Bei der Fachtagung „Mehr Effizienz im Presswerk“ diskutierten über 90 Teilnehmer unter anderem über den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit vor dem Hintergrund neuer Marktbedingungen.
Dank Abstandsregel, Maskenpflicht und Hygienekonzept waren knapp über 90 Teilnehmer in der Stadthalle Sindelfingen erlaubt.
(Bild: Benedikt Hofmann / VCG)
Wachsender internationaler Wettbewerb, schrumpfende Auftragszahlen und die Krise der Automobilindustrie – die Herausforderungen für Presswerksbetreiber sind vielfältig. Die Lösung ist dafür klar definiert: Nur mit einer effizienten Pressenlinie werden Unternehmen aus der Metallbearbeitung in Europa angesichts dieser Gemengelage wettbewerbsfähig bleiben. Das stellt Thomas Marschollek von Läpple Automotive, gleich zu Beginn der Fachtagung „Mehr Effizienz im Presswerk“ klar. Marschollek hielt die Keynote bei dieser Veranstaltung, die von den Fachmedien Blechnet und MM Maschinenmarkt am 30.09.2020 bereits zum zweiten Mal in Sindelfingen ausgerichtet wurde. In diesem Jahr geschah das natürlich vor dem Hintergrund eines ausgeklügelten Hygienekonzepts, das die Sicherheit von Besuchern, Ausstellern und Referenten sicherstellte.
Knapp über 90 Teilnehmer und 16 Aussteller waren schließlich für den Tag im Zeichen der Umformtechnik zugelassen und trotz der besonderen Umstände im „New Normal“ entwickelte sich ein angeregter Austausch zur Zukunft im Presswerk. Über die 10 Vorträge des Tages kristallisierten sich einige Punkte heraus, die besonders zur Effizienz im Presswerk beitragen und die wir hier für Sie zusammengefasst haben. Dabei kann das erste Handlungsfeld niemanden in der Branche überraschen.
Internet der Dinge, Industrie 4.0 oder eben einfach Digitalisierung: Der Weg der Industrie in die Datenwelt soll kein Selbstzweck sein, sondern die Verfügbarkeit erhöhen und vor allem die Effizienz steigern. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist hierbei Predictive Maintenance oder auch vorausschauende Wartung. Damit haben Marschollek und seine Kollegen bei Läpple Automotive bereits erste Erfahrungen gesammelt. Mathematische Analysen bilden dabei die Basis von für taggenaue Prognosen. In Versuchswerkzeugen wurden die Stillstände so um bis zu 90 % reduziert. Ein Extremfall, wie Marschollek unterstreicht, aber dennoch zeigt er, was durch vernetzte Systeme möglich wird.
Auch Marc Decker, Automatic-Systeme Dreher, und Claus Dratz, Fagor Arrasate Deutschland, die aufgrund einer Kooperation ihrer Unternehmen gemeinsam auf der Bühne standen, zeigten Wege auf, die digitale Lösungen zur Effizienz im Presswerk beitragen. Dazu gehört die Software Smart-Connect, die neben der Performance der Maschine auch Daten zur erreichten Qualität erfasst. Eines der Ziele ist es dabei, am Ende zu wissen, was ein Bauteil pro Hub tatsächlich kostet. Aber auch die von Marschollek bereits beschriebene vorausschauende Wartung sowie eine bessere Kontrolle der Prozessdaten und des Verbrauchs können so erreicht werden. Dabei wird sich im Zuge der Digitalisierung auch das eine oder andere Paradigma verändern, wie folgendes Zitat von Claus Dratz zeigt: „Nicht die Presse steuert das Werkzeug, sondern das Werkzeug steuert die Presse. Das bedeutet, dass das Werkzeug mit einer Intelligenz ausgestattet wird, die mit der Steuerung kommuniziert und bestimmt, wie ein Material bearbeitet werden muss.“
Nach Ansicht von Dr. Jörg Stahlmann vom Industriemesstechik-Spezialisten Consenses kommt die physikalische Welt in der Diskussion um IOT und Industrie 4.0 allerdings manchmal zu kurz. Verlässliche Daten aus dieser physikalischen Welt zu erheben und digital auszuwerten ist dem Experten zufolge essenziell, um die Effizienz im Presswerk zu erhöhen: „Im Netzwerk können beispielsweise Risiken völlig neu bewertet werden.“ Die Erfassung und Analyse von Maschinendaten, hat sogar bereits Industrieversicherer auf den Plan gerufen. Diese prüfen spezielle Verträge für Unternehmen anzubieten, die Maschinendaten nutzen, um Störungen vorherzusehen und so zu verhindern.
Simulation und Vorbereitung
Einen weiteren digitalen Ansatzpunkt zur Effizienzsteigerung im Presswerk bietet die Simulation, auf die Ralf Schmidt von Autoform Engineering in seinem Vortrag besonders einging. Die Einsatzgebiete reichen dabei von Machbarkeitsanalysen, über die Bauteil- und Methodenplanung bis hin zur Teileproduktion. So können frühzeitig Aussagen über den Materialeinsatz getroffen und die notwendigen Werkzeuge zu analysiert werden. Außerdem wird deutlich, wo im Prozess in der Vergangenheit „Overengineered“ wurde und so noch Effizienzpotenziale gehoben werden können. „Klar ist auch, dass wir mehr Zusammenarbeit zwischen Presswerk und Werkzeugbau benötigen, unter anderem auch in Bezug auf die Materialqualität“, wie Schmidt unterstreicht.
