Mitarbeiterführung „Macht Eure Betriebe platt!“

Autor: Sebastian Hofmann

Die Corona-Krise ist für viele Betriebe ein Weckruf, das nachzuholen, was sie in den letzten Jahren versäumt haben. Business-Coach Anne M. Schüller erklärt, warum es dafür radikale Methoden braucht.

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„Wir müssen die Chance nutzen, die uns die Krise bietet“ – Management-Coach Anne M. Schueller rät Betrieben: Jetzt radikal neu denken, bevor es zu spät ist!
„Wir müssen die Chance nutzen, die uns die Krise bietet“ – Management-Coach Anne M. Schueller rät Betrieben: Jetzt radikal neu denken, bevor es zu spät ist!
(Bild: Peter.Svec@pixXL.at)

Ein einziger Monat Corona-Lockdown kostet mehr als 14 Mrd. Euro – so viel wie die Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und der neue Berliner Flughafen zusammen. Besonders für den Maschinenbau ist die Pandemie eine Zerreißprobe. Das Virus legt offen, wie viele Unternehmen sich in den letzten Jahren zu wenig um ihre Innovationskraft gekümmert haben. Was Entscheider jetzt tun sollten, darüber hat Blechnet mit Business-Coach Anne M. Schüller gesprochen. Seit 20 Jahren berät sie Unternehmen bei Fragen zu Management und Mitarbeiterführung.

Frau Schüller, für Industriebetriebe ist die Pandemie eine massive Belastung – nicht nur weil die Umsätze stagnieren, sondern auch weil die Innovationsfähigkeit leidet. Wie kommen wir da wieder raus?

Indem wir die Chance nutzen, die die Krise uns bietet! Die Wahrheit ist doch: Viele Unternehmen haben es in den letzten Jahren verpasst, radikal genug zu denken, neue Geschäftsmodelle auf den Markt zu bringen, zu digitalisieren. Statt Disruption hieß es „das haben wir schon immer so gemacht“. Corona ist jetzt ein Weckruf für die Industrie, einen Wechsel einzuleiten. Der Stillstand muss ein Ende haben!

Und wie soll das gehen? Wie locke ich Innovationskraft aus einem Unternehmen, in dem sich die Belegschaft an starre Denk- und Prozessmuster gewöhnt hat?

Unter den Beschäftigten gibt es immer auch Menschen, die Veränderungen anstoßen und treiben wollen – egal wie viele Jahre sie schon in starren Prozessen arbeiten. Ich nenne diesen Mitarbeiter-Typus „Organisationsrebell“. Entscheider müssen das Potenzial dieser Kolleg*innen viel stärker nutzen, zum Beispiel für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

„Organisationsrebell“ klingt aber nicht grade nach dem Menschen, den man für wegweisende Entscheidungen an seiner Seite haben will.

Über das Wort kann man streiten. Sie könnten auch „Freigeist“ sagen oder „Andersmacher“ oder „Gamechanger“. Es ist dieser Typus Mensch, dem Veränderung und Entwicklung im Blut liegen. Der sich nie zufrieden gibt mit bestehenden Produkten und Prozessen. Der sich auch offenen Widerspruch traut, wenn er von einer Sache nicht überzeugt ist.

Woher weiß ich, wer in meinem Team ein Organisationsrebell ist und wer nicht?

Indem Sie sich folgende Fragen stellen: Von wem höre ich nie ein „Nein“, wenn ich ihm eine neue Idee vorstelle? Wer zeichnet sich aus durch seine Aufgewecktheit, durch seine Neugier? Bei wem leuchten die Augen, wenn ich ihn mit einer kreativen Aufgabe betraue? Normalerweise fallen da jedem direkt mindestens zwei, drei Leute ein – und das sind die Organisationsrebellen in Ihrem Team.

Und wie komme ich mit diesen Kolleg*innen jetzt auf neue Geschäftsmodelle?

Indem Sie gemeinsam mit ihnen Ihren eigenen Betrieb platt machen.

