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Scheuermann + Heilig

Es gilt, den „Hype“ von der nachhaltig wertschöpfenden Idee zu trennen

| Redakteur: Dietmar Kuhn

Als mittelständisches Unternehmen mit weltweit rund 600 Mitarbeitern gilt die Scheuermann + Heilig GmbH, Hersteller von Stanz-Biegeteilen, Technischen Federn und hybriden Baugruppen als außergewöhnlich innovativ. Wir befragten dazu Dr.-Ing. Wieland Bundschuh, Leitung Technologie- und Innovationsmanagement nach der Definition des Begriffes Innovation und der besonderen Erfolgsformel bei Scheuermann + Heilig.

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Ein sehr gutes und aktuelles Beispiel für die Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen stellt die konsequente Nutzung der jüngsten Technologiesprünge in der Lasertechnologie zur Erweiterung der Machbarkeitsgrenzen in der Stanz-Biegetechnologie dar.
Ein sehr gutes und aktuelles Beispiel für die Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen stellt die konsequente Nutzung der jüngsten Technologiesprünge in der Lasertechnologie zur Erweiterung der Machbarkeitsgrenzen in der Stanz-Biegetechnologie dar.
(Bild: SH/Fraunhofer IWS)

Herr Dr. Bundschuh, wer ist Scheuermann + Heilig?

Dr. Bundschuh: Die Scheuermann + Heilig GmbH ist ein mittelständisches, inhabergeführtes und unabhängiges Familienunternehmen im Norden von Baden-Württemberg. Der Stammsitz unseres 1957 gegründeten Unternehmens liegt in Buchen-Hainstadt. Seit 1979 ist die Scheuermann + Heilig do Brasil Ltda. darüber hinaus auch in Atibaia nahe Sao Paulo vertreten. Im Hinblick auf die von uns seit der Firmengründung geschaffenen Arbeitsplätze, den jährlich erzielten Umsatz und den umfangreichen Maschinen- und Anlagenpark gehören wir zu den größten und nachhaltig erfolgreichsten Unternehmen unserer Branche. Zur Beherrschung und Weiterentwicklung unserer komplexen Prozesse betreiben wir ein integriertes Qualitäts-, Arbeitssicherheits-, Umwelt- und Energiemanagementsystem und sind entsprechend nach ISO 9001, ISO TS 16949, OHSAS 18001, ISO 14001 sowie DIN EN ISO 50001 zertifiziert.

Welche Produkte und für wen stellt Scheuermann + Heilig diese her?

Dr. Bundschuh: Wir entwickeln und produzieren kundenspezifische hochpräzise Federn, Stanz-Biegeteile und komplexe Baugruppen aus Draht und Band. Unsere Kunden sind überwiegend im Bereich der Automobilzulieferindustrie, der Medizingerätetechnik, der Elektro- beziehungsweise Elektronikindustrie und der Konsumgüterindustrie aktiv und erfolgreich.

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Nutzen Sie dafür besondere Fertigungstechnologien?

Dr. Bundschuh: Unsere Kernkompetenz liegt auf dem Gebiet der Metallumformung. In der Bandverarbeitung produzieren wir mit intern entwickelten und gebauten Folgeverbund- und Stanz-Biegewerkzeugen auf Exzenterpressen und Stanz-Biegeautomaten renommierter Hersteller. Für die Drahtverarbeitung setzen wir Federwinde- und Federwickelautomaten führender Anbieter ein. Häufig sind Fügeprozesse, wie beispielsweise das Schweißen, Gewinden und Schrauben oder Vernieten in den Fertigungsablauf integriert. Viele Teile werden auf dem Umformautomaten direkt mit anderen Metallteilen, Kunststoffteilen oder Keramiken zu Baugruppen montiert. Einen besonderen Kompetenzschwerpunkt stellen mit Sicherheit hybride Fertigungsprozesse dar, bei denen wir Lasersysteme inline synchronisiert in den Fertigungsablauf integrieren, um Teile lokal zu Schneiden, zu Verschweißen, zu Beschriften, lokal begrenzt warm umzuformen oder lokal begrenzt einer Wärmebehandlung zu unterziehen. Als Folgearbeitsgänge bieten wir unter anderem das Härten in unserer hauseigenen CQI 9-konformen Härteanlage, das Gleitschleifen, das Reinigen und Verpacken an.

