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Exklusivinterview Effekte der Corona-Pandemie auf die metallverarbeitende Industrie

Redakteur: M.A. Frauke Finus

Die Corona-Pandemie beschäftigt die Welt nun bald schon ein Jahr. In Deutschland rollt die zweite Infektionswelle. Im exklusiven Gespräch mit Blechnet wirft ein deutscher KMU einen Blick auf die Effekte der Corona-Pandemie in der metallverarbeitenden Industrie.

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Matthias Remmert, Geschäftsführer der Remmert GmbH.
Matthias Remmert, Geschäftsführer der Remmert GmbH.
(Bild: Remmert)

Remmert ist Experte für Lager- und Logistiksysteme für die Blechbearbeitung. Matthias Remmert ist der Geschäftsführer der Remmert GmbH. Im exklusiven Gespräch mit Blechnet wirft er einen Blick auf die Corona-Lage.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der metallverarbeitenden Industrie ein?

Wie in den meisten anderen Branchen ist Corona auch hier das alles beherrschende Thema. Für die metallverarbeitende Industrie ist das eine wirklich ernste Sache. Schließlich war der Maschinen- und Anlagenbau schon vor der Pandemie von einer Stagnation des Geschäfts betroffen. Dennoch leiden die Betriebe unterschiedlich stark darunter. Baunahe Branchen sind zum Beispiel noch in einer Art Höhenflug, während andere wie die Lohnfertigung teilweise mit massiven Auftragseinbrüchen zu kämpfen haben. Lohnfertiger sind verständlicherweise sehr preisgetrieben. Es geht um Schnelligkeit und Flexibilität bei immer kleiner werdenden Losgrößen. Dieser Trend zeichnet sich bereits seit einigen Jahren ab und wird sich auch künftig weiter fortsetzen. Damit steigen natürlich auch die Anforderungen an die Betriebe. Um kostengünstig zu arbeiten, müssen sie eine maximale Auslastung in der Fertigung garantieren und das ist bei den sinkenden Auftragszahlen schwierig. Daher ist die aktuelle Lage für sie besonders heikel.

Welche Änderungen haben sich durch die Corona-Pandemie ergeben, insbesondere im Hinblick auf die Arbeitsweisen?

Corona hat geradezu einen Schub in Richtung Digitalisierung ausgelöst. Mobiles Arbeiten und Home-Office wurden innerhalb weniger Tage zur Selbstverständlichkeit. Nach dem Lockdown haben beispielsweise rund 85 Prozent unserer Mitarbeiter von zu Hause aus gearbeitet. Unternehmen, die nicht rechtzeitig digitale Strukturen geschaffen haben, standen somit vor großen Herausforderungen, um ihr Geschäft weiter am Leben zu erhalten. Denn diese Not wirkte sich natürlich auch auf das Kundengeschäft aus. Infolge der Pandemie ist ein erheblicher Mehrbedarf an Remote Services entstanden. Aus Erfahrung wissen wir, dass rund 85 Prozent aller Kundenanfragen über Remote Services gelöst werden können. In unserem Unternehmen stellen wir deshalb bis zu acht Mitarbeiter eigens dafür ab, die Anfragen von Kunden zu beantworten. Diese können sich weltweit rund um die Uhr in das System einwählen und sich direkt an die Experten wenden. Allerdings passt ein solcher Ansatz nicht zu jedem Unternehmen und je nach vertrieblicher Ausrichtung, ist es schwierig, für alle Mitarbeiter ein Home-Office-Konzept zu bieten. Daher ist es nun mehr denn je notwendig, neue Wege für ein effizientes Arbeiten zu finden. Aus unserer Erfahrung können wir Unternehmen nur empfehlen, umzudenken und zu digitalisieren. Eine Möglichkeit ist beispielsweise Produkte digital zu vertreiben und Services über digitale Kanäle anzubieten.

Welche neuen Herausforderungen sind in den vergangenen Monaten entstanden?

Die Pandemie kam so plötzlich und hat alle großen Abteilungen in den Unternehmen beeinflusst. Eine zentrale Schwierigkeit war somit die Lieferketten aufrechtzuerhalten, um beispielweise den Nachschub an Teilen sicherzustellen und weiter fertigen zu können. Dafür ist ein wirklich gutes, notfallerprobtes Netzwerk aus verlässlichen Partnern notwendig. Eine weitere Herausforderung war die Fortführung der Vertriebs- und Servicetätigkeiten. Die wenigsten Unternehmen finden ihr Geschäft direkt vor der Tür, sondern sind international aktiv und müssen daher auch bei ihren Kunden sein. Das war aber insbesondere zu Anfang von Corona nicht machbar. Ohne etablierte Remote-Strukturen und Partnern vor Ort wäre es uns nicht möglich gewesen, unsere Projekte fortzuführen. Videocalls haben sich ebenfalls als effektives Mittel bewährt. Dennoch wurden einige Projekt gestoppt, die nun nach und nach wieder aufgenommen werden.

