Netzwerk-Kooperationen Autohersteller und Zulieferer geben gemeinsam Gas

Redakteur: Annedore Munde

Steigende Energiepreise setzen Autohersteller genauso unter Druck wie das Umdenken der Kunden. Immer leichter, immer schneller, immer sicherer und immer umweltbewusster soll ein Auto heute sein – und natürlich bezahlbar. Um konkurrenzfähig zu sein und sich am Markt zu behaupten, suchen die Hersteller Verbündete. „Automobilcluster“ heißt das Zauberwort.

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Im BMW-Werk in Eisenach werden Presswerkzeuge für Karosserieteile aus Stahl, aus höherfesten Stählen und aus Aluminium entwickelt und herstellt. Bild: BMW
Im BMW-Werk in Eisenach werden Presswerkzeuge für Karosserieteile aus Stahl, aus höherfesten Stählen und aus Aluminium entwickelt und herstellt. Bild: BMW
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Automobilindustrie ist eine Schlüsselbranche in Deutschland. Insgesamt hängt nach Aussage des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) jeder siebte Arbeitsplatz an dieser Industrie: Direkt beschäftigt sind rund 750 000 Mitarbeiter im Inland, davon über 325 000 in Zulieferunternehmen.

Um für den globalen Wettbewerb gerüstet zu sein, greift die Branche auf gebündelte Netzwerk-Kompetenzen zurück. Hersteller, Zulieferer und Forschungseinrichtungen finden sich in Clustern zusammen, mit dem Ziel, die Produktivität und die Innovationskraft zu stärken. Und auch die Politik möchte ein Wort mitreden, legt sie doch letztendlich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fest.

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Entsprechende Initiativen werden häufig von den Wirtschaftsministerien der Bundesländer gefördert oder sogar ins Leben gerufen. So entstand zu Beginn der 90er Jahre als erste die Verbundinitiative Automobil (VIA) in Nordrhein-Westfalen. Zu dieser Zeit entstanden in Deutschland und Europa zunehmend Automobilcluster, die weiter an Bedeutung gewinnen.

Inzwischen haben sich in nahezu allen Bundesländern Unternehmen zu entsprechenden Cluster-Projekten zusammengeschlossen. Zum Teil gliedern sich diese noch einmal in Mikrocluster auf, zum Teil bestehen weitere Netzwerke zusätzlich zu den Initiativen der Bundesländer.

Politik und Verbände unterstützen Kooperationen in Clustern

In Ostdeutschland haben sich die Verbünde zu einem übergeordneten Automobilcluster Ostdeutschland (ACOD) zusammengetan. Eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin hat cirka 30 Bundesländerinitiativen und Spezialisierungen innerhalb der Länder herausgearbeitet. Tendenz: weiter steigend. Dazu kommen Dachverbände wie der VDA und VDMA, die die Themen der Automobilbauer stützen.

Die Ziele sind im Wesentlichen die Gleichen: Interessenvertretung und Kompetenzbündelung, um letztendlich den Standort zu stärken und technisch innovative Schwerpunkte gemeinsam herauszuarbeiten und als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Mit einer Vielzahl von Einzelaktivitäten werden die Mitglieder unterstützt: angefangen von Branchentreffs über Weiterbildungen bis hin zur Zusammenarbeit mit Politikern.

Doch was kommt unter dem Strich dabei heraus? Zu den aktuell erfolgreichen Initiativen gehören laut VDA die Bayerische Innovations- und Kooperationsinitiative für die Automobilzulieferindustrie Baika, Automotive Saarland, die Automobilzulieferer-Verbundinitiative AMZ Sachsen, das Netzwerk Mahreg in Sachsen-Anhalt sowie der als Verband organisierte Automotive Thüringen e.V.

Cluster ermöglichen neue Lieferverträge und zusätzliche Arbeitsplätze

„Über Automotive Thüringen zum Beispiel haben Zulieferunternehmen im Jahr 2007 langfristige Lieferverträge mit Nutzfahrzeug- und Pkw-Herstellern abgeschlossen, die Investitionen in Höhe von rund 135 Mio. Euro und zusätzliche 300 Arbeitsplätze nach sich ziehen werden“, nennt VDA-Präsident Matthias Wissmann ein Ergebnis, welches durch das Cluster möglich wurde.

Ein Mitglied des Automotive Thüringen e.V. ist die BMW Fahrzeugtechnik GmbH in Eisenach. Das 230 Mitarbeiter zählende Unternehmen, welches Presswerkzeuge für Karosserieteile aus Stahl, aus höherfesten Stählen und aus Aluminium entwickelt und herstellt, konnte im Juni 2007 sein 15-jähriges Bestehen feiern.