Benötigen Sie für die Beherrschung dieser Fertigungstechnologien besondere Erfahrungen beziehungsweise besonderes Wissen?

Dr. Bundschuh: Wir realisieren jährlich mehr als 100 erfolgreiche Produktneuanläufe für unsere Kunden. Mit unserer Produktivität und Liefertreue tragen wir den aktuellen Marktanforderungen nach immer kürzeren Entwicklungszeiten und Produktlebenszyklen bei zunehmender Variantenanzahl Rechnung. Die Grundvoraussetzung für diese Leistung ist die Erfahrung, die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit der Unternehmensgründung 1957 im Bau, Betrieb und Wartung von mehr als 4000 Werkzeugen gesammelt haben. Diese Erfahrung wird systematisch in der SH-Technologiedatenbank sowie in Konstruktions- und Produktionsrichtlinien erfasst, kontinuierlich weiterentwickelt und konsequent an neue Mitarbeiter weitergegeben. Darüber hinaus sind wir eng mit führenden Lieferanten und Forschungseinrichtungen vernetzt, um aufgabenrelevantes externes knowhow frühzeitig zu identifizieren und zum Vorteil unserer Kunden in unsere Entwicklungs- und Produktionsprozesse zu integrieren. Was uns in dieser Hinsicht positiv von vielen eher handwerklich ausgerichteten kleineren Unternehmen unserer Branche unterscheidet, ist die gesunde und gegenseitig befruchtende Mischung aus theoretischer Grundlagenkompetenz und langjähriger praktischer Werkstatterfahrung.

Wo liegt denn die besondere Problematik der Teile die Scheuermann + Heilig herstellt?

Dr. Bundschuh: Da es sich bei jedem Kundenauftrag um eine Neuentwicklung handelt und wir bei unseren Kunden als Problemlöser für komplexe Aufgabenstellungen gelistet sind, ist im Regelfall jedes Neuteil mit neuen produktspezifischen Herausforderungen verbunden. Zusammenfassend lassen sich im Hinblick auf Ihre Fragestellung allerdings nach meiner Einschätzung insbesondere drei grundlegende Themenkreise adressieren: Die Stanz-Biegetechnologie ist das mit Abstand wirtschaftlichste Verfahren zur Herstellung hochpräziser kleiner Metallteile in mittleren und hohen Stückzahlen. Die Herausforderung besteht jedoch häufig darin, die für die sichere Funktion der Produkte benötigten Toleranzanforderung trotz schwankender Halbzeugeigenschaften und komplexer, oftmals mehrstufiger, werkzeuggebundener Fertigungsprozesse nicht nur bei der Erstbemusterung sondern dauerhaft über den gesamten Produktlebenszyklus prozesssicher einzuhalten. Die Entwicklungsziele Funktionsintegration, Miniaturisierung und Leichtbau machen es häufig erforderlich, bis an die physikalischen Machbarkeitsgrenzen der Kaltumformung zu gehen und deren Einhaltung bereits bei Auftragsvergabe verbindlich zu bestätigen. Dies ist in vielen Fällen nur durch unsere umfangreiche, langjährig gesammelte Erfahrung in Kombination mit dem Einsatz neuster Erkenntnisse der Umformsimulation möglich. Schließlich wird die bis zur Markteinführung eines neuen Produkts benötigte Entwicklungszeit immer entscheidender für den wirtschaftlichen Erfolg unserer Kunden. Entsprechend haben sich die Lieferzeiten für Werkzeuge nach unserer Einschätzung in den letzten 10 Jahren nahezu halbiert. Um dieser Marktanforderung gerecht zu werden ist es erforderlich, auch die Entwicklungswerkzeuge, den Werkzeugmaschinenpark und die Prozessabläufe kontinuierlich auf dem aktuellsten Stand zu halten beziehungsweise weiterzuentwickeln.

Scheuermann + Heilig gilt ja für die Unternehmensgröße als außergewöhnlich innovatives Unternehmen. Warum ist das so?

