Hütten- und Walzwerkstechnik Volle Auftragsbücher sorgen für glänzende Vorstellung

Autor / Redakteur: Lothar Handge / Annedore Munde

Als Folge des weltweiten Booms in der Metallherstellung und -bearbeitung klingeln auch die Kassen bei den Produzenten von Maschinen und Anlagen der Hütten- und Walzwerkstechnik. Neben dem reinen Mengenwachstum sorgt zudem die steigende Nachfrage nach hochwertigen Produkten für gut gefüllte Auftragsbücher.

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„The Bright Word of Metals“ lautet das Motto der vier Technologiemessen Gifa, Metec, Thermprocess und Newcast, die Mitte Juni 2007 in den Düsseldorfer Messehallen stattfinden. Glänzend stellt sich die Welt der Metalle derzeit tatsächlich dar. Der weltweite Boom füllt nicht nur die Auftragsbücher bei Herstellern und Verarbeitern von Stahlwerkstoffen oder NE-Metallen. Auch die Hersteller von Maschinen und Anlagen der Hütten- und Walzwerktechnik profitieren von der aktuellen Hausse.

Weltweit lag die Rohstahlproduktion mit 1,24 Mrd. t im Jahr 2006 um 9% über der des Vorjahres. Ein Ende dieser Entwicklung ist mittelfristig nicht in Sicht, sagt Dr.-Ing. Dipl. Wirtsch. Ing. Carl Dieter Wuppermann, Geschäftsführer des Stahlinstituts beim VDEh Düsseldorf: „Stahl ist wie kein anderer Werkstoff Grundlage für das Weltwirtschaftswachstum und weltweit mit großem Abstand der Werkstoff Nummer Eins“.

In den letzten 25 Jahren hat sich die Weltproduktion von Stahl mehr als verdoppelt. Noch größere prozentuale Zuwächse, wenngleich auf niedrigerem Niveau, erreichte das zweitwichtigste Metall: Die Erzeugung von Aluminium hat sich mehr als verdreifacht.

Aufwärtstrend in China, Russland und Indien hält an

Größere Mengen Stahl und Aluminium bedeuten auch für die Hersteller von Hütten- und Walzwerkeinrichtungen mehr Aufträge. Stärkste Wachstumsmärkte der Branche sind, einer Umfrage des Fachverbandes Hütten- und Walzwerkeinrichtungen im Verband Deutscher Maschinen und Anlagenbau (VDMA) zufolge, Russland und Indien. Hier sehen die 21 befragten Unternehmen in den nächsten beiden Jahren die besten Chancen auf weiter steigende Absätze. Für China und die USA rechnet man ebenfalls mit einem Plus. Für Europa, Brasilien und Mexiko geht man von zumindest stabilen Märkten aus.

Damit hat in der internationalen Metallurgie-Branche, nach Jahren der Stagnation zu Beginn des Jahrhunderts, der weltweite Handel mit Anlagen und Einrichtungen zum Herstellen, Aufbereiten und Veredeln von Metallen aller Art seit 2004 deutlich zugelegt. Einem Anstieg der Exporte von zunächst 21% folgte ein Plus von 27% im Jahr 2005; auch 2006 rechnet der Fachverband mit einem zweistelligen Zuwachs. Den größten Bedarf an Maschinenimporten zeigte China mit deutlichem Abstand vor den USA und Russland.

Italienische Anbieter von Hütten- und Walzwerkstechnik liegen vorn

Führend beim Absatz im Ausland ist Italien, gefolgt von Deutschland und Japan. Die deutschen Hersteller konnten im vergangenen Jahr ihre Produktion um 14,4% auf 1,7 Mrd. Euro erhöhen – vor allem Dank der um 36,6% gestiegenen Inlandsnachfrage. Die Auslastung der Unternehmen stieg seit März 2006 binnen eines Jahres von 102,1 auf 111,9%.

Damit gehört die Metallurgie-Branche zu den am stärksten ausgelasteten Bereichen innerhalb des deutschen Maschinenbaus. Die Geschäftslage ist entsprechend: Zwei Drittel der Unternehmen, die sich an der VDMA-Konjunkturumfrage beteiligten, konnten ihre Ertragslage 2006 verbessern, ein Drittel konnte das Vorjahresniveau halten.