Geschäftsführer Peter Wolf sieht durch die Mitwirkung in der Automotive-Initiative die Chance, Kompetenzen zu bündeln und sich gegenseitig zu ergänzen. „Beispiele dafür sind ein Verbund für gewerbliche Ausbildung, Netzwerke für Fertigung sowie das Knüpfen von Kontakten, was nicht zu unterschätzen ist. Darüber hinaus bietet das Cluster insbesondere für KMU die Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand auf Veranstaltungen und Messen auch international präsent zu sein.“ Zudem sei das Cluster mit seinen über 100 Mitgliedsunternehmen eine etablierte und anerkannte Institution zur Vertretung der Mitgliederinteressen in Politik und Gesellschaft.

Cluster zeigen sich flexibel und anpassungsfähig

Die Netzwerke sind so flexibel und anpassungsfähig, wie Markt und Rahmenbedingungen es erfordern. „Aus der inzwischen beendeten Verbundinitiative in Nordrhein-Westfalen sind mittlerweile verschiedene andere Cluster entstanden, so der Verbund Innovativer Automobilzulieferer in Südwestfalen. Hier haben Mittelständler auf privater wirtschaftlicher Basis gemeinsam Unternehmen gegründet, die als Dienstleister für die Beteiligten fungieren“, so Wissmann.

Der Trend zur Clusterbildung im Automobilbereich ist ungebrochen. Neuestes Angebot an Automobilfirmen und Forschungseinrichtungen der Region Stuttgart ist Cars, die Clusterinitiative Automotive Region Stuttgart.

Die Auftaktveranstaltung für Cars war im Juli 2007. Jetzt zählt das Netzwerk bereits über 350 Mitglieder – Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft, die sich an Projekten, Veranstaltungen und Firmenbesuchen beteiligen. Dabei sind Institute der Universität Stuttgart, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie einige regionale Kompetenz- und Innovationszentren. Natürlich beteiligen sich sehr viele Zulieferer, interessanterweise aber auch Unternehmen, die nur teilweise für die Automobilindustrie arbeiten und deren Kernkompetenz ansonsten eher in der Medizintechnik, Elektronik oder im Bereich neue Werkstoffe liegt.

Clusterinitiative Automotive Region Stuttgart stellt auf der IAA aus

Gemeinsam mit fünf Zulieferunternehmen war die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) 2007 erstmals auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt vertreten. „Dieser Messeauftritt unter dem Dach der Region eröffnete unseren Unternehmenspartnern eine werbewirksame Präsenz auf diesem wichtigen Branchentreff“, sagt WRS-Geschäftsführer Dr. Walter Rogg. „Außerdem wollen wir Cars und die Region Stuttgart als weltweit bedeutenden Fahrzeugbaustandort und als Standort neuer Technologien und Dienstleistungen rund um das Thema Mobilität präsentieren.“

Die Clusterbildung ist für den VDA-Präsidenten Wissmann letztendlich auch ein Bekenntnis für den Standort Deutschland: „Ohne jeden Zweifel. Das Ziel regionaler Cluster ist es vor allem, die Innovationskraft zu stärken und damit Beschäftigung in dieser Schlüsselindustrie zu sichern. Zwar ist die positive Wirkung von Innovationsnetzwerken auf die Beschäftigung in den einzelnen Regionen bislang nicht exakt statistisch nachweisbar, allerdings unterstreicht der Wachstumskurs einzelner Clusterinitiativen diese positive Entwicklung im Zuge der jeweiligen Projektträgerschaft. Zudem hat die Beschäftigung insgesamt in der Zulieferindustrie in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Gleichzeitig konnten die Innovationskraft und die technologischen Kompetenzen gerade der mittelständischen Unternehmen stärker in das Bewusstsein der Entwicklungs- und Einkaufsbereiche der Fahrzeughersteller verankert werden.“

Ob Materialentwicklung oder Lieferantennetzwerk – die Autobauer denken global und langfristig. Bereits frühzeitig werden Forschungskapazitäten einbezogen. Jüngstes Beispiel ist die Entwicklung des TWIP-Stahls (Twinning Induced Plasticity) am Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf. Im Falle eines Aufpralls aktiviert der Stahl seine Dehnungsreserve und beginnt sich zu verformen.

Die Merkmale der neuen Stahlsorte: zum einen sehr dehnbar, um einen möglichst großen Anteil der Aufprallenergie in Verformung umwandeln zu können, zum anderen ausreichend fest, um die Fahrgastzelle zu stabilisieren. Professor Dr. Anke Rita Pyzalla, die die Forschungsarbeiten leitet, rechnet damit, dass der Stahl in wenigen Jahren in der Automobilindustrie eingesetzt wird.

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