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Porträt Wie Thyssen zum Stahlbaron wurde

| Autor: Simone Käfer

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1871 legte August Thyssen den Grundstein für den heutigen Stahlkonzern Thyssenkrupp.
1871 legte August Thyssen den Grundstein für den heutigen Stahlkonzern Thyssenkrupp.
(Bild: Thyssenkrupp)

Die Voraussetzungen waren gut, er wurde in eine Unternehmerfamilie hineingeboren. Für August Thyssen, Jahrgang 1842, war es also kein weiter Weg vom Ingenieur zum Gründer. Auch seine Zeit in der Bank des Vaters hat sicherlich nicht dem Unternehmergeist geschadet, denn trotz technischem Hintergrund sollte man das betriebswirtschaftliche Wissen nicht unterschätzen. Sein erstes Unternehmen, das Eisenwerk Thyssen-Fossoul & Co, gründete er 1867 mit 8000 Talern Startkapital von seinem Vater und einem belgischen Partner in Duisburg. Nach drei Jahren lösten sie es auf. So war genug Geld für Thyssens zweites Unternehmen vorhanden. Bereits im Oktober 1871 begann das Bandeisen-Walzwerk Thyssen & Co. mit der Produktion.

Es war eine gute Zeit für Start-ups: Das Deutsche Reich war gerade gegründet worden und brachte eine zunehmend global vernetzte Industriewirtschaft mit sich. So wurden zum Beispiel die Handelsgesetze liberalisiert und Verkehrsmittel sowie erste Informationstechnik vernetzten die Welt. Es war die Zeit der Hochindustrialisierung in Deutschland, die Zeit der zweiten industriellen Revolution. Man bewältigte erste Schritte in Richtung Massen- und Großserienproduktion und Werkzeugmaschinen wurden langsam automatisiert. Gleichzeitig wurde hochwertiger, günstiger Stahl produziert.

Zukäufe sichern die Massenproduktion

Thyssen war ein Mann mit unternehmerischem Weitblick, der alles Notwendige für eine Massenproduktion unter seine Fittiche brachte. Er sicherte die Versorgung seines Unternehmens, indem er Bergwerke und Erzvorkommen im In- und Ausland sowie Industriebeteiligungen zukaufte. Außerdem sorgte er für eine Weiterverarbeitung der Produkte im eigenen Haus: Röhren wurden gefertigt, Bleche gewalzt und der Grundstein für Thyssens Maschinenfabrik gelegt. Ab 1883 kaufte er sukzessive die „Gewerkschaft Deutscher Kaiser“ in Duisburg-Hamborn auf, womit er sich die Versorgung mit Kohle sicherte. Das Besondere an der Zeche war ihre Infrastruktur mit Gleisanbindung und eigenem Rheinhafen. Nach und nach kaufte Thyssen fast die gesamte Bauernschaft Bruckhausen auf und errichtete dort ein gewaltiges Stahl- und Walzwerk. Der Grundstein zur heutigen Thyssenkrupp Steel Europe war gelegt; und Thyssen wurde zum „Begründer der Verbundwirtschaft in der Stahl­industrie“.

Am 17. Dezember 1891 wurde im Stahlwerk Bruckhausen, dem jetzigen Oxygenstahlwerk 1, der erste Stahl geschmolzen. „August Thyssen war eher gewiefter Unternehmenslenker als genialer Ingenieur“, charakterisiert Manfred Rasch, Leiter des Thyssenkrupp-Konzernarchivs, den Unternehmensgründer. „Aber welche erfolgreiche Basis er mit dem Bau des integrierten Hüttenwerks im Duisburger Norden geschaffen hat, sieht man daran, dass der Standort am Rhein auch nach über 125 Jahren zu den leistungsstärksten Werken in Europa zählt.“ Nebenbei ist das Unternehmen mit seinen über 14.000 Mitarbeitern auch ein wichtiger Arbeitgeber Duisburgs, in dem jedes Jahr rund 12 Mio. t Rohstahl erzeugt und verarbeitet werden, was die Stadt zum größten Stahlstandort Europas macht.

Der Stahlbaron und die Familie

Aber wer war nun der große Industrielle? Tatsächlich ist Größe relativ: August Thyssen maß 1,56 m. Sein Start-up hat er zu einem führenden Konzern in der Stahlproduktion ausgebaut, was ihm den Namen „Stahlbaron” einbrachte. Auch als Bergwerksunternehmer war er bekannt. Laut seinem Biografen Jörg Lesczenski galt Thyssen als jemand, der auch menschliches und soziales Denken und Handeln an den Tag legte. Seine Familie sah das vielleicht nicht so, denn mit ihr verbrachte der geschäftige Unternehmer wenig Zeit. Die Ehe mit Hedwig Pelzer dauerte 13 Jahre (1872 bis 1885). Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Damit sein Imperium durch die Scheidung nicht schmolz, übertrug er die Eigentumsrechte seinen Kindern, schloss diese aber von der Unternehmensführung aus.

Nach 30 Jahren in seiner Villa in direkter Nachbarschaft zu Fabrikhallen, Gleisanlagen und Gaswerk zog es den Stahlbaron und Single aufs Land. Als er 1902 mit den Plänen begann, sich Schloss Landsberg umbauen zu lassen, litt sein Unternehmen an der Stahlabsatzkrise. Man kann also davon ausgehen, dass es ein strategisches Vorhaben war, das von der finanziellen Lage ablenken sollte. Denn jeder große Industrielle lebte damals im Grünen. Aber ein wenig Rebellentum bewahrte sich Thyssen dann doch: Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten ließ er sich keine Villa bauen, sondern kaufte ein Schloss. Über den weiblichen Dauergast, den er dort regelmäßig empfing, wird viel geschwiegen.

Als Thyssen im April 1926 am Ostersonntag 83-jährig starb, war die große Frage: Wer führt nun das Unternehmen? Eigentlich wäre seinem ältesten Sohn Fritz diese Aufgabe zugefallen. „Aber dem traute der Alte den Chefposten nicht zu”, ist Rasch überzeugt. Warum sonst hätte der „Führer der deutschen Eisenindustrie zur Großwirtschaft“ beschließen sollen, sein Familienunternehmen in andere Hände zu legen? So ging das Thyssen-Imperium 1926 überwiegend in eine neue Stahl- und Kohlengemeinschaft, die Vereinigte Stahlwerke AG, über. Fritz Thyssen blieb als Aufsichtsratsvorsitzender dem laufenden Geschäft fern. Der Wert des Konzerns wurde 1926 auf rund 400 Mio. Reichsmark geschätzt.

Bleibt noch eine Sache zu klären: Tüssen oder Tissen? „Thyssen” im Konzernnamen wird „Tüssen“ ausgesprochen. Langjährige Mitarbeiter sagen „Tissen“. Tonaufnahmen von damals gibt es nicht. „Thyssen hat seinen Namen stets mit zwei Pünktchen über dem ,y‘ geschrieben. Also muss es wohl ,Tüssen‘ heißen“, folgert Archivar Rasch.

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Über den Autor

 Simone Käfer

Simone Käfer

Redakteurin für Additive Fertigung und Werkstoffe