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Organisationsentwicklung

Produktionssysteme lassen sich nur in ganzheitlicher Betrachtung lean gestalten

| Autor/ Redakteur: Bodo Wiegand / Jürgen Schreier

Lean Management heißt „Werte ohne Verschwendung schaffen“, also Leistungen ohne überflüssige Aktivitäten bereitzustellen. Dabei geht es darum, das bestehende System aus zwei Perspektiven zu verbessern: aus Sicht des Kunden, dessen Wünsche nach Verfügbarkeit, Individualität, Qualität und Preisgestaltung es möglichst zu erfüllen gilt, und aus Sicht des Unternehmens selbst, das profitabel funktionieren muss.

Bild 1: Die klassische Darstellung eines Wertstromes zeigt den Produktionsablauf im Detail und führt häufig zu bisher ungekannter Transparenz.
Bild 1: Die klassische Darstellung eines Wertstromes zeigt den Produktionsablauf im Detail und führt häufig zu bisher ungekannter Transparenz.
( Archiv: Vogel Business Media )

Lean Management wird inzwischen weltweit in nahezu allen Branchen erfolgreich angewendet und bezieht auch andere Geschäftsbereiche ein. Viele Unternehmen haben Lean Projekte aufgesetzt und Produktionssysteme eingerichtet, die das Toyota Production System zum Vorbild haben. Indem der Fokus auf den Wertstrom gerichtet wird, entsteht ein ganzheitliches Produktionssystem, das die Konkurrenzfähigkeit steigert.

Die Basis von Lean Management-Aktivitäten sind die fünf Kernprinzipien, die die Leitlinien für die Überprüfung des bestehenden Systems bilden:

1) Den Wert aus Sicht des Kunden definieren: Genau zu prüfen, was produziert werden soll, und die Produkte exakt auf die Bedürfnisse des Kunden abzustimmen, ist ein wichtiger erster Schritt. Der Kunde soll zur richtigen Zeit am für ihn richtigen Ort das auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Produkt in der bestmöglichen Qualität zu adäquaten Preisen bekommen. Diese hohe Kundenorientierung klingt unmöglich, kann aber mit Lean Management geleistet werden.

2) Den Wertstrom identifizieren: Der Wertstrom beschreibt alle Aktivitäten, die zur Herstellung des Produktes oder der Dienstleistung erforderlich sind. Die Konzentration auf diese wertschöpfenden Prozesse vermeidet Verschwendung und unterstützt die Ausrichtung auf die Kundenbedürfnisse.

3) Das Fluss-Prinzip umsetzen: Der kontinuierliche und geglättete Fluss der Produktion ist ein wichtiges Prinzip des Lean Management. In vielen Unternehmen wird in den Abteilungsgrenzen optimiert, doch führt diese Denkweise nicht unbedingt zum Optimum. Schaut man aus der Produktsicht und fährt sozusagen Huckepack durch das Unternehmen, stellt man die vielen Stopps in Form von Zwischenlagern und Pufferbeständen fest. Aus dem Blickwinkel des Lean Managements sind hier vielfach erhebliche Verbesserungspotenziale verborgen. Wenn es gelingt, Engpässe zu beseitigen, die Produktion zu harmonisieren und auf den Wertstrom auszurichten und möglichst kleine Lose kontinuierlich fließen zu lassen, dann ist eine wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen, die Fertigung flexibel, auftragsbezogen und effizient zu steuern.

4) Das Pull-Prinzip einführen: In vielen Unternehmen wird produziert, was das Zeug hält, weil Maschinen ausgelastet werden sollen. Doch wenn das Unternehmen auf den Kunden ausgerichtet ist und der Wertstrom nach dem Fluss-Prinzip organisiert wird, muss erst dann produziert werden, wenn der Kunde bestellt oder die Bestände ein Minimum erreicht haben. So ist auch ohne Terminjagd und Überstunden eine 100-prozentige Liefertreue erreichbar. Außerdem kann häufig die Fertigungsplanung auch personell entlastet werden.

5) Perfektion anstreben: Da sich die Rahmenbedingungen laufend wandeln und auch schlechte Gewohnheiten schnell wieder einspielen, ist es wichtig, in einem Lean Production System für kontinuierliche Verbesserung zu sorgen. KVP, der „Kontinuierliche Verbesserungsprozess“, oder Punkt-Kaizen sind Methoden, mit denen die Mitarbeiter fortlaufend dazu aufgefordert werden, die Abläufe zu hinterfragen und Ideen einzubringen.

Häufig werden einzelne Verbesserungsansätze, wie etwa Rüstanalysen oder 5-S-Maßnahmen, bereits als Lean Management missverstanden. Lean geht über solche punktuellen Ansätze hinaus und betrachtet das Gesamtsystem. Dazu setzt Lean Management auf der Prozessebene, dem Wertstrom, an. Mit Hilfe von speziellen Analysemethoden werden die Zusammenhänge transparent dargestellt, um den Blick auf Potenziale frei zu machen.

Wertstromanalyse als Kern

Mit der Wertstromanalyse werden die Prozesse schematisch dargestellt. Das Bild des Ist-Zustandes, das dabei entsteht (Bild 1), macht die einzelnen Prozesse transparent und zeigt den Gesamtzusammenhang des Produktionsablaufes auf. So werden die häufig versteckten Unwirtschaftlichkeiten erkennbar, zum Beispiel Bestände, Nacharbeiten aufgrund mangelnder Qualität, unnötige Wege aufgrund falscher Layoutplanung oder Verschwendung durch Aktivitäten, die keinen Beitrag zur Wertschöpfung leisten.

Hier setzt Lean Management an. Um die identifizierten Verbesserungspotenziale zu nutzen, werden Maßnahmen entwickelt. Dafür stehen eine Reihe einfacher Methoden zur Verfügung, etwa das Kanban-System oder der Einzelstückfluss (one piece flow).

Die Verbesserungsvorschläge werden zunächst schematisch auf Papier in die Abläufe eingearbeitet, so dass die Auswirkungen auf das Gesamtsystem überprüft werden können (Bild 2). Die Fertigungen kann man dann mit Simulationsspielen im künftigen Zustand nachbilden. Danach können die Veränderungen umgesetzt werden. Ziel ist es, die Prozesse stabil zu gestalten, so dass die Mitarbeiter sie beherrschen und bei Störungen richtig reagieren. Dazu setzt Lean Management stark auf Visualisierung, um den Mitarbeitern die Anwendung der Methoden zu erleichtern.

Messbare Effekte

Mit den Lean Methoden werden messbare Effekte erzielt. So verringert sich die Durchlaufzeit meist um die Hälfte und damit auch die Bestände. Zugleich führen die stabileren Prozesse dazu, dass die Produktivität der Fertigung steigt und die Produktqualität. Außerdem kann flexibler auf die Kundennachfrage reagiert werden. Nicht zuletzt sinken die Kosten, weil die Ressourcen und Potenziale besser genutzt werden. MM

Dr. Bodo Wiegand ist Leiter des Lean Management Instituts in 52074 Aachen, Tel. (02 41) 89 49 99 93, Fax (02 41) 89 49 99 94, info@lean-management-institut.de.

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