Trumpf

Demonstrationsfabrik in Chicago: Trumpf macht Smart Factory erlebbar

| Autor: Frauke Finus

Nicola Leibinger-Kammüller scheute sich in ihrer Rede anlässlich der Eröffnungsfeier nicht, vor protektionistischen Tendenzen der USA zu warnen.
Nicola Leibinger-Kammüller scheute sich in ihrer Rede anlässlich der Eröffnungsfeier nicht, vor protektionistischen Tendenzen der USA zu warnen. (Bild: Finus)

Am 12. September hat der Werkzeugmaschinenbauer Trumpf in Chicago eine Demofabrik für Industrie 4.0 eingeweiht. In dem Technologiezentrum werden anders als in bisher üblichen Showrooms die Maschinen nicht einzeln, sondern vernetzt als eine Smart Factory im Sinne der digitalen Transformation erlebbar und begreifbar gemacht.

Im Speckgürtel von Chicago steht die erste Demonstrationsfabrik von Trumpf. Mit einem Investitionsvolumen von insgesamt rund 26 Mio. hat der Werkzeugmaschinenbauer auf 5500 m2 in den USA eine modellhafte Smart Factory errichtet.

Die USA haben für die Ditzinger Blechbearbeitungsspezialisten aus der Geschichte heraus einen besonderen Stellenwert. Chefin Nicola Leibinger-Kammüller wurde in Ohio geboren und die USA sind nach der Schweiz die zweitälteste Auslandstochter. In Farmington/Connecticut wurde Trumpf bereits 1969 ansässig, seit 1974 wird dort gefertigt - nicht von ungefähr betrachtet man sich dort daher als „amerikanische Firma“. Im abgeschlossenen Geschäftsjahr waren die USA nach Deutschland mit rund 421 Mio. Euro Umsatz der zweitstärkste Einzelmarkt für Trumpf. Dies und ein weiterer Aspekt war für das Familienunternehmen Grund genug, die erste Demofabrik in Chicago zu eröffnen, der damit fünfte Standort in den USA. Den zweiten Aspekt beschreibt Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Prokop, Chief Executive Officer Machine Tools und Geschäftsführer der Trumpf GmbH + Co. KG im Rahmen einer Pressekonferenz zur Eröffnung der Demonstrationsfabrik am 12. September in Chicago folgendermaßen: „Wir sehen, dass in den USA eine große Offenheit für digitale Lösungen vorhanden ist, sodass wir davon ausgehen, dass wir hier auf großes Interesse an unserer Smart Factory stoßen.“ Die Region rund um Chicago gilt als der Hotspot der amerikanischen Blechbearbeitung. Rund 40 % der gesamten blechbearbeitenden Industrie befinden sich in Illinois und den benachbarten Staaten. „Die zentrale Lage und der zweitgrößte Flughafen des Landes in direkter Nachbarschaft macht diesen Standort für uns ideal“, erklärt Nicola Leibinger-Kammüller. Sie zeigt die Besonderheit der Demofabrik im Vergleich zu bisher üblichen Showrooms auf: „Im Gegensatz zu den klassischen Vorführzentren, bei denen der Schwerpunkt auf Einzelmaschinen liegt, stellen wir hier in Chicago den gesamten Prozess mit Material- und Informationsfluss in den Fokus. Das Zusammenspiel von Menschen, Maschinen, Lagertechnik, Automatisierung und Software möchten wir für unsere Kunden auf diese Weise erlebbar machen.“

Die Fertigungslinie ist so aufgesetzt, dass sich komplette reale Produktionsprozesse durchführen lassen, was bedeutet, dass Kunden in Chicago eigene Aufträge einlasten können. Tatsächlich ist in der neuen Smart Factory ausnahmsweise geplant ab und an im Kundenauftrag zu fertigen. Hier sieht man eine Win-Win-Situation: Kunden, die sich beispielsweise kurzfristig Fertigungsengpässen gegenüber sehen, können auf den Maschinenparkt der Demofabrik zurückgreifen und andersrum hat Trumpf in der Smart Factory so immer einen „echten“ Anwendungsfall zum Zeigen für andere Kunden, aber auch eine „Spielwiese für unsere Entwickler, die es uns ermöglicht im Live-Betrieb unsere neusten Lösungen zu erproben und Ideen zu sammeln, was alles noch fehlt, um eine autonome Fabrik zu erreichen“, wie es Prokop im Exklusiv-Interview mit Blechnet-Redakteurin Frauke Finus beschreibt. Zielgruppe der Smart Factory sind kleine und mittelgroße Lohnfertiger. Ihre Anforderungen und die Erkenntnisse aus deren Produktion werden gesammelt und den zentralen F&E-Bereichen der Trumpf-Gruppe zur Verfügung gestellt.

