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Blechnet trifft ...

... auf Naturgewalten: Ein Gletscherlauf behandelt Stahlträger wie Streichhölzer

| Autor: Frauke Finus

Das Land von Feuer und Eis – so nennen die Isländer ihre Heimat selbst. Und das ist alles andere als aus der Luft gegriffen: Mehrere Gletscher des Landes verbergen unter ihrem meterhohen Eis aktive Vulkane. Und wenn diese ausbrechen, schmelzen die Gletscher auf einen Schlag – ein sogenannter Gletscherlauf entsteht.

Eine Zunge des Vatnajökull-Gletschers schlängelt sich im Südosten Islands den Berg runter.
Eine Zunge des Vatnajökull-Gletschers schlängelt sich im Südosten Islands den Berg runter.
( Bild: Finus )

Island ist flächenmäßig der zweitgrößte Inselstaat Europas und die größte Vulkaninsel der Erde. Sie liegt knapp südlich des nördlichen Polarkreises. Die Vulkanaktivität auf der Insel ist beachtlich, spätestens seit 2010 weißt das eigentlich ganz Europa, denn in diesem Jahr brachte der Vulkan Eyjafjallajökull mit seiner Aschewolke im Rahmen eines Ausbruchs den Flugverkehr in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas zum Erliegen. Die Asche begrub außerdem weite Teile des Landes zentimeterdick unter sich. Die Aufräumarbeiten dauerten mehrere Monate.

Gletscherlauf zerstört Hauptverkehrsader Islands

Doch nicht nur Aschewolken haben verheerende Auswirkungen: Bricht ein unter einem Gletscher liegender Vulkan aus, schmilzt die darüberliegende meterhohe Eisschicht schlagartig und es kann zu einem Gletscherlauf kommen; 1996 ist genau das beim Ausbruch des Grímsvötn passiert. Der Vulkan liegt im Hochland im Südosten von Island unter dem rund 8300 km2 umfassenden Gletscherschild des Vatnajökull-Gletschers verborgen.

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Die damals innerhalb kürzester Zeit entwickelten, ungeheuren Mengen an Schmelzwasser flossen unter dem Eis ab und sammelten sich im zum Vulkan gehörenden subglazialen See, wodurch der Wasserspiegel stark zu steigen begann und schließlich die davor liegende Eisbarriere durchbrochen wurde. Das übrige Eis schwamm auf dem Wasser auf und eine riesige Flutwelle, die aus einer Mischung von Wasser, Eis und Sedimenten bestand, ergoss sich ins Tal Richtung Küste. Der Gletscherlauf strömte damals über die schwarze Schwemmlandebene des Skeiðarársandurs (Sander) und beschädigte dabei mehrere Brücken als Teile der Hauptverkehrsader Islands, der Ringstraße, schwer.

Stahlträger sind den Massen von Eis und Stein nicht gewachsen

Der Gletscherlauf erreichte erst 15 Stunden nach Beginn seinen Höhepunkt und ebbte erst nach zwei Tagen wieder ab. Der Lauf erreichte dabei eine Wassermenge von rund 50.000 m3/sec. Die kolossale Macht der Fluten riss gewaltige Eisblöcke, Geröll und Steine mit sich, die große Schäden an der Ringstraße und den Brücken hinterließen. Die Gígjukvísl-Brücke verschwand völlig. Die Skeiðarárbrú-Brücke wurde erheblich beschädigt, außerdem ihre Dämme und ihre Brückenauffahrten.

Nach Schätzungen wogen die Gletschereisblöcke, die die Gígjukvísl-Brücke erreichten, bis zu 2000 t und waren bis 10 m hoch. Gegen die Massen konnte die einspurige Stahlbalkenbrücke mit 19 Pfeilern nichts mehr aussetzen – nur noch geknickt wie Streichhölzer konnten die Stahlträger aus den Fluten geborgen werden. Heute erinnern die zerstörten Stahlträger an einem Parkplatz an dieses Naturereignis.

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Über den Autor

Frauke Finus

Frauke Finus

Leitende Redakteurin, Redaktion @blechnet.com