Wie bitte?

Natürlich nur im Gedankenspiel! Ich spreche von einem „Kill-the-Company-Workshop“. Dazu laden Sie drei bis fünf Rebellen ein – am besten aus verschiedenen Abteilungen Ihres Hauses. Die Aufgabenstellung lautet: Sie denken aus der Sicht eines konkurrierenden Start-ups Ihrer Branche. Ihr Ziel: Sie wollen Ihrem tatsächlichen Arbeitgeber den Garaus machen. Dafür überlegen Sie gemeinsam: Welche Schwachstellen hat das Unternehmen? Welches Geschäftsfeld greifen Sie an? Welchen Trend nimmt Ihr Start-up auf, den der Mittelständler verschlafen hat? Und so weiter. Lassen Sie es richtig krachen!

Welche Methoden unterstützen mich dabei, möglichst viele Angriffspunkte zu finden?

Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit klassischem Brainstorming und der 6-3-5-Methode. Aber auch Mindmaps und Gruppendiskussionen sind hilfreich. Probieren Sie aus, was für Ihr Team am besten funktioniert. Bei Bedarf können Sie auch mehrere Methoden kombinieren. Zu Ende ist der Workshop dann, wenn Sie mit Ihrem fiktiven Start-up einen groben Angriffsplan geschmiedet haben.

Wie geht die 6-3-5-Methode?

Sämtliche Teilnehmer, in der Regel sechs Leute, schreiben drei mögliche Angriffspunkte auf einen Zettel. Dann rotieren die Zettel im Uhrzeigersinn durch die Gruppe – und zwar fünfmal. Mit jeder neuen Runde ergänzt der nächste Kollege die Ideen der vorherigen Person durch seine eigenen.

Und wie geht es dann weiter?

Je nach Workshop können mehr als 50 Potenziale für Ihr Unternehmen zusammenkommen. Die sortieren Sie jetzt thematisch und priorisieren: Was lässt sich schnell und mit wenigen Ressourcen umsetzen? Das sind die Quick Wins. Die Erfolg-versprechendsten Ansätze diskutieren Sie sie direkt mit potenziellen Kunden: Was müssen Sie noch nachschärfen? Wo sehen die das größte Potenzial? Lohnt sich eine Zusammenarbeit? Wenn ja, legen Sie los! Wenn nein, prüfen Sie den nächsten Ansatz.

Inwiefern können mich Organisationsrebellen in der Umsetzungsphase unterstützen?

Binden Sie sie immer am Anfang eines Projekts ein, bei der Ideenfindung. Für die Umsetzung fehlt diesem Mitarbeiter-Typus meist das nötige Bewusstsein für Details. Hier brauchen Sie die „Regel-Befolger und Pedanten“ aus Ihrem Team.

Und wenn das alles nicht klappt, weil die Prozesse in meinem Betrieb doch zu festgefahren sind: Hilft die Ausgründung eines Innovation Labs?

Es kann helfen. Aber Achtung! Belassen Sie es dann nicht bei einer reinen Ausgründung. Die neu entstehende Kultur müssen sie ins Mutterunternehmen integrieren. Organisieren Sie dazu regelmäßige Stand-ups, Fragestunden und den interdisziplinären Austausch der Kollegen. Dann hat auch dieses Modell Zukunft.

Buchtipp

In Ihrem neuen Ratgeber „Querdenker verzweifelt gesucht“ erklärt Anne M. Schüller, warum die Zukunft von Unternehmen in den Händen unkonventioneller Ideengeber liegt. Sie zeigt, wie Entscheider Organisationsrebellen in ihr Team integrieren können und stellt Methoden vor, mit denen Unternehmen neue Geschäftsmodelle entwickeln und Prozessverbesserungen erzielen können. Das Buch ist im Gabal-Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro.

* Sebastian Hofmann ist Fachredakteur „Job & Karriere“ bei der Vogel Communications Group.

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group