Dr. Bundschuh: Vielen Dank Herr Kuhn, für Ihre positive Einschätzung. Sie verfügen als ausgewiesener Branchenkenner über eine langjährige Expertise der technologischen Entwicklung unserer Branche. Ihre Einordnung bestätigt uns auf unserem Weg. Letztendlich ist unsere Innovationskraft das logische Resultat unserer Vision und langfristig angelegten Unternehmensstrategie. Wir stellen an uns den Anspruch, innerhalb unserer Branche führend in Technologie, Innovation und Qualität zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen und den Vorsprung dauerhaft zu erhalten, fordert und fördert unsere Geschäftsführung aktiv unser internes Innovationsklima, stellt die erforderlichen Mittel zur Verfügung und schenkt uns das Vertrauen neue Wege zu beschreiten, auch wenn noch kein kurzfristiger Return of Investment berechnet werden kann. In unserer heutigen, bereits technologisch hochentwickelten und international vernetzten Welt entstehen Innovationen meist nicht über Nacht sondern durch eine gesunde Mischung aus Inspiration und langfristig angelegter, systematischer Entwicklung in interdisziplinären Teams. Wer grundlegende Innovationen erfolgreich umsetzen und am Markt platzieren will, braucht einen langen Atem.

Welchen Stellenwert hat der Begriff Innovation bei einem mittelständischen Unternehmen wie Scheuermann + Heilig?

Dr. Bundschuh: Bei uns besitzt der Begriff Innovation bereits seit der Firmengründung durch Anton Scheuermann und Günter Heilig einen sehr hohen Stellenwert. Wer wie wir täglich mit neuen, spannenden anwendungsspezifischen Herausforderungen der Kunden konfrontiert wird, kann nur durch die Kreativität und Innovationskraft der Mitarbeiter langfristig so erfolgreich am Markt bestehen. Für diese grundlegende Erkenntnis bedurfte es nicht erst des aktuellen Hypes um den Begriff Innovation und des Nachweises, dass innovative Unternehmen im Durchschnitt wirtschaftlich erfolgreicher sind als Unternehmen, die das mit Innovationen naturgemäß immer verbundene Risiko scheuen und konsequent auf die Kostenführerschaft ausgerichtet sind. Aus unserer Sicht ist es nicht genug, Kunden, die uns Ihre Produkte anvertrauen in der gewünschten Qualität zum benötigten Zeitpunkt zu wettbewerbsfähigen Preisen zu beliefern. Wir wollen für unsere Kunden darüber hinaus als Zusatznutzen neue Technologien erschließen und innovative Möglichkeiten aufzeigen, damit sie in ihren Märkten selbst erfolgreicher sind. Kunden, die mit uns partnerschaftlich zusammenarbeiten und bereit sind, ausgetretene Pfade zu verlassen, können für sich diesen Zusatznutzen erschließen.

Erläutern Sie doch bitte, wie Sie Innovation verstehen?

Dr. Bundschuh: Der Begriff „Innovation“ wird momentan nach meinem Dafürhalten leider recht inflationär gebraucht. Natürlich ist es eine innovative Leistung täglich aufs Neue kreative umformtechnische Lösungen für die Anforderungen unserer Kunden zu entwickeln. Auch wenn wir ständig mit führenden Maschinen- und Anlagenherstellern in Kontakt sind und zum Nutzen unserer Kunden frühzeitig in neue am Markt verfügbare Technologien investieren ist das eine Neuerung –zumindest für unser Unternehmen- und damit innovativ. Im Rahmen des SH-Technologie- und Innovationsmanagements gehen wir aber einen Schritt weiter und konzentrieren uns auf sogenannte „Radikale wertschöpfende Innovationen“. Radikale Innovationen sind nach unserer internen Definition Produkte und Verfahren, die in dieser Form kommerziell am Markt noch nicht verfügbar sind. Hier steigen wir selbst in die Produkt- und Verfahrensentwicklung ein, um sie für uns und unsere Kunden zu erschließen und zur Serienreife weiterzuentwickeln.

Wie machen Sie Innovation greifbar. Nutzen Sie dafür ein besonderes Innovationsmanagement und eventuell besondere Innovationswerkzeuge?

