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Interview Hergarten

„Stillstand ist der Tod – das Tempo unserer digitalen Schritte bestimmt der Kunde mit“

| Redakteur: Frauke Finus

Im Gespräch mit blechnet verrät Marcel Hergarten, Geschäftsführer der Hergarten-Gruppe, die als Logistikdienstleister für den Stahlsektor tätig ist, wie sein Unternehmen die Digitalisierung aufgreift.

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Die gesamte Hergarten-Flotte ist mit dem Telematiksystem ausgestattet, das alle Transportprozesse und Daten transparent an die Zentrale übermittelt und so für mehr Effizienz und höhere Prozesssicherheit sorgt.
Die gesamte Hergarten-Flotte ist mit dem Telematiksystem ausgestattet, das alle Transportprozesse und Daten transparent an die Zentrale übermittelt und so für mehr Effizienz und höhere Prozesssicherheit sorgt.
(Bild: Hergarten)

Laut einer Bitkom-Studie von März 2017 wird die Digitalisierung die Logistik innerhalb der nächsten zehn Jahre grundsätzlich verändern. Andere Experten wiederum sind der Meinung, dass die Digitalisierung die Logistikbranche zwar verändern wird, aber nicht so drastisch wie vielfach beschrieben. Hinzu kommt die Tatsache, dass zahlreiche agile Start-ups aus dem Boden schießen, die das klassische Speditionsgeschäft komplett digitalisieren und etablierte Anbieter unter Zugzwang setzen. Marcel Hergarten, Geschäftsführer der Hergarten-Gruppe, Logistikdienstleister für den Stahlsektor, verfolgt die digitale Transformation seiner Branche gelassen, aber keineswegs untätig. Im Interview mit blechnet erläutert er, was die Digitalisierung für Hergarten konkret bedeutet.

Herr Hergarten, die Digitalisierung schreitet in der Logistik rasant voran. Kann die Hergarten-Gruppe als traditionsbewusstes Familienunternehmen da mithalten?

Die Hergarten-Gruppe hat die Zeichen der Zeit immer erkannt und sich entsprechend aufgestellt. Wir haben uns vom Stahltransporteur zum Full-Service-Logistikdienstleister mit insgesamt neun Lagern und einem dichten, bundesweiten Transportnetz entwickelt. Unsere Standorte sind optimal ausgestattet für die effiziente und materialgerechte Anarbeitung, Lagerung und Logistik von Stahlprodukten. Wir haben uns damit voll auf die Anforderungen unserer Kunden eingestellt. Das ist auch unsere Strategie bei der digitalen Transformation. Wir betrachten die Digitalisierung als Chance, bei der wir jedoch aufgrund unserer starken Spezialisierung immer zuerst die Anforderungen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Kunden im Blick haben. Der Kunde gibt den Takt und das Tempo vor. Unsere digitalen Projekte setzen wir daher in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden um.

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Was sind das für wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Anforderungen Ihrer Kunden?

Die deutsche Stahlindustrie muss sich an den hart umkämpften, internationalen Märkten gegen die Konkurrenz durchsetzen, Dumpingpreisdiskussionen mit ungewissem Ausgang begegnen und strenge Auflagen der Klimaschutzpolitik erfüllen. Das schafft sie nur, wenn sie ihre eigenen Prozesse so kosteneffizient und flexibel wie möglich gestaltet, z.B. indem sie ihre Logistik an Spezialisten auslagert. Und vor allem muss sie ihre Abnehmer mit einem verlässlichen Just-in-time Service immer wieder überzeugen, dass es sich lohnt Qualität made in Germany zu kaufen.

Inwieweit unterstützt die Hergarten-Gruppe ihre Kunden auch in digitaler Hinsicht dabei?

Indem wir neue IT-Systeme und Software einführen, die die Auftragsabwicklung und Abrechnung zwischen uns und unseren Kunden beschleunigen, automatisieren und verschlanken. Wir setzten auf Lösungen, die uns stärker mit dem Kunden vernetzen und für mehr Transparenz entlang der Wertschöpfungskette sorgen.

Haben Sie hierfür konkrete Bespiele?

Ja, wir arbeiten mit der LIS Winsped-Software, der deutschlandweit marktführenden Software für das Transportmanagement. Mit ihren vielfältig kombinierbaren Modulen können wir alle Prozesse zwischen der Hergarten-Gruppe und unseren Kunden detailliert abbilden. Von der Auftragsabwicklung, Frachtabrechnung- und Prüfung über die Fuhrparkterminverwaltung, Touren- und Personalplanung bis zur Lademittelverwaltung ist alles möglich. Seit Implementierung der Software in unsere Systeme und Vernetzung mit unseren Kunden müssen diese beispielsweise Frachtenprüfungen nicht mehr selbst vornehmen. Wir prüfen automatisiert die korrekte Abrechnung bzw. Gutschrift. Ideal für den Kunden, um z. B. die Frachtkostenrückverteilung zu ermitteln. Wir haben direkte Schnittstellen in die Buchhaltung und sogar zu SAP geschaffen. Das war vorher so im Detail gar nicht darstellbar.

Ein weiterer Meilenstein war 2016 die Integration des Telematiksystems Spedion in die Winsped Software mit Schnittstelle zu SAP. Unsere gesamte Flotte wurde für einen noch transparenteren Datenfluss mit Spedion ausgestattet. Wir und unsere Kunden erhalten seitdem kontinuierlich ausführliche Informationen über den Streckenverlauf, Lenk- und Ruhezeiten sowie Detailansichten einzelner Fahrzeuge einschließlich Tätigkeitshistorie.

Die uns unmittelbar zur Verfügung stehenden Daten ermöglichen es, dass wir Touren flexibler planen können und so das Just-in-time-Geschäft und die Prozesssicherheit unserer Kunden auf diese Weise ideal fördern.

Welche Vorteile hat der Einsatz dieser Lösungen für die Hergarten-Gruppe selbst? Können Sie zum Beispiel auf Personal verzichten?

Nein, dafür sind unsere Logistikdienstleistungen viel zu spezialisiert. Unser Personal verfügt nicht nur über logistisches Know-how und Erfahrung, sondern kennt sich auch mit den logistischen Besonderheiten beim Werkstoff Stahl aus. Unsere Mitarbeiter sind vertraut mit der Komplexität des Stahlgeschäfts. Diese Kombination lässt sich nicht so einfach digital ersetzen. Die neue Datentransparenz ermöglich es natürlich auch uns, unsere Abläufe effizienter zu gestalten und an der ein oder anderen Stelle Kosten zu sparen, beispielsweise beim Spritverbrauch.

Würden Sie sagen, dass die Hergarten-Gruppe damit gut aufgestellt ist für eine erfolgreiche Zukunft im digitalen Zeitalter?

Meiner Meinung nach sind wir als mittelständischer Logistikdienstleister für den Stahlsektor sehr gut aufgestellt. Doch darauf können und wollen wir uns nicht ausruhen. Stillstand ist der Tod. Das Tempo unserer digitalen Schritte bestimmen wir in unserem stark spezialisierten Segment jedoch nicht allein, sondern immer gemeinsam mit unseren Kunden. Und die Stahlindustrie lotet selbst gerade weiter aus, an welchen Stellen digitale Lösungen ihre Prozesse verbessern können und welche technischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.

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