Boom in der Metallurgiebranche dürfte weitergehen

Dieter Rosenthal, Vorsitzender des Metec-Beirates und Vorstandsmitglied der Düsseldorfer SMS Demag AG, bestätigt: „Der Ende 2003 begonnene Branchenboom wird sich 2007 und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch 2008 fortsetzen“. Die USA sind, seiner Ansicht nach, ein potenzieller Wachstumsmarkt, weil „dort zahlreiche Altanlagen modernisiert oder durch moderne Fabriken ersetzt werden müssen“.

Hohe Erwartungen setzen die Düsseldorfer Maschinen- und Anlagenbauer in den russischen Markt. Dr. Heinrich Weiss, Vorsitzender der SMS group, sagt dazu: „Die in den vergangenen zehn Jahren privatisierte Stahlindustrie wird modernisiert und es werden neue Werke aufgebaut“. Indien baut infolge seiner Industrialisierung jetzt die eigene Stahlbasis aus. Hinzu kommen „viele Entwicklungsländer, zum Beispiel in Südostasien und Lateinamerika, die mit dem Aufbau einer eigenen leistungsfähigen Stahlindustrie beginnen“, erläutert Weiss.

Sonderstähle gefragt

Den latein- und nordamerikanischen Markt fest im Visier hat auch die Duisburger Thyssen-Krupp Steel AG. Für Dr. Matthias Gierse, Leiter des Profit Center Grobblech, sind die hier geplanten Projekte logische Folge der Konzentration auf anspruchsvolle, technologisch führende Produkte: „Diese Philosophie bildet die Grundlage für die internationale Wachstumsstrategie in den relevanten Märkten mit starker Nachfrage nach hochwertigem Qualitätsflachstahl“. Mit diesem Produkt, das unter anderem im Brücken- und Schiffsbau sowie für Druckbehälter, Pipeline-Rohre oder Bau- und Erdbewegungsmaschinen eingesetzt wird, erzielt Thyssen-Krupp Steel etwa 6% des Umsatzes.

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Ein Schlüsselprojekt ist der Bau eines integrierten Hüttenwerkes in der Bucht von Sepetiba bei Rio de Janeiro mit einem Investitionsvolumen von 3 Mrd. Euro und einer Kapazität von 5 Mio. t Brammen pro Jahr. Die Inbetriebnahme ist für Anfang 2009 vorgesehen. Gierse weiter: „Wir nutzen mit dieser Investition regionale Kostenvorteile und die Nähe zum Rohstoff Eisenerz“.

Thyssen-Krupp will Position bei hochwertigen Stählen ausbauen

Rund 60% der in Brasilien erzeugten Brammen sind zum Versorgen des nordamerikanischen Marktes mit hochwertigen Stahlqualitäten vorgesehen, verrät Gierse: „Hier wollen wir unsere Marktposition ausbauen und mittelfristig einen Anteil von fünf Prozent erreichen“. Ergänzend dazu ist der Bau eines Greenfield-Werkes mit „State of the Art“ Warm- und Kaltbandkapazitäten sowie Feuerbeschichtungsanlagen geplant.

Solche neuen Anlagen sieht Heinrich Weiss selbst dann nicht ungern, wenn sie, wie in Brasilien, nicht aus seinem Hause stammen: „Die vielen Anlagen nach dem technisch neuesten Stand setzen die Stahlindustrie in den klassischen Industrieländern in Westeuropa, Nordamerika und Japan zunehmend unter Modernisierungsdruck, weil diese Anlagen im Durchschnitt schon 20 oder 30 Jahre alt sind. Hier rechnen wir mittelfristig deshalb auch mit einer steigenden Nachfrage.“

Der SMS-Chef meint, dass zur Zeit ein Ende der Hochkonjunktur im Anlagengeschäft noch nicht abzusehen ist: „Mittelfristig wird dem Modernisierungsgeschäft, insbesondere im Bereich Elektrik und Automation, und dem technischen Service ein noch höheres Gewicht zukommen“.