Dr. Bundschuh: Wir verfügen über einen Geschäftsbereich Technologie- und Innovationsmanagement, der unsere internen und externen Innovationsthemen koordiniert und synchronisiert. Das Team des Technologie- und Innovationsmanagement pflegt auch die Kontakte zu denjenigen Forschungsvereinigungen, Verbänden und Instituten, die auf den für uns relevanten Themengebieten führend sind. Zentrales Instrument unseres Innovationsprozesses sind dabei unsere Markt- und Technologiebeobachtung in der wir alle innovationsrelevanten Informationen sammeln, technologische Entwicklungen kontinuierlich beobachten und regelmäßig bewerten. Hierbei gilt es in erster Linie den „Hype“ von der nachhaltig wertschöpfenden Ideen zu trennen und die beschränkten Ressourcen zum richtigen Zeitpunkt auf die Themen mit dem größten Nutzenpotenzial für unsere Kunden zu konzentrieren. Unser besonderes Augenmerk gilt hierbei natürlich auch der frühzeitigen Identifikation potenziell disruptiver Technologien. Als Ergebnis dieses Technologiescreeningprozesses werden konkrete Innovationsprojekte definiert und umgesetzt.

Machen Sie das mit Partnern oder der Unterstützung von Forschungseinrichtungen?

Dr. Bundschuh: Naturgemäß sind die finanziellen und personellen Ressourcen mittelständischer Unternehmen begrenzt. Die Innovationsaufwendungen gehen in die Gemeinkosten ein und belasten die Wettbewerbsfähigkeit bei aktuellen Kundenanfragen. Ein Bonus für besonders innovative Unternehmen ist in aktuellen Preisverhandlungen leider nicht die Regel. Darüber hinaus macht es keinen Sinn, sich intern mit Themen auseinanderzusetzen, die Lieferanten bereits gelöst haben oder bei denen externe Partner eine größere Fachkompetenz aufweisen. Radikale Innovationen, die auch unsere Lieferanten noch nicht anbieten können, erschließen wir deshalb häufig in bilateralen Projekten mit Forschungseinrichtungen. Zur Begrenzung des finanziellen Risikos bei der Identifikation und Bewertung neuer Ansätze nutzen wir hierbei im vorwettbewerblichen Stadium konsequent öffentliche Förderprogramme des Bundes und der Länder. Im Regelfall ist dabei nicht eigene Grundlagenforschung zielführend sondern die Fähigkeit, das Potenzial neuer Entwicklungen in anderen Märkten und Branchen für die eigene Technologie zu erkennen und zu erschließen. Ein sehr gutes und aktuelles Beispiel hierfür stellt die konsequente Nutzung der jüngsten Technologiesprünge in der Lasertechnologie zur Erweiterung der Machbarkeitsgrenzen in der Stanz-Biegetechnologie dar.

Wie setzen Sie Ihre Innovationsergebnisse in die Praxis um?

Dr. Bundschuh: Die Umsetzung erfolgt im Rahmen von Innovationsprojekten, die von interdisziplinären Projektteams mit themenspezifisch variierender Zusammensetzung bearbeitet werden. Das Projektmanagement und Projektcontrolling übernehmen hierbei Mitarbeiter des Technologie- und Innovationsmanagements. So haben wir beispielsweise in den letzten 5 Jahren in bilateraler, partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit verschieden Instituten der Fraunhofer Gesellschaft am Markt bislang nicht verfügbare Inline-Anlagen zur lokal laserunterstützten Umformung in Folgeverbundwerkzeugen und zum Hochgeschwindigkeits-Remote-Laserstrahlschneiden realisiert. Durch diese innovativen, hybriden Verfahrenskonzepte ist es uns gelungen, die Machbarkeitsgrenzen der Folgeverbund- und Stanz-Biegetechnologie sprunghaft zu erweitern. Dadurch erschließen wir für unsere Kunden ganz neue Designfreiheitsgrade und ermöglichen Ihnen technisch überlegene Produkte mit Alleinstellungsmerkmalen zu den attraktiven Herstellkosten der Stanz-Biegetechnologie. Im Verlauf der Projektbearbeitung werden die internen Kollegen systematisch an die neue Technologie herangeführt. Sobald bei den regelmäßig stattfindenden Projektevaluierungen die Erreichung eines industriell nutzbaren Reifegrads festgestellt ist, werden die innovativen Konzepte unseren Kunden vorgestellt. Ideal ist es, wenn es uns dabei gelingt, künftige Kundenanforderungen zu antizipieren, noch bevor diese an uns herangetragen werden. In Fällen, bei denen wir hinsichtlich der Marktfähigkeit einer Neuentwicklung unsicher sind hat es sich aber auch bewährt, Demonstratoranwendungen aufzubauen und anlässlich von Messen und Kundenbesuchen das Feedback führender Schlüsselkunden einzuholen.

* Das Interview führte Dietmar Kuhn, Chefredakteur Blechnet

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