Control Room ermöglicht Überblick über die Produktion

Die digitalen Angebote der Ditzinger sollen immer stärker zum Umsatz beitragen. „Wir rechnen in den nächsten Jahren bei den Softwarelösungen mit einem Anstieg von derzeit 20 auf 200 Mio. Euro“, erklärt Dr.-Ing. Mathias Kammüller, Chief Digital Officer und Trumpf-Geschäftsführer. Das Unternehmen geht davon aus, dass durch die intelligente Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette die Durchlaufzeiten der eigenen Produkte um 30 % reduziert werden können. Außerdem sei das Ziel, dass die Maschinen material- und energieschonender sowie fehlerärmer arbeiten. „Unser Ziel ist es, dass Maschinen in Zukunft nicht mehr stillstehen, dass immer genügend Material vorhanden ist, dass alle Anlagen bestmöglich ausgelastet sind und auch aus der Ferne bedient werden können“, erklärt Leibinger-Kammüller weiter. Und aus der Ferne soll nicht nur eine Bedienung, sondern vor allem auch eine Kontrolle möglich sein. So ist in der Demofabrik der sogenannte Control Room der Dreh- und Angelpunkt. Wie in einem Flughafentower hat man hier den vollen Überblick über das Geschehen in der Fertigung. Die Schaltzentrale mit großen Displayflächen stellt in Echtzeit Prozesskennzahlen aus der laufenden Produktion zur Verfügung. Neben dem Control Room hilft der sogenannte Skywalk, der die 55 m lange Halle überspannt, die Produktionsanlagen in Chicago mit ihrem Material- und Informationsfluss als Gesamtsystem zu begreifen und zu erleben. In der Smart Factory ist die gesamte Prozesskette Blech von der Beauftragung über die Konstruktion und Herstellung bis zur Auslieferung intelligent verkettet. Software-seitig hat man die hauseigenen Lösungen Tru Connect und Axoom integriert. Unter dem Namen Tru Connect sind bei Trumpf die Industrie-4.0-Angebote subsummiert. Die Tochter Axoom versteht sich als digitale Geschäftsplattform mit maßgeschneiderten Bausteinen entlang der Wertschöpfungskette, die dabei herstellerunabhängig agiert. „Es geht aber nicht nur um Datentransport, sondern auch um Materialtransport. Drum zeigen wir hier in Chicago auch unsere aktuellsten Automatisierungskomponenten“, wie Prokop weiter ausführt. Installiert sind in Chicago neben einem Hochregallager von Stopa die neusten Maschinen zum Stanzen, Laserschneiden und -schweißen, Markieren, Biegen sowie auch ein 3D-Drucker (unter anderem ein Tru Laser Center 7030, eine Tru Bend 7036, eine Tru Disk 8001, eine Tru Laser Weld 5000 und eine Tru Matic 6000).

Er weist außerdem auf eine neue Lösung in Sachen Tracking hin. „Das sogenannte Indoor-GPS zeigt dem Maschinenanwender und auch den Systemen jederzeit welches Teil sich wo befindet. Das erspart dem Anwender große Suchaktionen innerhalb der Fertigung.“ Tobias Reuther, Director der Smart Factory in Chicago, ergänzt: „Viele unsere Kunden weltweit investieren jährlich viel Geld und Zeit, um in ihrer Fertigung Material zu suchen und an den richtigen Ort zu transportieren.“ Im Control Room können neben Live-Kamera-Bildern aus den Anlagen auch auf einem Display die blauen Bubbles der getrackten Werkstücke in Echtzeit verfolgt werden. „Es können Platinen, einzelne Werkstücke oder auch Transportwagen mit diesem kleinen blauen Kunststoffkästchen versehen werden, das die GPS-Ortung ermöglicht“, erklärt Reuther weiter und hält genau dieses hoch, das mit einem Aufkleber „Trumpf Localization System“ versehen ist.

Warnung vor protektionistischen Tendenzen

Vor allem richtet sich die Demofabrik an US-Kunden, aber es soll auch für deutsche Kunden die Möglichkeit geben, den Standort Chicago zu besuchen. Nach und nach sollen auch die Showrooms anderer Standorte weltweit in Demofabriken in dieser Chicagoer Art umgewandelt werden. Prokop erklärt dazu. „Wir werden dieses Konzept Stück für Stück weltweit ausrollen. Vermutlich wird der nächste Standort China sein.“ In den USA hatte man bei der Errichtung des Technologiezentrums keine Hindernisse zu bewältigen, freut sich Prokop. „Es gab keinerlei Restriktionen. Man hat uns hier sehr stark unterstützt. Wir haben in sehr kurzer Zeit eine Baugenehmigung erhalten und sahen uns keinerlei Einschränkungen gegenüber, wie wir das Gebäude zu erstellen haben.“ Tatsächlich kam die Frage von Blechnet-Redakteurin Frauke Finus nach den eventuellen Hindernissen nicht von ungefähr. Die Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller nutzte ihre Eröffnungsrede vor den rund 250 geladenen Gästen, um ihre Position in der politischen Gegenwart zu verdeutlichen. „Trotz der hervorragenden Geschäfte teilen wir manche Sorge, was die Ausgestaltung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den USA angeht. Wir glauben: Alle politischen Signale, die auf Abschottung gegenüber anderen Märkten setzen, die vor allem fremde Handelsüberschüsse kritisieren, anstatt sich einmal mit der hohen Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte auseinanderzusetzen, sind Gift für Investitionen. Dies gilt auch für die Ankündigung protektonischer Maßnahmen. Unsere Industrie braucht freie Märkte wie der Mensch die Luft zum Atmen!“

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