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Siemens / Meusburger

Gerollt biegt sich´s besser: Rollbieger sorgt für perfekten Winkel

| Autor: Frauke Finus

Rollend statt starr – wie man einen 90°-Winkel im Folgeverbundwerkzeug als einstufigen Prozess realisiert, zeigt einen Rollbieger von Meusburger im Einsatz bei Siemens. Der Technologieriese nutzt Normalien aus Österreich für die Fertigung von industrieller Automatisierungs- und Schalttechnik.

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Der Joch als ein Bauteil aus dem Antrieb des Schütz wird bei Siemens in Amberg im Folgeverbund gefertigt.
Der Joch als ein Bauteil aus dem Antrieb des Schütz wird bei Siemens in Amberg im Folgeverbund gefertigt.
( Bild: Siemens, 2019 )

In einem Imagevideo für potenzielle Auszubildende beschreibt sich Siemens als ältestes Start-Up Deutschlands. Und das trifft es vermutlich – das sieht man am Werk in Amberg. Seit über 60 Jahren entwickelt und fertigt Siemens an diesem Standort in der Metropolregion Nürnberg Produkte für den Weltmarkt und ist noch immer Vorreiter am Puls der Zeit. Aktuell ist das Elektronikwerk in Amberg eine Modellfabrik für Industrie 4.0. Schon Bundeskanzlerin Angela Merkel war zu Besuch und hat sich begeistern lassen. Mit über 5.000 Beschäftigten entwickelt und fertigt Siemens am Standort Amberg elektromechanische Schaltgeräte (Schütze, Überlastrelais und Befehlsgeräte) und speicherprogrammierbare Steuerungen. So ein Schütz ist ein elektrisch oder elektromagnetisch betätigter Schalter für große elektrische Leistungen, wie er in Maschinen- und Anlagenbau für jegliche Branchen millionenfach zum Einsatz kommt. Beispielsweise der Systembaukasten mit Namen Sirius bietet ein großes Portfolio an Schaltgeräten mit über 50.000 Kombinationsprüfungen und -zulassungen. Schalt-, Schutz- und Überwachungsgeräte sind in 7 Baugrößen bis 250 kW verfügbar.

In Halle 1 des Gerätewerkes in Amberg werden in einem großen Maschinenpark mit Anlagen unter anderem von Bihler, Haulick+Roos und Bruderer die in der Schalttechnik verbauten Teile aus Kupfer, Stahl, Messing, Edelstahl und Bronze gefertigt. Es wird gestanzt, gebogen, geschweißt, gelötet, genietet, entfettet und natürlich montiert. Im Dreischichtbetrieb werden rund 6.000 t Material pro Jahr verarbeitet.

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Einen Prozessschritt im Folgeverbund eingespart

Darunter ist auch das sogenannte Joch, ein Bauteil aus dem Antrieb des Schütz. „Das Joch fertigen wir im Folgeverbund. Das Werkzeug dazu ist, wie die meisten anderen auch, in unserer eigenen Konstruktion beziehungsweise in unserem eigenen Werkzeugbau entstanden“, berichtet Florian Kellner, zuständig für das Tool Design Production Engineering bei Siemens in Amberg im Gespräch mit Blechnet. Um einen 90°-Winkel des Jochs zu erreichen, war bis dato ein zweistufiger Prozess im Werkzeug nötig. Es musste zweimal auf einer starren Biegekante um 45° gebogen werden, denn „beim einmaligen Stellen waren die Flanken nicht so sauber. Das hat vor allem nach dem Glühen zu Ausschuss geführt,“ erklärt Kellner.

Seit 2014 besteht für den Zukauf von Normteilen für den Stanzwerkzeugbau Kontakt zu Meusburger. „Der Online-Katalog Webshop macht uns das Leben beim Bestellen der Teile leicht. Außerdem ist der Support schnell und gut, wenn wir mal eine Frage haben“, lobt Philipp Leinhäupl, ebenfalls aus dem Tool Design Production Engineering bei Siemens. Als es vor knapp eineinhalb Jahren im Newsletter von Meusburger den Hinweis auf ein neues Produkt gab, wurden die beiden Konstrukteure hellhörig. Die Normteilspezialisten aus Wolfurt in Österreich stellten damals den patentierten Rollbieger E 5690 Tribmate Easy Rolla erstmals vor. „Bei Biegeoperationen werden aufgrund der Gleitreibung zwischen Gesenk und Blechstreifen oft unzureichende Oberflächengüten erzielt. Mit dem Easy Rolla, der einfach in den Biegestempel eingeklebt wird, findet zwischen Rollbieger und Blechstreifen eine Rollreibung statt, was zu einer deutlich besseren Oberflächengüte im Bereich der Biegung führt. Dabei ermöglicht die frei gelagerte Rolle einen unbegrenzten Hub“, erklärt Tobias Heß, Gebietsverkaufsleitung bei Meusburger. Bei Siemens fand diese Innovation sofort Anklang. Das Unternehmen war das erste, das den Easy Rolla eingesetzt hat. „Nicht nur, dass wir nun eine bessere Oberflächengüte an den Bauteilen erreichen, weil sich das Normteil beim Biegen mitbewegt, nein, wir haben uns im Folgeverbundwerkzeug auch eine Station gespart und konnten die Qualität des Teils steigern“, freut sich Kellner.

Partnerschaftliche Zusammenarbeit für höhere Standzeiten

Der Easy Rolla ist in Durchmessern 3 bis 10 mm und in den Längen 25 bis 100 mm lieferbar, wobei die Länge einfach mittels Drahterodieren auf das gewünschte Maß gekürzt werden kann. „Vorteilhaft ist auch, dass wir bei Verschleiß nun nicht mehr den gesamte Biegestempel austauschen müssen, sondern lediglich den Rollensatz“, ergänzt Leinhäupl. Am Thema Verschleiß wird aktuell auch von beiden türkisfarbenen Unternehmen partnerschaftlich gearbeitet, denn bei dickeren Blechstärken, die bei Siemens zum Einsatz kommen, ist der Verschleiß höher als bei durchschnittlichen Anwendungen des Rollbiegers.. „Etwa 5 Mio. Teile können wir fertigen, bevor wir den Rollensatz tauschen müssen. Hier sind wir vor Kurzem an Meusburger herangetreten, ob diese Standzeit des Easy Rollas noch verbessert werden kann“, führt Kellner aus und Heß ergänzt: „Diesen Hinweis haben wir sehr gerne aufgenommen. Unsere Entwickler arbeiten deshalb derzeit an der Materialpaarung zwischen Halter und Roller, um diesem Wunsch nachzukommen.“ Einer langfristigen Anwendung des Easy Rollas steht bei Siemens also nichts im Wege.

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Über den Autor

Frauke Finus

Frauke Finus

Leitende Redakteurin, Redaktion @blechnet.com

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