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Finow Automotive Brandenburger Zulieferer setzt auf Partner, Nischen und Qualität

Redakteur: Annedore Munde

Die Fahrt über den holprigen Weg, durch große Pfützen und viele brachliegende Industrieflächen lässt Zweifel aufkommen, ob dies der richtige ist. Hier soll ein kleines innovatives Unternehmen zu finden sein, welches sich im Bereich Automobilzulieferer zunehmend einen Namen macht? Ja! Wer dann das Firmengelände der Finow Automotive in Eberswalde Finow betritt, ist überzeugt.

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Geschäftsführer Patrik von Hertzberg möchte, dass die alte Tradition der Walzwerker am Standort Eberswalde/ Finow fortgesetzt wird.
Geschäftsführer Patrik von Hertzberg möchte, dass die alte Tradition der Walzwerker am Standort Eberswalde/ Finow fortgesetzt wird.
( Archiv: Vogel Business Media )

„Natürlich wissen wir, dass der Weg erst mal etwas abenteuerlich anmutet“, so Hagen Hänelt, Geschäftsführer der Finow Automotive, zur Begrüßung. „Aber wir möchten ganz zielgerichtet eins nach dem anderen angehen. Und da steht die Investition in neue Technik nun mal vor der Sanierung des Außengeländes“.

Was die Technik betrifft, sei man auf dem neuesten Stand, so Hänelt - angefangen bei sechs CNC Biegemaschinen über Hydroforming-Technik von Schuler (5000 t) und Gräbener (13 000 t) bis hin zu fünf CO2-Laserschneidanlagen von Trumpf. „Wir legen Wert auf die Qualität in der Fertigung, das zahlt sich dann im Endprodukt aus.“

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Die Kundenliste scheint Beweis dafür zu sein. Längsträger für den Landrover T5, Achsrohre für den Jaguar X-Type oder Diagonalstreben für den 7er BMW sind nur einige Bespiele. Für den Ford Fiesta hat das Unternehmen jetzt auch für das neue Modell, das im Herbst beim Händler erhältlich sein wird, den Auftrag für die Fertigung von Achsrohren erhalten. In den nächsten Tagen wird die neue Produktionsanlage hierfür bei Finow Automotive in Betrieb gehen.

Als klassischer Zulieferer ist die Finow Automotive seit 1999 am Markt. Warum das Unternehmen heute von der eher untypischen Zuliefererregion Brandenburg aus so erfolgreich agieren kann, dafür gibt es einen Grund: Patrick von Hertzberg.

Zulieferer bildet komplette Wertschöpfungskette ab

Er hat sich als Mehrheitsgesellschafter einen kleinen Traum verwirklicht. „Ich wollte die komplette Wertschöpfungskette abbilden – vom Rohmaterial bis zum einbaufertigen Teil. Ohne lange Transportwege und ohne aufwändige Schnittstellenabsprachen.“

Was also lag näher, als Vorhandenes miteinander zu verknüpfen. Das Walzwerk Finow, bei dem von Hertzberg ebenfalls Mehrheitsgesellschafter ist, leitet er auch als Geschäftsführer. Die Wertschöpfungskette in einer Hand zu haben, ist so also recht unkompliziert möglich.

Dass in jedem deutschen Auto heute mindestens ein Rohr des Walzwerkes Finow steckt, darauf ist er stolz. Im Idealfall sei es von der Finow Automotive weiterverarbeitet.

Partnerschaft auf solidem wirtschaftlichen Fundament

Doch der Mann, der aus der Branche kommt, weiß, dass realistische Träume auf einem stabilen wirtschaftlichen Fundament stehen sollen. Als Berater für Stahlunternehmen hat er mitgeholfen, Unternehmen zu privatisieren. Er kennt den Markt, die Kunden und die Preise.

Und er weiß, wie wichtig Wettbewerb ist. „Eine bedingungslose Abhängigkeit der Unternehmen Finow Automotive und Walzwerk Finow gibt es nicht.“ Lediglich 8% des Walzwerk-Gesamtumsatzes entfallen auf Finow Automotive. Andere Zulieferer, der Anlagen- und Maschinenbau, Profilhändler und Gerüstbauer gehören ebenso zu den Kunden des Walzwerkes.

Allein durch die Nähe können die Synergien gut genutzt werden. Auf dem Gelände des Walzwerkes ist auch die Finow Automotive ansässig. Nur fünf Minuten Fußweg liegen dazwischen. Diese Unkompliziertheit war wohl auch ein Grund dafür, dass 2007 SAP eingeführt wurde – für beide Unternehmen.

Walzwerk ist als Traditionsunternehmen stabil

Das Walzwerk – ein Traditionsunternehmen, welches auf langjährige Erfahrungen bei der Herstellung von Stahlrohren und -profilen verweisen kann – hat bewegte Zeiten hinter sich. Die Besitzer wechselten oft: auf die Walzwerk Finow GmbH als Tochter der EKO Stahl Eisenhüttenstadt folgten der slowakischen Stahlkonzern VSZ Košice und dann die Übernahme in die Gruppe der slowakischen Tochtergesellschaft des amerikanischen Stahlkonzerns U.S. Steel.

Mit der FSB Finow Stahl GmbH Beteiligungsgesellschaft erwarb dann von Hertzberg am 1.11.2006 als Hauptgesellschafter die Geschäftsanteile der Walzwerk Finow GmbH. Sein Ziel sei es, in Eberswalde ein Zentrum zur Produktion von Präzisionsrohren zu errichten. Zum Portfolio zählen heute geschweißte maßgewalzte Präzisionsstahlrohre, Profilrohre, kaltgewalzte Profile sowie Spezialprofile.