Standardisierung erhöhen und Komplexität verringern
Mit dem Schlagwort „Overengineeredׅ“ traf Schmidt den Nerv gleich mehrerer Redner. Denn die Veränderungen auf Kundenseite führen auch dazu, dass einiges im Presswerk überdacht werden muss. Marschollek stellte das in seiner Keynote wie folgt heraus: „Da wir davon ausgehen können, dass in Zukunft beispielsweise weniger Autos produziert werden, müssen wir auch dazu übergehen, die Komplexität zu verringern.“ In seinem Unternehmen wurden vor diesem Hintergrund beispielsweise eigene Schieber für geringere Hubzahl entwickelt. Auch bei Millutensil hat man sich mit dem Thema Komplexität beschäftigt, wie Michele Pilling berichtet. Hier ist der Ansatz, möglichst alle Systeme aus einer Hand zu liefern und die Komplexität im Prozess so zu verringern.
Stand: 08.12.2025
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Ein weiterer Aspekt, der im Verlauf des Tages immer wieder eine Rolle spielte, ist die Standardisierung von Komponenten und ganzen Maschinen. Dabei soll die Flexibilität in der Produktion durch ausgeklügelte Systeme trotz der Standardisierung nicht abnehmen. Ein Ansatzpunkt sind hierbei Standardanlagen, die auf die Bearbeitung bestimmter Materialranges (beispielsweise Materialdicken) ausgelegt sind.
Automatisierung weiter wichtiges Thema
Auch das Potenzial der Automatisierung ist im Hinblick auf die Effizienzsteigerung im Presswerk noch lange nicht ausgeschöpft. Für Dr. Christian Löchte vom Start-up Formhand ist sogar klar: „Wir müssen in Europa Automation einsetzen, um überhaupt wettbewerbsfähig zu sein.“ Beim Erhalt dieser Wettbewerbsfähigkeit sollen auch die speziellen Greifer seines Unternehmens helfen. Diese basieren auf sogenannten Greifkissen, die sich flexibel auf unterschiedlichste Formen anpassen können. So soll eine Automatisierung von Prozessen möglich werden, die bisher aufgrund der Bauteilstrukturen nicht oder nur sehr schwer umsetzbar war. Als großen Pluspunkt stellt Löchte dabei auch die Modularität des Systems heraus, da verschiedene Greifer in einem Tool kombiniert werden können, um auch extrem komplizierte Strukturen automatisiert zu bewegen. Juan-Jose Sánchez von Misati sieht in einem automatisierten Transport der Teile ebenfalls ein großes Potenzial zu Effizienzsteigerung. Dabei stellte er heraus, wie die Transfersysteme seines Unternehmens die Leistung eines Presswerks erhöhen können. Auch hier kommt es dem Experten zufolge auf die Modularität und Anpassungsfähigkeit an, die eine Grundlage für effizientes und flexibles Arbeiten ist. Dabei setzt sein Unternehmen beispielsweise auch auf die Fernwartung mit der Unterstützung von Datenbrillen, eine weitere Spielart der Digitalisierung.
Energieeffizienz gewinnt an Bedeutung
Wo viel Bewegung nötig ist, spielen natürlich auch die Antriebe eine entscheidende Rolle – gerade in Zeiten, in denen die Energieeffizienz von nie da gewesener Bedeutung ist. Bert Brahmer von Voith berichtete hier von den Erfahrungen, die sein Unternehmen unter anderem mit dem autarken Pressenantrieb PDSC sammeln konnte. Dieser wurden zum Retrofit bestehender Anlagen eingesetzt und kann nicht nur die Ausbringung pro Stunde erhöhen, sondern sorgt auch für eine deutliche Verringerung des Energieverbrauchs und C02-Ausstoßes. Gleichzeitig bieten die Systeme seines Unternehmens durch den Einsatz eines Servomotors als kraftgebendes Element einen einfachen Weg, um Daten zu erfassen und auszuwerten – beispielsweise für des bereits angesprochene Condition Monitoring.
Eine besonders hohe Energieeffizienz hat man sich auch beim Vakuum-Spezialisten Avac Vakuumteknik auf die Fahnen geschrieben, wie Martin Ekström berichtete. Die Vakuumejektoren seines Unternehmens kommen unter anderem in Greifsystemen zum Einsatz und erzeugen das Vakuum, das den Saugnäpfen das sichere Anheben von Bauteilen ermöglicht. Eine der Besonderheiten bei Avac ist der dezentrale Ansatz. Durch die separaten Vakuumkreise werden die Systeme weniger störungsanfällig und erhöhen so ebenfalls die Verfügbarkeit und damit die Effizienz im Presswerk.
Fazit und Ausblick
Im Laufe des sehr interessanten Tages mit angeregten Diskussionen zeigte sich, dass mehr Effizienz im Presswerk und damit eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden können, dazu aber ein stärkerer Einsatz moderner Technologien und an manchen Stellen eine Abkehr von altbewehrtem nötig ist. Das kam auch in der abschließenden Podiumsdiskussion zur Sprache. Klar wurde ebenfalls, dass weiter Gesprächsbedarf besteht, weshalb Blechnet und MM Maschinenmarkt auch in 2021 zur Fachtagung „Mehr Effizienz im Presswerk“ einladen.
Merken Sie sich daher schon jetzt den 17. Juni 2021 für einen Besuch in der Stadthalle in Sindelfingen vor!