Thyssen-Krupp investiert freilich nicht nur im Ausland, sondern stärkt auch die Standorte in Nordrhein-Westfalen, wie Gierse betont: „Damit wir hier 2 Mio. t Brammen aus Brasilien verarbeiten können, werden über das jährliche Normalprogramm von 500 Mio. Euro hinaus zusätzlich 400 Mio. Euro in den Ausbau der Verarbeitungs- und Veredelungslinien investiert“. Zusätzlich wird die Metallurgie in Duisburg durch Investitionen von 340 Mio. Euro gestärkt, ohne die Kapazität zu erhöhen. Gierse: „Duisburg bleibt damit der Stahlstandort Nummer Eins in Europa, mit einer hervorragenden Infrastruktur und einer optimalen Anlagenkonfiguration“.

Hohe Innovationskraft bei der Entwicklung neuer Stahlsorten

Weit mehr als 2000 Stahlsorten gibt es derzeit. 80% davon wurden in den vergangenen zehn Jahren entwickelt – ein deutliches Zeichen für die hohe Innovationskraft der Hersteller von Anlagen für Hütten- und Walzwerke. Die Veredelung verlagert sich dabei zunehmend in den Bereich der Sekundärmetallurgie. Es werden Spezialstähle selbst in kleinsten Mengen für extrem anspruchsvolle Auftraggeber wie Raumfahrtunternehmen erzeugt.

Im Trend liegen höherfeste Stähle – und das nicht nur in der Automobilindustrie. „Auch im Schiffsbau verwendet man zunehmend höherfeste Stähle, bei denen sich die Blechdicke verringern lässt, ohne dass die Belastbarkeit sinkt,“ weiß Wuppermann. Bei einem 40 000 t wiegenden Kreuzfahrtschiff, das zu etwa 35 000 t aus Stahl besteht, kann das Gewicht des Schiffs merklich gesenkt werden.

Es ist eine höhere Zuladung und ein geringerer Dieselverbrauch der Motoren möglich. Diese Argumente gelten auch für Aluminium, dessen Verwendung im Schiffsbau deshalb ebenfalls zunimmt.

Anlagenbauer sehen sich als langfristige Partner der Kunden

Die Anlagenbauer sind heute weit mehr als nur Auftragnehmer, sondern immer mehr „langfristige Partner der Kunden“, betont Dieter Rosenthal. Ein Vorteil der engen Zusammenarbeit beider Seiten: neue Projekte lassen sich schneller umsetzen als früher. Für den Kunden ergeben sich zudem weitere Vorteile: er erhält maßgeschneiderte Lösungen und mehr Möglichkeiten zur Einflussnahme während des Projektes. Mechanik, Elektrik und Automation stammen von nur einem Partner und die Integration in Prozesse der Anlagenbauer sorgt für einen Know-how-Gewinn.

Auch der Anlagenbauer zieht Nutzen aus der Partnerschaft. Rosenthal: „Sie ermöglicht eine effiziente Koordination während des gesamten Projektes und ein direktes Feedback der Kunden zu den Prozessen und Produkten“. Dazu kommt die Möglichkeit der gemeinsamen Entwicklung mit dem Kunden, der Aufbau langfristiger Kundenbeziehungen und damit ein weniger zyklisches Geschäft sowie ein Zusatzgeschäft durch Service und Ersatzteile.

Trend zu Turnkey-Lösungen

Heinrich Weiss stellt fest, dass sich beim Geschäft mit Neuanlagen ein Trend zu Turnkey-Lösungen feststellen lässt: „Dabei liefern wir unseren Kunden alles aus einer Hand – einschließlich der Elektrik und Automation“. Das Angebot „Mechanik, Technologie, Elektrik und Automation, Service aus einer Hand“ werde von den Kunden sehr gut angenommen.

Deshalb baue SMS die Bereiche Elektrik und Automation sowie Service weiter aus, bekräftigt Weiss: „Dies ist schon deshalb notwendig, weil das Auftragsvolumen aus dem mechanischen Teil unserer Anlagen relativ sinkt. Die von uns gebauten Maschinen und Anlagen arbeiten immer effizienter, so dass unsere Kunden, um eine bestimmte Jahresproduktion an Stahl zu erzeugen, dafür mit immer kleineren Investitionssummen auskommen“. Das Geschäft mit Elektrik und Automation sowie dem Service liefere hier den notwendigen Ausgleich. MM

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