Damit die Produktion entsprechend qualitätsgerecht abgewickelt werden kann, wird investiert: in eine neue Rohrschweißanlage und in die entsprechende Verarbeitungstechnik – Zuschnittzentren – sowie in Ofentechnik und Richttechnik. Von den anvisierten 45 Mio. Euro an geplanten Investitionen sind bereits 26 Mio. gebunden.

„Qualität ist unsere einzige Chance für den Erfolg“

„Wir müssen auf unsere Qualität achten“, so von Hertzberg. Diese sei neben einer stabilen Kundenbeziehung die einzige Chance für den Erfolg am Markt.“

Die Auftragslage gibt ihm recht. Etwa 85 000 t Stahlrohre wurden im vergangenen Jahr abgesetzt. Durch die neue Technik und die zunehmende Nachfrage aus Osteuropa wird sich nach seiner Schätzung das Absatzvolumen erweitern. „In den kommenden vier bis fünf Jahren rechnen wir mit etwa 150 000 t“, so von Hertzberg.

Um dafür auch personell gut aufgestellt zu sein, plant er eine eigene Ausbildungsstätte, für die er sich gemeinsam mit dem Netzwerk Metall der Region Barnim engagiert. „So können wir unseren erhöhten Personalbedarf personell und qualitativ absichern.“ Heute beschäftigt das Walzwerk 210 Mitarbeiter. „Ich möchte, dass die alte Tradition der Walzwerker hier an diesem Standort erhalten bleibt“, beschreibt er sein Vorhaben.

Mit Motivation ans Ziel

Der gute Mix aus jungen motivierten Leuten und alten Recken ist auch für Hagen Hänelt und die Finow Automotive wichtig. Als er, damals selbst noch ein junger Recke, 2001 die Vertriebsleitung übernahm, war er noch keine 30 Jahre. Das technische Know-how brachte der Maschinenbauingenieur vom Pressenhersteller Schuler mit.

Das Wissen, das er bei der Schuler Hydroforming im Vertrieb anwenden konnte, kommt heute dem brandenburgischem Zulieferer zugute. Hydroforming von Blechen und Rohren ist neben moderner Biege- und Lasertechnik einer der Kernbereiche des Unternehmens.

Leichtbau erfordert korrekte Fertigung

Auch Leichtbau ist ein wichtiges Thema – das heißt hohe Festigkeiten bei dünnen Wanddicken sowie kleinen Wanddicken-Durchmesser-Verhältnissen. Hier kommt es auf die korrekte Fertigung an. „Viel Know-how liegt in der Fertigungstechnik“, ist sich der Umformspezialist Hänelt sicher.

Als klassischer Zulieferer hat sich das Unternehmen auf die Produktion von Abgas-, Fahrwerk-, Chassis- und Karosseriestruktur-Baugruppen spezialisiert, mit komplexer und anspruchsvoller Geometrie. Als absolute Großserienfertiger sehen sich die Eberswalder dabei nicht, eher als Nischenzulieferer.

„Eine Arroganz im Auftreten können wir uns nicht leisten“, so Hänelt, und unterstreicht den Anspruch: „Auf die Aufträge von BMW und Daimler sind wir stolz.“

Skeptiker gab es am Anfang viele. Als 2003 der Auftrag für den Längsträger des Landrover T5-Serie akquiriert wurde, überzeugte man letztendlich auch durch den Qualitätsanspruch.

Hohe Investitionen für hohe Qualität

Doch Qualität hat manchmal schon im Vorfeld ihren Preis. Eigens für den Start dieses Projektes, welches bis 2016 laufen wird, wurden insgesamt 25 Mio. Euro in eine komplette Hallensanierung, neue Anlagentechnik und Infrastruktur investiert. „Es ist die größte Hydrforminglinie in Europa“, so Hänelt.

Genauso wichtig wie die Qualität sei für einen relativ kleinen Zulieferer jedoch auch die Zuverlässigkeit gegenüber dem Kunden. Deshalb setzt man bei dem Eberswalder Automotive-Unternehmen auf den 24-Stunden-Ersatzteilservice Trumpf. „Der technologische Vorteil ist uns wichtig, sowohl bei der Investition in neue Anlagentechnik als auch im Service. Das schlägt sich in der Qualität der Produkte nieder.“

Die Strategie scheint aufzugehen, denn die Entwicklung in den vergangenen Jahren war stabil. Waren es im Jahr 2003 noch 30 Mitarbeiter, so sind es heute bereits 90. Für 2009 peilt das Unternehmen einen Umsatz von bis zu 29 Mio. Euro an.

Zwei erfolgreiche Firmenentwicklungen und zwei Steuermänner. Für Patrik von Hertzberg und Hagen Hänelt hat sich das „Abenteuer“ Brandenburg allemal gelohnt, denn mit Strategie und Motivation haben sie viel erreicht. Längst sind sie mit der Region verwurzelt.

Ohne die hochqualifizierten Mitarbeiter jedoch, da sind sie sich einig, stände man heute nicht an diesem Punkt. Und wenn beide Unternehmensentwicklungen weiter so stabil verlaufen, wird sicher bald nicht nur ein Firmenschild und ein Navigationssystem den Weg weisen, sondern auch ein „richtiger“ Weg.

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