Suchen

China Market Insider „Goldenes Zeitalter” für Chinas Werkzeugmaschinen trotz Corona?

| Autor / Redakteur: Henrik Bork / Benedikt Hofmann

In China sind die langfristigen Aussichten für die Werkzeugmaschinen-Branche unverändert gut. Außerdem befinden sich Cobots in China auf dem Vormarsch.

Firmen zum Thema

Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
Unter dem Titel „China Market Insider“ berichtet der MM Maschinenmarkt ab jetzt regelmäßig aus dem chinesischen Markt.
(Bild: ©vegefox.com - stock.adobe.com)

Das Coronavirus hat Chinas Werkzeugmaschinen-Industrie schwer getroffen, bislang aber relativ wenig an wichtigen Trends und Zukunftsprognosen für die Branche verändert. So lassen sich jüngste Daten und Analysen von Marktkennern im weltweit größten Markt für Werkzeugmaschinen zusammenfassen.

Nun erstmals vorliegende Zahlen für das erste Quartal dieses Jahres bestätigen, dass die Hersteller von Werkzeugmaschinen in China als Teil einer Schlüsselbranche für die fertigende Industrie von den Fabrikschließungen und anderen Quarantänemaßnahmen außerordentlich hart getroffen worden sind. Gleichzeitig sagen Industriebeobachter der Branche in der Volksrepublik noch immer ein „goldenes Zeitalter” voraus, vor allem wenn sie sich als Reaktion auf Corona noch entschiedener der nötigen digitalen Transformation und Qualitätssteigerung stellen wird.

Wie nicht anders zu erwarten war, sind die Daten für das erste Quartal verheerend. Während in den Autofabriken die Bänder stillstanden und auch in anderen Werken in China von Januar bis März dieses Jahres die Lichter ausgingen, konnten auch die Werkzeugmaschinenbauer nicht viel umsetzen. Die akkumulierten Betriebsergebnisse der chinesischen Werkzeugmaschinenindustrie sind Angaben der Nationalen Statistikbehörde in Peking zufolge in den drei Monaten um 20,8 % im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Die akkumulierten Gewinne sanken im gleichen Zeitraum sogar um 31,3 %, wieder im Vergleich zum Vorjahr.

Konjunkturabschwung sei das wesentliche Thema dieses Jahres, zitierte Maschinenmarkt (China) in einer Analyse den Sprecher der China Machine Tool and Tool Builders Association. Gleichzeitig habe sich am grundlegenden Potential der Branche nichts geändert. „China hat mit einer Bevölkerung von 1,4 Mrd. den Vorteil eines großen Marktes, ein komplettes Ökosystem der fertigenden Industrie und starke wirtschaftliche Widerstandskraft”, schreibt der Werkzeugmaschinenverband.

Keiner der Analysten, auch nicht Chinas Industrieverband selbst, verharmlost die aktuellen Schwierigkeiten der Branche, die von Corona-bedingt einbrechender Nachfrage in Chinas Exportmärkten bis hin zu akuten Engpässen in den Wertschöpfungsketten reichen. Corona verursache Beschaffungsprobleme bei „importierten Highend Schlüsselkomponenten wie CNC-Systeme, rationale Lineargeber, optische Encoder, Präzisionslager und anderen Teilen”, beklagte der Verband.

Doch China sei noch immer weltweit führend beim Verbrauch, bei der Produktion und beim Import von Werkzeugmaschinen, und seine Exporte rangierten weltweit an vierter Stelle, betonen Marktbeobachter. Und unter den Konjunkturmaßnahmen der Pekinger Zentralregierung befinden sich auch gezielte Förderungen für eine beschleunigte Digitalisierung der fertigenden Industrie des Landes unter dem Stichwort „Neue Infrastruktur”.

Viele Analysten sehen daher langfristig weiterhin großes Potential in Chinas Werkzeugmaschinenmarkt, besonders was den qualitativ hochwertigen Teil der Industrie betrifft. Die nächsten zehn Jahre könnten „eine goldene Dekade für die digitale Fertigung von Werkzeugmaschinen” werden, zitiert MaschinenMarkt (China) den Siemens-Manager Yang Dahan, dessen Geschäftseinheit chinesische Herstellern in China bei der Digitalisierung unterstützt.

Schon seit etwa zwei Jahren befände sich der Werkzeugmaschinenmarkt in China genauso wie die gesamte Branche weltweit im Abschwung, so der Experte von Siemens, doch der Nachfragerückgang betreffe vor allem „einfache, billige CNC-Maschinenwerkzeuge mit niedriger Präzision”. “Die Nachfrage für Highend-Werkzeugmaschinen wächst hingegen ganz gegen den Trend”, sagt Yang.

