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Fallstudie Von Brasilien aus hat Schuler den Weltmarkt im Visier

| Autor / Redakteur: Nikolaus Fecht / Stéphane Itasse

Der Standort von Prensas Schuler S.A. in der Großstadt Diadema ist strategisch günstig gelegen: südlich von São Paulo in der Nähe eines Flughafens und nur wenige Kilometer vom Hafen von Santos. Dies ist für das Überleben von entscheidender Bedeutung.

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Mechatronik in Reinkultur, ob in Deutschland oder Brasilien: Die Schuler-Mitarbeiter beherrschen das logistische Puzzle, das Kennzeichen bei der Montage komplexer Maschinenteile.
Mechatronik in Reinkultur, ob in Deutschland oder Brasilien: Die Schuler-Mitarbeiter beherrschen das logistische Puzzle, das Kennzeichen bei der Montage komplexer Maschinenteile.
(Bild: Prensas Schuler/Koiti Photos 2019)

Die schweren Umformmaschinen und Bauelemente gehen hauptsächlich in den Export. Im Jahr 2004 lag die Exportquote bei 92 %, in den letzten drei Jahren durchschnittlich bei mehr als 70 %. In der Fabrik sind rund 500 Mitarbeiter tätig, von denen – für Brasilien ungewöhnlich – im Ingenieurbereich 75 % Englisch und 15 % Deutsch sprechen. Unterstützt wird das Werk von 30 externen Lieferanten, mit deren Hilfe Schuler auch Schwankungen in der Auftragslage kompensiert. Dies ist aufgrund des volatilen brasilianischen Marktes notwendig.

Der Göppinger Schuler-Konzern folgte seinen Stammkunden mit der Gründung der Prensas Schuler S.A. im Jahr 1965. „Wir sind mit der Automobilindustrie nach Brasilien gekommen“, erläutert CEO Paulo G. Tonicelli. „Das war die richtige Entscheidung, denn wir haben das Werk in der großen, wichtigen Industrieregion im Großraum São Paulo errichtet.“ In den frühen 1960er-Jahren wollte die brasilianische Regierung die Automobilindustrie stärker positionieren.

Nähe zur Autoindustrie bringt Schuler einen Startvorteil

Schuler folgte diesem Trend und Diadema erwies sich aufgrund der Nähe zu den Werken von Ford, GM, Mercedes und VW, dem brasilianischen Zentrum der florierenden Automobilindustrie, als idealer Standort. Die Standortentscheidung erwies sich als richtig, die Umformpressen wurden von den brasilianischen Werken gut angenommen. 1974 bestellte Fiat Brasilien 53 Großpressen, es folgten weitere Großaufträge aus dem Ausland.

Seitdem hat das Werk rund 1500 Pressen unter anderem für Fiat Chrysler, Ford, GM, VW und deren Zulieferer sowie für andere Branchen entwickelt und gebaut, von denen rund 40 % exportiert wurden. In Diadema werden in Zusammenarbeit mit dem Schuler-Konzern alle gängigen Umformsysteme für die gesamte Prozesskette vom Coil bis zum End of Line geliefert, einschließlich Automatisierung, kompletten Projektmanagements und Transportlogistik. Das Spektrum reicht von der Kniehebelpresse bis zur hochautomatisierten Servopresse, die heute Stand der Technik bei der Herstellung von Leichtfahrzeugkarosserien ist.

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Prensas Schuler leitete das Exportgeschäft während der Ölkrise der 80er-Jahre ein, die auch die heimische Automobilindustrie betraf. Als Überlebenskünstler erwiesen sich die Brasilianer, denen es auch gelang, in den US-Markt einzusteigen, indem sie unter anderem eine spezielle Finanzierung für Kunden ermöglichten. Das Unternehmen hat frühzeitig mit der Auftragsfertigung von XXL-Komponenten begonnen – zunächst in den 1970er-Jahren mit Komponenten für die Stahlindustrie. Im Jahr 2009 gelang Diadema der Einstieg in die brasilianischen Branchen Energie, Öl und Gas, für die das Unternehmen als externer Lohnfertiger Grundplatten, Entladungssysteme und Naben für Windkraftanlagen herstellt.