Geben Sie bitte einen Überblick zu den Auswirkungen in verschiedenen Märkten weltweit. Welche sind von den Restriktionen am stärksten betroffen?

Die Auswirkungen der Pandemie und die entsprechenden Reaktionen darauf fallen sehr unterschiedlich aus. In manchen Ländern gelingt die Konsolidierung des Geschäftsbetriebs besser als in anderen. In der DACH-Region kommen wir verhältnismäßig gut mit dem Virus zurecht und die Produktion läuft vielerorts weiter. Gerade hier sehen wir daher ein großes Potenzial, im Rahmen der Automatisierung weitere neue Projekte und Möglichkeiten zu realisieren. In Asien und den USA gestaltet es sich hingegen schwieriger, das Geschäft aufzunehmen und voranzutreiben. China nimmt zwar wieder an Fahrt auf, die USA sind jedoch nach wie vor nah am totalen Stillstand. Das liegt auch daran, dass die Reisemöglichkeiten sehr beschränkt sind. Wir hoffen, dass sich die Lage bald entspannt und auch in Übersee wieder Geschäftstreffen möglich sein werden.

Können Sie eine Einschätzung zu den kommenden Monaten abgeben? Wie wird sich die Branche verändern und welche Maßnahmen werden sich langfristig durchsetzen?

Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit werden voraussichtlich lange nachwirken – sowohl was die Defizite anbelangt, die dadurch aufgedeckt wurden, als auch die positiven Erfahrungen. Digitalisierung sowie flexible und agile Prozesse im Remote-Modus werden eine viel größere Bedeutung im Workflow auch kleiner und mittelgroßer Unternehmen erlangen, sofern diese gut durch die Krise kommen. Daher gehe ich davon aus, dass die Digitalisierungsbestrebungen auch in der metallverarbeitenden Industrie in den kommenden Monaten zunehmen werden. Das wird beispielsweise einzelne Prozesse bedingen, die die Wertschöpfung direkt betreffen und verbessert werden können, sodass sie den neuen Anforderungen in puncto Schnelligkeit und Flexibilität entsprechen. Aber auch in Bezug auf etablierte Verkaufsprozesse sehe ich Veränderungen auf viele Unternehmen zukommen. Künftig werden wir alle wesentlich digitaler und online-affiner sein müssen. Hier wird es zusätzlich einen verstärkten Bedarf an entsprechend qualifizierten Fachkräften sowie operativen Kapazitäten geben – vor allem Prozessautomatisierung durch Künstliche Intelligenz und Machine Learning wird in weiten Teilen der Branche zu einem wichtigen Thema, weil sich dadurch ein Optimum an Flexibilität bei gleichbleibend hohen Prozessstandards realisieren lässt.

Natürlich wird es auch Unternehmen geben, die die Krise nicht überwunden haben. Der Markt wird daher vermutlich etwas ausgedünnt sein. Trotzdem erwarte ich in Bezug auf den wirtschaftlichen Charakter des Maschinen- und Anlagenbaus keine größeren Veränderungen.

Welchen Rat kann Remmert Unternehmen mit auf den Weg geben, um ihre Produktivität, trotz der veränderten Arbeitsumstände, aufrechtzuerhalten bzw. zu steigern?

Mein Rat an Unternehmen wäre, dass sie dringend digitalisieren und automatisieren sollten. Insbesondere in der metallverarbeitenden Industrie und der Intralogistik hat sich dieser Trend ja bereits abgezeichnet und ich bin mir sicher, dass er sich auch nach Corona fortsetzen wird. Unternehmen erhalten damit auch ein Stück Sicherheit gegenüber ihren Kunden. Denn wenn entsprechende Strukturen einmal geschaffen sind, lassen sich Engpasssituationen, wie sie durch Corona entstanden sind, bestmöglich auffangen. Wir als Remmert haben in den vergangenen fünf Monaten die Zeit genutzt, um das Konzept der Smart Factory weiter auszubauen und zu optimieren. Dadurch sind wir in puncto Materialfluss so aufgestellt, dass wir auch kurzfristige Peaks und Schwankungen des Bedarfs flexibel und anforderungsgerecht souverän managen können.