Schön sei der Trend deutlich, dass sich die Exporte der chinesischen Werkzeugmaschinenindustrie immer weiter von ärmeren Ländern in Richtung auf den europäischen Markt verschieben, sagt der Siemens-Manager. Chinesische Werkzeugmaschinenbauer gehören schon jetzt zu den Zulieferern von Top-Herstellern in der Automobilindustrie und anderen Schlüsselindustrien in Europa.

Es sei absebar, sagen übereinstimmend viele Analysten, dass die Corona-Krise den digitalen Transformationsdruck auf Chinas Werkzeugmaschinenhersteller weiter erhöhen wird.

Cobots in China auf dem Vormarsch

Einer Branche explosives Wachstum vorherzusagen ist dieser Tage selten geworden. Für die Hersteller von Cobots - mit Menschen kollaborierenden Robotern - aber scheinen in China gerade gute Zeiten zu beginnen. Bis 2023 werde China seinen Anteil am weltweit schnell wachsenden Markt für Cobots von einem Drittel auf rund 50 % ausbauen, sagt das Fachmedium „Robotics Business Review” in einer Anfang Mai veröffentlichten Analyse voraus.

Die Prognosen sehen den weltweiten Markt für Cobots von rund 567 Mio. US-Dollar im Jahr 2018 auf 5,6 Mrd. US-Dollar im Jahr 2027 wachsen, was einer Verzehnfachung innerhalb eines Jahrzehnts gleichkäme. Besonders in der Automobilindustrie und der Elektronikindustrie gibt es Bedarf für die sozialen Maschinen, und auch die Logistik-Branche entdeckt zunehmend die Nützlichkeit von Cobots.

Während komplette Automatisierungslösungen in der Regel hohe Kosten verursachen, sind Cobots durch die teilweise Steuerung von Menschenhand viel günstiger. Sie haben noch Knöpfe und Steuermenüs, für die kein halbes Ingenieurstudium erforderlich ist, sind teilweise sogar von schnell angelernten Facharbeitern problemlos bedienbar.

China ist noch immer die „Werkbank der Welt” und gleichzeitig der weltweit größte Markt für Industrieroboter. Viele Hersteller sehen, dass sie ohne Automatisierung und Digitalisierung nicht wettbewerbsfähig bleiben können, scheuen jedoch oft vor den nötigen Investitionen zurück, unter anderem wegen eines Mangels an Experten. Cobots hingegen verzeichnen schon seit Jahren ein überdurchschnittliches Absatzwachstum in China, und dieser Trend wird den Vorhersagen von Analysten zufolge auch in den Zeiten von Corona weiter anhalten.

Zwischen 2014 und 2018 habe Chinas Cobot-Industrie ein kumulatives jährliches Wachstum von 65 % gesehen, berichtete die regierungsnahe „China Daily”. Im Jahr 2018 wurden in China 6,320 Cobots für einen Marktwert von 930 Mio. Yuan (rund 120 Mio. Euro) abgesetzt. Auch wenn sich das Wachstum wegen Corona nicht schon schon in diesem Jahr verdoppeln mag, wie vor der Krise von Analysten vorhergesagt wurde, ist weiter von einem starken Wachstum auszugehen.

Chinas Regierung unterstützt eine Reihe von Industrien massiv in ihren Automatisierungsbemühungen. Und auch die Hersteller von Cobots profitieren von der helfenden Hand des Staates. Mindestens 65 „Roboter-Industrieparks” sind bereits in allen Teilen des Landes errichtet worden. In der Folge der Corona-Krise hat Peking angekündigt, als Teil ihrer Konjunkturmaßnahmen noch aggressiver als bisher in neue Technologien zu investieren. Roboter stehen mit auf der Liste.

Seitenblick: Helme werden Pflicht, es gibt bloß nicht genug davon zu kaufen

Zur Zeit wäre man gerne eine Hersteller von Fahrradhelmen in China. Über Nacht hat Chinas Regierung alle Fahrer von Elektrorollern mit einer Helmpflicht überrascht. Es gibt 300 Mio. Elektroroller-Besitzer, und bei weitem nicht genug Helme zu kaufen.

Dieser neue Ukas der Zentralregierung erinnert viele an die plötzlich im Zuge der Coronakrise eingeführte Maskenpflicht Anfang dieses Jahres, als es bei weitem nicht genug Masken zu kaufen gab. Manche Chinesen banden sich in ihrer Not Chinakohlblätter mit Löchern für Augen und Nase vors Gesicht, um nicht denunziert oder gemaßregelt zu werden.

Bei den Helmen machen derzeit pfiffige Händler das Geschäft ihres Lebens, etwa Wang Zhenxiang in Shanghai, der sich einem Bericht der „South China Morning Post” zufolge Hunderte von Helmen für einen Stückpreis 30 Yuan (4,5 Euro) besorgt hat, die er nun im Einzelhandel für 85 Yuan (11 Euro) pro Stück weitervertickt.

* Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Beijing. China Market Insider ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

(ID:46611484)