Pressenanlagen gemeinsam mit den Kunden entwickeln

„Wir sind nicht in der Zone der Serienproduktion, sondern entwickeln gemeinsam mit dem Kunden maßgeschneiderte, ganzheitliche Projekte vom Coil bis zum Ende der Linie – meist in Losgröße eins. All dies geschieht im Rahmen unseres sehr umfangreichen Service, der den gesamten Lebenszyklus einer Anlage abdeckt“, sagt CEO Tonicelli. Direktor Marco Y. Y. Yashiro ergänzt: „Innerhalb des Schuler-Konzerns sind wir online immer auf dem neuesten Stand der Technik und müssen uns als wettbewerbsfähiger Partner im Produktionsnetzwerk beweisen.“

Der Schuler-Produktionsverbund mit Werken in Deutschland, China und Brasilien entspricht mit diesem Konzept der Entwicklung vieler Stammkunden aus der Automobilindustrie, die Wert auf gleiche Standards bei Qualität, Entwicklung und Produktion legen. Wie China und Deutschland bedient auch Brasilien seinen Heimatmarkt, das heißt Süd- und Nordamerika. Die Arbeitsteilung erfolgt jedoch oft nach Fachgebieten und Schwerpunkten. Bei der Aufteilung der Aufträge eines Projekts ist es in erster Linie das Unternehmen des Schuler-Konzerns, welches das Beste bei Kosten und verfügbaren Produktionskapazitäten herausholt. So haben Deutschland, Brasilien und China gerade eine Pressenlinie für ein neues Automobilwerk in Vietnam geliefert.

Prensas Schuler auf internationalem Niveau

Prensas Schuler ist längst mehr als nur ein Unternehmen, das die in Deutschland erfundene Technik einfach kopiert und nachbaut. Davon können sich die Besucher bei einem Rundgang durch die L-förmige Fabrik überzeugen, die laut Tonicelli einen sehr guten Prozessablauf für eine flexible Produktion besitzt.

Gesteuert wird die nachhaltige Produktion (ISO 14.001) von einem integrierten Managementsystem mit zertifizierter Qualitätssicherung (ISO 9001). Bemerkenswert ist auch das Arbeitsschutzsystem, dessen Einhaltung das internationale Zertifikat OHSAS 18001 belegt.

Das Projektmanagement, das Tonicelli als „Rückgrat des gesamten Unternehmens“ betrachtet, spielt in Diadema eine wichtige Rolle. Die Konstruktionsabteilung im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes verfügt über die gleiche Ausstattung wie in Deutschland: Die Ingenieure arbeiten an 50 Catia-V6- und 36 Eplan-Systemen. Tonicelli berichtet: „Wir nutzen sogar das gleiche SAP-System wie in Göppingen und sind damit vollständig in den Workflow von Schuler integriert. Deshalb ist Diadema immer online und so ein Teil von Schuler in Deutschland.“ „Aus diesem Grund können wir die gesamte mechanische, elektrische und elektronische Entwicklungsarbeit für neue Pressen sowie für Retrofits übernehmen“, ergänzt Direktor Yashiro.

Gute Schweißer sind auch in Brasilien schwer zu finden

Das Unternehmen fertigt Pressen sowie Maschinenkomponenten in eigener Regie und mit einem hohen Maß an Know-how in der Teilefertigung, wobei die Spezialität das Kopfstück der Presse inklusive Antriebs- und Steuerungstechnik ist. Werksleiter Ivo Savietto Neto berichtet in der Schweißhalle, was XXL bedeutet: „Hier kommen zwei 140-t-Krane zum Einsatz. Wenn das nicht genug ist, kombinieren wir einfach zwei zu einem 280-t-Kran.“ Das Schweißen geschieht zum Teil noch von Hand, aber sehr große Teile werden von zwei Motofil-Robotern bearbeitet. „Es ist sehr schwierig, gute Schweißer in Brasilien zu finden“, erläutert Fabio Avila, Leiter des Bereichs Welding & Machining. „Außerdem arbeitet das Roboterduo bis zu zehnmal schneller.“ Avilas Abteilung arbeitet seit drei Jahren völlig unfallfrei. Die Logistik spielt bei den bis zu 150 t schweren Komponenten eine wichtige Rolle und wird von einer eigenen Abteilung übernommen. Spezielle Lkw transportieren die XXL-Komponenten zum 60 km entfernten Hafen von Santos an der Südostküste. Der Aufwand ist hoch: Während der Tour sehen die Besucher ein hydraulisch angetriebenes Kopfstück, das derzeit alle Funktionen auf einem selbst entwickelten Testsystem überprüft. „Die Komponenten werden dann für den Export demontiert“, berichtet Avila.

Auffällig ist in allen Bereichen die enge Einbindung der Mitarbeiter in den Arbeitsprozess. „Die Mitarbeiter haben selbstständig Software geschrieben, um alle CNC-Programme abzurufen, die sich nun in der Testphase befinden“, sagt der Abteilungsleiter. „Die IT-Abteilung prüft es derzeit und das Feedback der Mitarbeiter war bereits sehr gut.“ Wie sagte doch ein Mitarbeiter während eines Rundgangs: „Am Anfang haben wir die deutsche Technologie kopiert, heute schauen wir jeden Tag, wie wir sie an lokale Lösungen anpassen können.“

* Nikolaus Fecht ist freier Fachjournalist in 45879 Gelsenkirchen

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