag anzuwenden. Und die positivste Überraschung war für mich, dass alle, die mit mir in Kassel studierten, schon mehrere Jahre im Beruf waren und ihre Erfahrung von dort mitbrachten. Damit hatte die Vorlesung eine ganz andere Qualität, denn bei theoretischen Ausführungen hat es nie lange gedauert, bis der erste die Hand hob und sagte: ,Das hat bei uns so nicht geklappt. Wir haben das so gelöst.’ Das ist etwas ganz anderes, als in einer Gruppe von 20-jährigen, die keinerlei praktische Erfahrungen mitbringen.“ Mit dem Abschluss Master of Science im IPM wechselte Wortmann in die Corporate IT der Claas-Gruppe, wo er sich mit Prozessberatung und Anwendungsentwicklung beschäftigt. Auch für Mohammed Abdel Rahim änderte das IPM-Masterstudium rasch seinen beruflichen Alltag: „Man verändert sein Bewusstsein, und man kommuniziert es. Daraufhin steigert das System, die Arbeitswelt, die Erwartungen an mich und ich erhalte mehr ganzheitliche und prozessbezogene Aufgaben.“

Sigrid Wenzel beschreibt die betriebliche Wirklichkeit, wie sie diese als Kooperationspartnerin von Unternehmen erlebt: „Es reden zwar fast alle über Digitalisierung und Industrie 4.0, aber längst nicht alle haben ihren optimalen Weg zur Umsetzung gefunden.“ Einige Unternehmen, vor allem große Konzerne, seien in der Nutzung digitaler Planungsmethoden und der Implementierung von IT-gestützten Prozessen schon sehr weit „Andere Unternehmen kämpfen aber noch mit Datenaustauschformaten und sind eher bei Industrie 2.5“, urteilt Wenzel.

Eine Optimierung der Teilsysteme führt nicht zum optimalen Gesamtsystem

Oftmals fehle der Blick auf das Ganze. „Es dominiert in vielen Bereichen noch die Einzelbetrachtung“, sagt die Professorin. Die Unzufriedenheit wachse, weil irgendein Prozess zu langsam laufe, die Kosten an einer Stelle zu hoch seien oder der Service in einem anderen Segment unbefriedigend sei. Dann werde dieses eine Teilsystem optimiert, und seine Leistung maximiert, aber die Effizienz im Gesamtsystem steige nicht: „Das lokale Optimum führt meistens nicht zu einem globalen Optimum für die gesamte Fabrik. Nicht jeder Mensch macht sich aber dieses ganzheitliche Denken zu Eigen. Beispielsweise kann ich einen Stau weit hinter mir provozieren, wenn ich im dichten Verkehr mit Tempo 80 auf die Überholspur wechsele, wo der Verkehr mit 110 km in der Stunde fließt.“

Ist-Prozesse analysieren, um Soll-Prozesse abzuleiten

Viele Entscheider glaubten zudem heute noch, sie müssten nur auf den fahrenden IT-Zug in Richtung Digitalisierung und Industrie 4.0 aufspringen und eine Softwarelösung von der Stange kaufen, dann lösten sich die Probleme wie von selbst. Das sei falsch. Schlechte Prozesse werden dadurch nicht besser, dass sie mit Software unterlegt werden. Im Gegenteil kann die Implementierung einer Software zusätzlich hohe Kosten und Reibungen im Unternehmen verursachen, ohne suboptimale Prozesse zu verbessern. Daher seien die Ist-Prozesse zunächst zu analysieren, um Soll-Prozesse abzuleiten und diese dann digital zu unterstützen. Das kann auch die digitale Vernetzung der Maschinen in der Produktion über sogenannte cyberphysische Systeme beinhalten. Dann nehmen die Maschinen über Sensoren Informationen aus der Umwelt auf, die ausgewertet werden, um über Aktoren Aktionen in der Umwelt auszulösen. „Auf diese Weise können auch die Maschinen miteinander kommunizieren“, sagt Sigrid Wenzel. Die Voraussetzung für Industrie 4.0 ist eine durchgängige digitale Fabrikplanung; die Modelle der digitalen Fabrikplanung sind die Basis für den digitalen Zwilling einer Produktionsanlage.

Soziale Barrieren behindern die digitale Transformation

Der Weg der digitalen Transformation ist allerdings auch durch soziale Barrieren verstellt. Diesen Schluss legt zumindest die Erfahrung von Sigrid Wenzel nahe: „Wenn wir mit unserem Fachgebiet Prozesse analysieren und mittels digitaler Modelle simulieren, dann schaffen wir Transparenz. Wir decken Planungs- und Systemfehler auf. Finden wir Fehler, besteht bei den Zuständigen oftmals Angst vor Kritik und Sanktionen. Transparenz soll aber Vertrauen in das System schaffen: Wir müssen Fehler als systemische Fehler erkennen, und sie nicht als persönliche Fehler fehlinterpretieren.“

Die Einschätzung, dass durch die digitale Transformation die Arbeit ausgehe, sei so nicht richtig. „Die Arbeit geht uns nicht aus“, sagt Sigrid Wenzel, „sie verändert sich inhaltlich; Routinetätigkeiten werden weniger; Arbeitsinhalte werden kreativer. Veränderungsprozesse müssen permanent gelebt werden, da sich die IT schnell weiterentwickelt, Netzwerke variieren und die Komplexität exponentiell mit der Vernetzung der Systeme wächst.“

Die Zeiten, in denen eine Ausbildung für ein Berufsleben von 40 Jahren ausgereicht habe, seien vorüber: „Das funktioniert nicht mehr, und es betrifft alle Berufe. Wir können beispielsweise Arbeitsabläufe der Buchhaltung eines Unternehmens automatisieren oder das Schweißen durch Schweißroboter durchführen lassen. Die zugehörigen Berufsfelder benötigen dann zukünftig andere oder erweiterte Qualifikationen als heute.“

„Wir müssen uns befähigen, die Veränderungen zu gestalten“

„Auch ich weiß nicht, wie das Aufgabenspektrum einer Hochschullehrerin in 20 Jahren aussehen wird“, räumt Sigrid Wenzel ein: „Aber ungeachtet dessen darf ich als Hochschullehrerin nicht aufhören, Studierende für eine Zukunft auszubilden, die ich nicht vollständig kenne. Wir müssen uns befähigen, die kommenden Veränderungen zu gestalten. Der Mensch wird unersetzlich bleiben. Aber gefordert sind mehr denn je Kreativität, ganzheitliches Denken und die Fähigkeit zur Kommunikation. Die Schere wird sich weiten zwischen jenen, die kreativ, sozial und prozessfähig sind, und jenen, die diese Fähigkeiten nicht haben. Ich sage meinen Studierenden und den Unternehmern: Seid Gestalter der digitalen Transformation! Ich sehe die digitale Transformation als Chance, denn sie verändert die Arbeitswelt zugunsten aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sodass wir viel mehr Möglichkeiten haben, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren und in beiden Bereichen aufgehend zu leben. Diese Chance müssen wir nutzen!“

Save the Date! Fachtagung „Mehr Effizienz im Presswerk“ am 4. Juni in Sindelfingen!

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