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Kommentar / Asco Data

Kommentar: Altes Blech neu lackiert – die nächste Blase?

| Autor/ Redakteur: Moritz Meiser / Frauke Finus

Egal, wie man es dreht und wendet: gefühlt an jeder Ecke wird von „Industrie 4.0“ gesprochen, egal ob die Beteiligten etwas mit Produktionsprozessen zu tun haben oder nicht. Als Ingenieur im Produktmanagement eines mittelständischen Unternehmens, das CAM-Software entwickelt und vertreibt, sehe ich die inflationäre Anwendung des Begriffs für viele Bereiche kritisch.

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Die Software von Asco Data unterstützt alle Verfahren zum Trennen und zum Biegen von Bauteilen.
Die Software von Asco Data unterstützt alle Verfahren zum Trennen und zum Biegen von Bauteilen.
( Bild: Asco Data )

Warum? Erstens beschleicht mich das Gefühl, dass viele vermeintliche Marketing-Experten, auch in der Blechbranche, den Begriff wie beim Buzzword-Bingo einsetzen, ohne sich der eigentlichen Bedeutung bewusst zu sein. Industrie 4.0 soll für bessere Kommunikation durch digitale Vernetzung der an der Produktion beteiligten Maschinen und Interessengruppen sorgen. Heißt für mich erst einmal: ich verbinde Produktions- und Betriebsdatennetze, so dass ich bequem aus der Kantine überprüfen kann, wann ich meine Teile entnehmen kann. Prinzipiell eine gute Idee, die die Effizienz erhöhen kann. Setzen sich die Verantwortlichen über die Best Practices aus der IT hinweg und implementieren diese Geschichte so, wie ich IT-Sicherheit jeden Tag in kleinen und großen Unternehmen erlebe, ist man schnell beim Sicherheits- und verwaltungstechnischen Super-Gau angelangt.

Ohne paranoiden Verschwörungstheorien über das Interesse von Geheimdiensten an meiner Fertigung nachzugehen sollte es jedem Fertiger daran liegen, den Zugriff auf seine 600.000-Euro-Stanzmaschine durch Reinigungskräfte oder unsicherer Fernwartungssoftware zu unterbinden. Noch wichtiger ist es allerdings, die Wirkung von Industrie 4.0-Maßnahmen nicht zu überschätzen. Neben Aspekten wie Kosten für die Vernetzung sollte man sich überlegen, ob die zu gewinnenden Daten überhaupt einen Wettbewerbsvorteil bringen – denn was nutzt es, wenn der Kunde jederzeit per Internet über die Vorschubgeschwindigkeit der Lasermaschine informiert ist, die seine Teile schneidet? Daher bin ich davon überzeugt, dass sich viel mehr Geld durch effizientere und schlankere Prozesse sparen lässt. Der reine Informations-Overkill nützt nur den Anbietern und müllt Festplatten mit Daten zu, die kaum jemand braucht und noch weniger Leute jemals anschauen werden. Das ist dann ähnlich sinnvoll wie der Heim-Videorekorder aus den späteren 1980er Jahren, der mit „jetzt über 150 Funktionen“ beworben wurde – marketingtechnisch eine Katastrophe.

Neue Technik setzt sich meist nicht aus Selbstzweck durch

Diese Zeit ist übrigens ein gutes Stichwort: Industrie 4.0 ist altes Blech mit neuem Lack. Schon zu Urzeiten (damals, als pastellfarbene Unterhemden zum weißen Sakko obligatorisch waren) haben sich findige Leute verschiedener Hochschulen und Industrie zusammengesetzt und CIM (Computer Integrated Manufacturing) „erfunden“, beziehungsweise definiert. Per Definition ist Industrie 4.0 ist nichts anderes als CIM. Auch wenn man damals nicht die technischen Möglichkeiten und geringere Kosten heutiger Netzwerkarchitekturen hatte und CIM seit Ewigkeiten existiert, so finden wir auch in schicken neuen Produktionshallen teils Maschinen, die abgeschrieben gutes Geld für den Auftrag „nebenbei“ verdienen oder als Reserve für das glänzende Hightech-Produkt mit App-Steuerung und Massagestuhl für das Bedienpersonal dienen. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich bin durchaus technikbegeistert und gönne jedem Maschinenhersteller den Absatz neuer Maschinen, aber fragen Sie sich trotzdem einmal, ob neue Technik allein effektiv zu geringeren Kosten führen wird, denn neue Technik setzt sich meist nicht aus Selbstzweck durch.

Drittens: auch wenn ich die Idee hinter Industrie 4.0 lobenswert finde, so hapert es meist an der Umsetzung. Wie bei vielen anderen Bereichen hapert es an den Schnittstellen – katastrophal bei einer Philosophie, die primär auf Kommunikationsverbesserung mit anderen Systemen setzt. Bestimmt haben Sie sich vor nicht allzu langer Zeit über CAD-Daten aus einem Fremdsystem geärgert. Die enthaltenen Informationen sind für Sie wertlos, Austauschformate enthalten nur ein Subset der Funktionen, die Sie benötigen. Kaum ein Hersteller von verbreiteten CAD-Systemen möchte seine Schnittstellen und Datenformate preisgeben, um zu verhindern, dass Mitbewerber ein kompatibles Produkt anbieten und Marktanteile abgegraben werden. Warum macht man sowas? Das Stichwort lautet „Lock-in“. Durch die Geheimniskrämerei kann Ihnen Ihr CAD-Anbieter dann gleich auch das einzig kompatible Produktdatenmanagement-System verkaufen. Oder Ihr Maschinenhersteller verkauft Ihnen zur neuen Maschine gleich eine Programmiersoftware, die ausschließlich die Maschinen des Herstellers unterstützt. Optimale Kommunikation sieht anders aus.

Industrie 4.0 wird meiner Überzeugung nach nur dann „zum Fliegen“ kommen, wenn es entweder definierte Standards gibt oder die Hersteller von Maschinen und Software Ihre Schnittstellen komplett dokumentieren und veröffentlichen. Ansonsten droht dem Begriff, die nächste Blase in der Tradition von gescheiterten Buzzwords zu werden.

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